Idee, Team, Drehorte

Gespräch mit Katharina M. Trebitsch (Produktion) und Sebastian Orlac (Drehbuch, Creative Producer)

Golo Mann (Edgar Selge, r) und Berthold Beitz (Sven-Eric Bechtolf, l) treffen sich 1973 zum ersten Mal während der Jubiläumsfeier der Degussa in Essen, wo Mann eine Festrede hält.
Golo Mann und Berthold Beitz treffen sich 1973 zum ersten Mal während der Jubiläumsfeier der Degussa in Essen, wo Mann eine Festrede hält. | Bild: WDR / Wolfgang Ennenbach

»Ein Nest aus Widersprüchen wird jede lebende Seele, sobald man sie beschreibt.«

(Golo Mann, Notizen zu Wallenstein)

Die Idee

Können Sie sich vorstellen, einen Film über den Krupp­Manager Berthold Beitz zu drehen? Mit dieser Frage des Fernsehdirektors des WDR, Jörg Schönenborn, an die Filmproduzentin Katharina M. Trebitsch beginnt ein vierjähriges Projekt, von dem am Ende alle Beteiligten sagen werden, es war gut und wichtig, mit dabei gewesen zu sein. Katharina M. Trebitsch wendet sich an den Drehbuchautor Sebastian Orlac, den sie bereits aus der Zusammenarbeit an mehreren TV­Produktionen kennt. Beiden ist klar, eine der großen Herausforderungen ist die authentische Darstellung eines Mannes, der zwar als Person des öffentlichen Lebens gewirkt, sein Privatleben vor dieser aber eher verborgen hat. Sebastian Orlac beginnt zu recherchieren und stößt in den Golo Mann Archiven in Bern auf bedeutende Tonbandaufnahmen.

Aus dem achtstündigen Material geht hervor, dass Berthold Beitz den Historiker Golo Mann beauftragt hat, ein Buch über Krupp zu schreiben. Jetzt ist klar, diese dokumentierte Begegnung beider Männer, deren gesellschaftlicher und sozialer Hintergrund nicht unterschiedlicher sein kann, muss im Zentrum des Films stehen. Als Produzentin und Autor diese Idee an den WDR herantragen, findet sie dort sofort Zuspruch und wird von Jörg Schönenborn und der damaligen WDRRedakteurin Dr. Barbara Buhl und nachfolgend von Nina Klamroth sowie von Christine Strobl, ARD Degeto, unterstützt. Der Anfang ist getan, doch die eigentliche Herausforderung steht noch bevor.

Die Form

"Mir war schnell bewusst, dass ich das Leben von Berthold Beitz nicht in das klassische Genre eines chronologischen Biopics pressen will", erinnert sich Orlac. Es ist auch keine Heldengeschichte, die der Film erzählen soll. Orlac ergreift die Chance, anhand ausgewählter Lebensstationen des Indus triellen Beitz den Diskurs auf ein Stück bundesdeutscher Zeitgeschichte zu erweitern. Wie kann man während des Zweiten Weltkrieges jüdischen Zwangsarbeitern das Leben retten und nach dem Krieg Krupp, der ehemaligen Waffenschmiede der Nation, das Überleben sichern? Wie ist es möglich, dass eine ganze Generation einfach so schweigend weitermacht?

"Unser Film war nie als reine Dokumentation des widersprüchlich erscheinenden Lebens von Berthold Beitz’ gedacht", so Trebitsch. "Er sollte auf etwas zeigen, was eigentlich unsichtbar ist: die geistige Verfassung Deutschlands nach dem Krieg, deren Folgen bis in die Gegenwart zu spüren sind." Es sind die Gespräche zwischen Golo Mann und Berthold Beitz, die letztendlich den Weg bereiten, die Geschichte des Unsichtbaren mit der Realität zweier deutscher Persönlichkeiten zu verbinden. "In der ersten Fassung des Drehbuches habe ich noch versucht, mich so genau wie möglich an die historisch belegten Fakten zu halten. Fast wortwörtlich aus Quellen zu zitieren, sehr dokumentarisch zu sein", so Orlac: "Allerdings stieß ich sehr schnell an erzählerische Grenzen. Und so musste ich – vor allem basierend auf den Tonband­Gesprächen – die Geschichte um Dialoge erweitern, die zwischen Beitz und Mann zwar durchaus möglich gewesen wären, für die sie jedoch zum damaligen Zeitpunkt und aus verschiedenen Gründen vielleicht nicht mutig gewesen sind."

Die Glaubwürdigkeit dieser fiktiven Elemente ermöglichen rückwirkend zwei Menschen dabei zu beobachten, wie sie versuchen, ihr Leben und ihre Taten in Zeiten von Unmenschlichkeit und gesellschaftlichen Versagens einzuordnen. Trebitsch erinnert sich, als Edgar Selge (Golo Mann) das Drehbuch das erste Mal gelesen hat, habe er gesagt, das sei ein Film über das Schweigen. "Damit hat er genau beschrieben, worum es geht: um Schweigen in der Gesellschaft, um Schweigen in der Familie. Nun ist die Frage, wie macht man das Schweigen sichtbar im Film, wenn es Zeitsprünge gibt und viele Beziehungen zu Personen, denen Beitz begegnet ist, nur ganz kurz dargestellt werden können?"

Die Zeit

Die Antwort liegt in einem bewusst gewählten zeitlichen Erzählrahmen. "Wir wollten so wenige Rückblenden wie möglich verwenden", so Orlac. Stattdessen werden "zwei Zeit­Klammern" genutzt. Die eine beschreibt den Zeitrahmen 1973 bis 1981, in dem sich Beitz und Mann das erste Mal begegnen und in dem ihre Gespräche auch tatsächlich stattgefunden haben. In diesem Zeitraum sind die Kinder der Familie Beitz bereits ausgezogen, Else Beitz beginnt zu studieren und Berthold Beitz wird der Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem verliehen.

Die andere Zeitschiene setzt nach dem Scheitern des Buch­Projektes ein und begleitet die beiden Männer bis zu Beginn der 1990er Jahre, als Beitz endlich bereit ist, den Ehrentitel entgegenzunehmen. Nur zweimal wird Beitz durch einen "Geist der Vergangenheit" – Anna (Maya Gorkin) – noch weiter zurück in seine Vergangenheit geführt. "Anna steht auch für sein Gewissen", erklärt Trebitsch. "Sie symbolisiert die moralische Verflechtung zweier Zeiträume deutscher Geschichte. Sie macht das Unsichtbare sichtbar." Produzentin und Autor sind sich einig, so kann dieser zeitgenössische Film in einer neuen Weise erzählt werden, die weit über ein Biopic hinausgeht. ARD Degeto und WDR stimmen dem zu. Vier Jahre sind inzwischen von der ursprünglichen Filmidee bis zum ersten Drehtag vergangen.

Die Drehorte

Gedreht wird an insgesamt 29 Tagen in Nordrhein­Westfalen, Mecklenburg­Vorpommern und Österreich. Bereits im Vorfeld der Planung steht fest, dass die meisten Originalschauplätze nicht mehr vorhanden oder für nicht­dokumentarische Dreharbeiten nicht zur Verfügung stehen. "Mit Unterstützung unseres ausgezeichneten Teams, unter anderem mit der Szenen bildnerin Gabriele Wolff und Elisabeth Kraus, die für das Kostümbild verantwortlich zeichnet, haben wir Drehorte gefunden, die dem notwendigen Zeit­ und Raumgefühl entsprechen", so Trebitsch.

Schlösser in Niederkirchen und Königswinter dienten als Kulisse für die Villa Hügel und die Krupp­Stiftung. Die KruppWerke wurden im Landschaftspark Duisburg­Nord aufgebaut und die Szenen am Boryslawer Bahnsteig wurden im Rheinischen Industriebahn­Museum in Köln gedreht. Auch Beitz’ Villa in Bredeney, einem südlichen Stadtteil der Stadt Essen, wird für die Dreharbeiten nach Köln verlegt. "Zemmin, heute ein Ortsteil von Bentzin in Mecklenburg­Vorpommern, ist der einzige Drehort an einem Originalschauplatz", so Orlac.

Das Team

Als im Januar 2019 die Probeaufnahmen mit Sven­Eric Bechtolf gemacht wurden, war sofort klar, die Rolle von Berthold Beitz ist besetzt. "Es gibt viele Dinge, die mich am Spiel von Bechtolf beeindrucken", so Orlac: "Unter anderem berührt er die Menschen ganz oft mit seinen Händen, so wie das auch Beitz von Freunden und Bekannten nachgesagt wird. Dabei verfügt Bechtolf über so einen großen Variantenreichtum, wie ich ihn im Drehbuch nie hätte beschreiben können." Als dann auch Edgar Selge zusagte, die Rolle von Golo Mann zu übernehmen, war klar, "diese Produktion steht unter einem guten Stern", so Orlac.

Regisseur Dror Zahavi und Katharina Trebitsch kannten sich bereits aus der Zusammenarbeit einiger anderer TVProduktionen. "Dror Zahavi ist ein Regisseur, der dem Film ohne übliche Gewalt­ oder Action­Elemente eine ungeheure Kraft und Farbigkeit verleiht", so die Produzentin. "Während der Dreharbeiten war er ständig in Bewegung und hat trotzdem diese innere Ruhe bewahrt. Diese Eigenschaft hat sich auf den Film übertragen. Er hat Tempo und Stille zugleich."

In Orlacs Drehbuch finden sich 48 Rollen wieder. "Ein Umstand, der für den Regisseur eine weitere große Herausforderung darstellt und die Zahavi meisterhaft gelöst hat", so der Autor. Mit der Kölner Zeitsprung Pictures GmbH stieß zudem eine weitere erfahrene Produktionsfirma zum Team, die das mithilfe der Film­ und Medienstiftung NRW finanzierte Projekt als ausführende Produzenten unterstützt. Für die Verwirklichung des Projektes war die rückhaltlose Unterstützung seitens des WDR entscheidend und das Vertrauen, das im professionellen Zusammenspiel aller Mitwirkenden lag, betont Trebitsch: "Das Engagement aller war wirklich ganz besonders und hat uns tief beeindruckt."

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