Gespräch mit Ralph Herforth

Sonja Brunner mit Michael Zeuner ist nicht Herrin der Lage.
Als ausgerechnet Michael Zeuner in Sonjas neue Arbeitsstätte verlegt wird, ist sie nicht mehr Herrin der Lage.  | Bild: NDR / Georges Pauly

Sie spielen den Kriminellen Michael Zeuner, der mit äußerster Brutalität vorgeht, um aus dem Gefängnis zu entkommen. Was macht seinen Charakter aus?

Ich glaube, im Gefängnis gibt es diese sehr archaische Männergesellschaft mit einer klaren Hierarchie, und wer da nicht als erster am härtesten zuschlägt oder sich am brutalsten gibt, der wird untergebuttert, muss für alle anderen Dienstleistungen erledigen oder wird im schlimmsten Fall vergewaltigt. Und der Michael Zeuner ist einer, der sich in keiner Weise unterordnet. Er ist physisch und psychisch der mit Abstand Gefährlichste und darum fährt er auch solche Aktionen. Das ist auch der Grund dafür, dass er den anderen Gefangenen, den Walter, so anzieht. Der findet das toll, sich mit dem Stärksten zu verbünden. Die beiden ergänzen sich.

Ist der Film für Sie authentisch?

Absolut. Ich war nie im Gefängnis, aber ich habe schon oft mit Kriminellen gesprochen. Ich weiß, dass es im Gefängnis eine eigene Gesetzgebung gibt. Die Währung heißt Alkohol, Zigaretten, Drogen, Beziehungen. Das ist wichtig. Das ist eine andere Währung als hier draußen, wo wir mit Euro und Kreditkarten zahlen. Und die Hierarchie unter den Schwerstkriminellen ist mitunter sehr gewalttätig.

Die Rolle des TV-Bösewichts ist Ihnen wie auf den Leib geschnitten. Was fasziniert Sie an einer Figur wie Michael Zeuner, die das Böse verkörpert?

Am Bösen fasziniert mich eigentlich gar nichts. Ich finde es abstoßend und erschreckend. Aber einen Menschen zu spielen, der abgrundtief böse ist, dem Schmerzen Anderer überhaupt nichts bedeuten, der jemanden wirklich lächelnd lebendig abfackelt, das ist faszinierend, darauf einzusteigen. Gewalttätigkeit ist mir nicht unbekannt, weil ich in einer Siedlung groß geworden bin, wo überwiegend sozial Schwache gelebt haben, und da war immer viel Gewalt und Suff im Spiel. Es gab Schlägereien, nicht in meiner Familie, aber in der Nachbarschaft. Und diese Atmosphäre der Gewalttätigkeit habe ich nie vergessen und kann sie vielleicht deswegen auch glaubhaft herüberbringen.

Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet?

Ich recherchiere das Thema und ich habe vor allem das Buch mehrmals gelesen und dann entstehen in meinem Kopf Bilder von Menschen, die morden und böse sind. Viele Menschen sind zutiefst grausam und Michael Zeuner ist einer von ihnen. Wenn er Sonja Brunner anmacht, dann ist das nicht die Lust auf die Frau, sondern die Lust an der Macht. Er spürt ganz genau, dass Sonja da nicht mehr herauskommt. Das ist so ein Instinkt, den man im Gefängnis entwickelt. Die spüren, wo die Schwäche des Anderen ist. Nach einer Weile kennt man die Mit-Insassen, und sie einschätzen zu können, ist für das eigene Überleben im Gefängnis extrem wichtig. Da sind Nettigkeiten nicht angesagt.

In "Angst in meinem Kopf" geht es auch um die Brüchigkeit der Familie ...

Das ist das Tolle an dem Buch. Sonja Brunner ist ja eigentlich nicht käuflich. Sie ist ganz koscher, aber sie steht so mit dem Rücken an der Wand, nicht nur finanziell, sondern auch, weil die Familie ihr wichtig ist und sie von der Stieftochter unbedingt geliebt werden möchte. Aber die hat ein sehr ambivalentes Verhältnis zu ihr. Und darum schenkt sie der Stieftochter das Handy, das sie sich unbedingt gewünscht hat. Aber um ihr das schenken zu können, macht sie sich im Gefängnis erpressbar. Das ist toll geschrieben und das versteht jeder. Jeder kapiert das und fragt sich, hätte ich da anders gehandelt?

Sie haben in der Vergangenheit auch das seichte deutsche Fernsehen kritisiert. Ist dieser Film anders?

Jeder Film von Thomas Stiller ist anders. Thomas inszeniert anders, er hat einfach eine Meinung zur Schauspielerei. Er sagt oft, "das sieht alles falsch aus, hör auf, lass es sein, das glaube ich dir nicht, versuch es mal mit der Wahrheit". Ich liebe ihn. Er ist authentisch und er versteht einfach etwas vom Filmemachen. Er erzählt nicht einfach über leere Worte, sondern über Befindlichkeiten, und die kann er ins Bild übertragen. Seine Filme erzählen keine Nettigkeiten. Seine Filme haben etwas Zwingendes.

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