Gespräch mit Thomas Stiller

Regie

Regisseur Thomas Stiller
Regisseur Thomas Stiller | Bild: dpa

Im Mittelpunkt Ihres Films steht die JVA-Beamtin Sonja Brunner, die sich immer tiefer in eine aussichtslose Situation manövriert. Was stand für Sie bei der Geschichte im Vordergrund?

Mich hat die Situation im Gefängnis interessiert, dass die Insassen, aber auch die JVA-Beamten ihr Leben hinter verschlossenen Türen verbringen – beide sind auf ihre Art Gefangene, nur dass die Beamten abends nach Hause gehen und in ihren eigenen Betten schlafen. Daraus ergeben sich spannende Beziehungsgeflechte. Ich habe zwei Dauerthemen, die mich interessieren, das sind Gewalt und Gesellschaft im Mikrokosmos, die Familie, das Gefängnis. Daran kann ich zeigen und verstehen, wie Gesellschaft funktioniert, wie Menschen miteinander umgehen. Und ich fand es spannend zu gucken, wie Sonja Brunner nach diesem absolut gewalttätigen Erlebnis versucht, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Das sind Sachen, die sind für den normalen Menschen unfassbar. Aber dann passieren sie doch. Es kann uns allen passieren. Da muss man sich nicht zu sicher fühlen. Wenn sich Situationen im Leben ändern, kann es für alle aus dem Ruder laufen.

In "Angst in meinem Kopf“ arbeitet eine JVA-Beamtin ausgerechnet in der aufgeheizten Atmosphäre eines Männergefängnisses. Ist das überhaupt realistisch?

Im Männergefängnis arbeiten 30 Prozent weibliche JVABeamte. Und die werden auch richtig sauer, wenn man sie darauf anspricht. Das ist für sie genauso normal wie Frauen bei der Bundeswehr. Es ist in der Tat so, wie es die Sonja Brunner am Anfang des Films sagt, dass Frauen im Großen und Ganzen deeskalierend wirken bei Problemen, die mit Gefangenen auftreten. Männer haben Frauen gegenüber eine andere Hemmschwelle und Übergriffe sind nicht so häufig. Vor dem Film habe ich mir auch viele Dokumentationen zu dem Thema angeschaut. Man braucht für die Arbeit in der JVA keine spezielle Ausbildung, und wenn man die Justizvollzugs-Beamten so reden hört, erzählen sie, dass sie in den Job mehr oder weniger hineingeschlittert sind. Das hat sich halt so ergeben.

Bei einem Abendessen mit Freunden wird Sonja Brunner mit der These konfrontiert, dass es den JVA-Beamtinnen um Machtausübung geht. Stimmt das?

In Amerika ist das oft so, dass Frauen, die auch wirklich Wärterinnen heißen und nicht JVA-Beamtinnen, die Insassen schikanieren, zum Teil vergewaltigen sie auch männliche Insassen. Da gibt es sicher die Machtnummer, aber hier bei uns ist es anders herum. Hier muss man wirklich aufpassen, was man macht, weil bei uns alles auf Rehabilitation und nicht auf Bestrafung angelegt ist, was sicherlich ein vernünftiger Ansatz ist, aber es macht die Arbeit oft schwieriger für die Beamten. Die Situation im Film, als Sonja Brunner mit Scheiße beworfen wird, das ist wirklich eine ganz klassische Bestrafung für JVA-Beamte.

Der Straftäter Michael Zeuner agiert extrem aggressiv. Verhält er sich so, weil sein Gegenüber eine Frau ist?

Nein, das glaube ich nicht. Der hätte auch einen Mann so angegangen. Solche Ereignisse haben ja auch tatsächlich stattgefunden. Es gibt so unglaublich brutale Menschen, aber ich habe eben auch drei verschiedene Charaktere von Straftätern in der Geschichte: den brutalen Zeuner, den Frauenmörder Sturm, der grausame Sachen gemacht hat, aber trotzdem Sonja Brunner gegenüber zutiefst menschlich ist, weil sie ihm auch als Mensch begegnet. Und dann haben wir jemanden wie den Walter, der ein Checker ist, der geborene Kaufmann, der guckt, wie er sein Leben im Gefängnis bequem einrichten kann. Er erkennt in Zeuner sofort das Alphatier und ordnet sich unter und weiß, wo seine Fähigkeiten liegen, um den Alltag im Gefängnis zu überleben und es sich gutgehen zu lassen.

Sie erzählen auch eine Geschichte von Korruption und Erpressung und wie eine Beamtin im Männergefängnis ihre eigenen moralischen Ansprüche immer mehr aufgibt. Zeichnen Sie da nicht ein sehr düsteres Bild von deutschen Gefängnissen?

Klar gibt es Erpressung und Korruption in deutschen Gefängnissen. Leute werden wegen Drogen eingesperrt und das erste, was sie kaufen können, sind Drogen. Im Film kann man die Mechanismen gut erkennen. Sonja Brunner versucht lange genug, sich dagegen zu wehren, mitzumachen. Aber dann werden die finanziellen Nöte und die äußeren Umstände immer unangenehmer, so dass sie keine andere Lösung mehr weiß, als darauf einzugehen. Der Strafgefangene Walter geht auch total geschickt vor. Er tut Sonja Brunner erst einen kleinen Gefallen, vermittelt einen günstigen Autokauf und sie revanchiert sich mit den beiden Tüten Backpulver und weiß nicht, dass sie damit das erste Tauschgeschäft eingeht. Dahinter steht der Plan, sie geschmeidig zu machen. Irgendwann steckt sie so tief drin, dass sie die Situation nicht mehr unter Kontrolle hat, und der einzige, mit dem sie reden kann, ist einer der schlimmsten Verbrecher. Denn ihre Familie ist ihr Hafen, aber die funktioniert nicht mehr. Sie ist insgesamt ein relativ verlorener Mensch.

Dieser schlimme Verbrecher ist Robert Sturm, ein Sexualtäter und Frauenmörder, gespielt von Charly Hübner. Was war Ihre Motivation, ihm ein besonders menschliches Gesicht zu geben?

Es ist immer interessant, wenn Figuren ambivalent sind. Man weiß ganz lange nicht, ob er eine Gefahr darstellt oder eben nicht. Sturm hat seine eigene Moral, und wir wissen ja nicht, warum er jemanden getötet hat. Er soll geheimnisvoll sein. Das ist jemand, von dem man gar nicht erwarten würde, dass er hilft. So etwas ist immer spannend.
Zwischen den beiden besteht eine rein platonische Beziehung. Wenn er zu Sonja Brunner sagt "Sie sind ein feiner Kerl", dann meint er das auch. Da ist nichts Sexuelles zwischen ihnen, obwohl er immer mit nacktem Oberkörper in der Zelle sitzt und auch mal ihre Hand nimmt. Das sind zwei Menschen, die beide gefangen sind und die sich verstehen und gegenseitig schätzen, und das finde ich toll.

Sie steigen relativ schnell mit einer sehr brutalen Szene ein. Soll so eine Atmosphäre der Bedrohung geschaffen werden, die sich durch den ganzen Film zieht?

Klar. Man muss wissen, welche Gefahr der Sonja Brunner droht, damit man versteht, warum die ausflippt, wenn der Typ zurückkommt. Man muss verstehen, dass siewirklich traumatisiert ist und nicht mehr in dem gleichen Gefängnis arbeiten kann. Und dann wird er ausgerechnet in das Gefängnis verlegt, in das sie sich hat versetzen lassen. Das passiert. Ich habe davon gehört, dass Gefängnisdirektoren, wenn dort ein Mord passiert, die Mörder einfach versetzen lassen, um den Stress los zu sein, um sich damit nicht mehr auseinanderzusetzen zu müssen. Da wird der Mord nicht geklärt, weil das unangenehm ist, und man schafft den Typen weg.

In vielen ihrer Filme sind die Täter auch Opfer. Warum haben Sie in "Angst in meinem Kopf" darauf verzichtet und den Straftäter Michael Zeuner als besonders skrupellos dargestellt?

Manchmal ist es okay, den Bösen böse sein zu lassen. Der hat natürlich seine Motivation, weiß, was er will. Er würde von sich selber natürlich nicht sagen, dass er böse ist, sondern das System ist böse und er verhält sich so, weil es nicht anders geht. Aber er ist eine Figur, die keinen netten Zug haben muss. Er ist verkorkst, da geht nichts mehr. Solche Menschen gibt es eben. Der ist der klare Antagonist, eine Urkraft gegen die Frau, gegen die sie anzukämpfen hat. Er will raus, er will seine Freiheit wieder, die er längst verspielt hat, die ihm nicht mehr zusteht.

Wie haben Sie recherchiert?

Ich habe gute Beziehungen zum Gefängnisdirektor in Oldenburg. Er mag mich und meine Filme, und ihm habe ich das Drehbuch gezeigt, weil ich keinen Quatsch erzählen wollte. Ich habe auch einem der größten Serienmörder- Experten das Buch wegen der Figur des Robert Sturm gegeben, denn es sollte authentisch sein und ich wollte mich nicht angreifbar machen. Ich finde, eine Geschichte über deutsche Gefängnisse muss glaubwürdig und in sich stimmig sein.

Stehen also Gewalt und Erpressung auf der Tagesordnung?

Das sicher nicht. Aber es passiert eben. Das ist nichts total Ungewöhnliches. Ich weiß nicht, ob das in Oldenburg so ist. Dort haben sie eine Null-Gewalt-Toleranz. Das klappt ganz gut. Aber in anderen Gefängnissen ist das so. Ich war mal in einem Gefängnis, wo sie mir versichert haben, dass nichts passiert, und eine Woche später hat ein Beamter eine Teekanne von einem Gefangenen ins Gesicht bekommen. Ganz viele sagen natürlich, das ist nicht so. Sie wollen das einfach nicht wahrhaben. Aber an meinem Film ist nichts, was übertrieben wäre.

Claudia Michelsens Darstellung der Sonja Brunner ist von großer Intensität. Gab es viele Diskussionen über die Figur?

Claudia war absolut super. Alle Schauspieler waren eine große Freude. Aber Claudia hat das toll gespielt. Am Anfang hatte sie auch Ängste vor der Figur. Sie spielt ja auch oft sehr starke Frauen, aber die Sonja Brunner ist in einer Grenzsituation und sie ist keine Intellektuelle, sie ist eher weich und auch etwas simpler. Wir beide haben uns vier oder fünf Mal vor den Dreharbeiten getroffen, um die Figur zu besprechen, damit wir nicht am Set lange diskutieren müssen. Das hat gut funktioniert.

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