Gespräch mit Claudia Michelsen

Sonja Brunner (Claudia Michelsen) ist der Kaltblütigkeit Michael Zeuners (Ralph Herforth) nicht gewachsen.
Sonja ist der Kaltblütigkeit Michael Zeuners einfach nicht gewachsen. | Bild: NDR / Georges Pauly

Sie spielen eine JVA-Beamtin, die im Männergefängnis arbeitet und privat und beruflich in eine verzweifelte Lage gerät. Was hat Sie an der Geschichte interessiert?

Mich hat vor allem interessiert, dass wir es auf den ersten Blick mit einer Frau zu tun haben, die eigentlich in einer besseren Position ist als die "Gefangenen". Aber was macht der Kopf mit einem, was macht ein Trauma mit einem? Wie viel Raum gibt es heute, so etwas wirklich ernst zu nehmen? Was sind die tatsächlichen Umstände in Gefängnissen für Inhaftierte und Betreuer? Und ganz plötzlich dreht sich alles. Sie selbst ist gefangen in ihrer Situation.

Haben Sie für Ihre Rolle in Gefängnissen recherchiert?

Das war schwer, da gibt es ja nicht Zeiten für interessierte Besucher. Ich hatte das Glück, mir einen halben Tag mit Betreuern die Abläufe anschauen und natürlich immer wieder Gespräche führen zu dürfen.

Nach der brutalen Geiselnahme verweigert Sonja Brunner Gespräche mit dem Gefängnispsychologen. Warum handelt sie so und lässt sich trotz dieser Traumatisierung wieder in ein Männergefängnis versetzen?

Ehrlich gesagt wäre das eine Frage an Thomas Stiller. Warum tun wir manchmal Dinge im Leben und warum tun wir sie nicht? Ich habe es für mich so begründet, dass sie Angst davor hat und es sich letzten Endes auch ganz einfach nicht leisten kann, nicht zu arbeiten. Und so läuft man einfach weiter, sich selbst überschätzend, bis es einen wieder einholt.

Können Sie nachvollziehen, dass Frauen ausgerechnet im Männergefängnis arbeiten?

Man sagt wohl, dass Frauen besser oder anders deeskalieren können. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Zu viele schlimme Dinge sind auch da trotzdem passiert, wie wir wissen.

Wird Sonja Brunner zur Zielscheibe des äußerst aggressiven Michael Zeuner, weil sie als Frau ein leichtes Opfer ist?

Ich denke, Zeuner riecht immer den schwächsten Punkt im Raum und weiß, wann er zu seinem Vorteil angreifen kann. Ich glaube, da ist es egal, ob das eine Frau oder ein Mann ist.

Sonja Brunner ist gefangen in ihrer persönlichen Situation und gefangen in ihrer zunehmenden Abhängigkeit von den Straftätern. Scheitert sie auch an ihrem Wunsch, es allen recht machen zu wollen?

Das ist sicherlich eine der größten Schwächen dieser Frau, aber auch eine menschliche Stärke, sich um Andere kümmern zu wollen, die ganze Familie versorgen zu müssen, sich selbst nie in den Vordergrund zu stellen. Ich finde es für den Film von Vorteil, dass es auch zu Hause nicht nur harmonisch zugeht und dass sie keine eigene Tochter hat, sondern eine Stieftochter und sie auch hier zu kämpfen hat. Sie kümmert sich um alle und alles, nur nicht um sich selbst.

Ausgerechnet ein Sexualtäter gewinnt das Vertrauen der JVA-Beamtin und zeigt eine sehr menschliche Seite. Mussten Sie da erst einmal schlucken, als Sie das Drehbuch gelesen haben?

Nein, denn wie oft habe auch ich mich schon in Menschen geirrt, haben mich Vorurteile irregeleitet. Natürlich nicht mit Sexualtätern. Aber ich finde diese Begegnung gut übersetzbar in viele Begegnungen, die man so hat im Leben. Wir vergessen einen Moment lang, was dieser Mensch eigentlich für eine Geschichte hat, was er vielleicht auch Schlimmes getan hat, weil er Sonja Brunner wirklich sehen, erkennen kann und sie versteht. Außerdem war es natürlich ganz wunderbar, endlich mit Charly diese kleine Geschichte erzählen zu können.

Was verbindet Robert Sturm und Sonja Brunner?

Ich möchte das nur ungern genau ausformulieren, vielleicht ist er der Vater oder Partner, den sie nie hatte, und sie ist die Frau, an der er sich nicht vergehen muss, weil auch sie ihm zuhören kann, weil sie ihn ernst nimmt. Es gibt eine undefinierte Verbindung, wie es eben im Leben auch manchmal passiert, und man weiß dann gar nicht, wo es herkommt.

Sie haben auch in Gefängnissen gedreht. Beeinflussen die Dreharbeiten an authentischen Orten die Schauspielarbeit?

Die ersten Tage waren tatsächlich etwas merkwürdig. Man fühlt sich ein wenig wie ein Eindringling. Aber wir hatten das Glück, wenn man das so sagen kann, in einem stillgelegten Trakt drehen zu dürfen. Und durch die unfassbar gute Unterstützung der Betreuer vor Ort war alles wunderbar, geschützt und trotzdem sehr nah.

Gab es vor den Dreharbeiten Gespräche über die Figur mit Thomas Stiller, der nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben hat?

Thomas arbeitet da etwas anders, natürlich hatten wir Gespräche, und ich hatte Unmengen an Fragen. Aber er macht im Prinzip ein Angebot mit dem Buch, und nun ist es die Aufgabe des Spielers selbst, die Figur zu interpretieren. Er übergibt dir sehr viel Verantwortung und schreitet natürlich ein, wenn man sich völlig verlaufen sollte. Er ist trotzdem an deiner Seite und weiß sehr genau, was er erzählen möchte, aber lässt dir als Spieler den Raum.

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