Im Gespräch mit Regisseur Dror Zahavi

Beitz – Ein Pragmatiker mit Prinzipien

1977 reist Bundeskanzler Helmut Schmidt (Bernhard Schütz, vorne) nach Polen und besucht Auschwitz. Auch Berthold Beitz (Sven-Eric Bechtolf) gehört zur Delegation.
1977 reist Bundeskanzler Helmut Schmidt nach Polen und besucht Auschwitz. Auch Berthold Beitz gehört zur Delegation. | Bild: WDR / Bernd Spauke

Was hat Sie an einem Film über den deutschen Industriellen Berthold Beitz gereizt?

Die Person Berthold Beitz war mir zwar bekannt, aber dessen gesellschaftliche Bedeutung nicht wirklich geläufig. Was mich an diesem Projekt besonders interessiert hat, ist die Beziehung zwischen Berthold Beitz und Golo Mann, die Verbindung zwischen Wirtschaft und Kunst. Die Brisanz dahinter und das lange philosophische Gespräch zweier historischer Persönlichkeiten, das im Mittelpunkt steht, haben mich sofort überzeugt

Dieses philosophische Gespräch zwischen Berthold Beitz und Golo Mann hat über acht Stunden gedauert. Wie viel findet sich davon im Film wieder?

Der Drehbuchautor Sebastian Orlac hat sehr gut recherchiert und wir haben sehr lange und oft darüber gesprochen, auf welchen Ebenen der Film spielen soll. Wann und wie wir die dokumentarische Ebene verlassen dürfen und wann wir sie verlassen müssen. Wie können wir reale Ausschnitte dieser Beziehung zwischen Beitz und Mann glaubwürdig darstellen? So real wie aus ihren Gesprächen bekannt, aber auch fiktiv und damit für den Zuschauer wirkungsvoll in der Wahrnehmung. Bis zum Schluss haben wir dazu noch verschiedene Ideen ausprobiert und umgesetzt. Dennoch, die Erwartung, dass ein Regisseur, Drehbuchautor oder Schauspieler durch die Arbeit an einem Film das Wissen und die Fachkompetenz besitzen, eine genaue Bewertung der porträtierten Personen zu treffen, ist meiner Meinung nach falsch. Wir werden dadurch nicht zu Instanzen der absoluten Wahrheit. Auch ein Film über historische Persönlichkeiten wie Beitz und Mann muss zuerst als Kunstwerk für sich funktionieren. Sonst hätten wir uns für einen Dokumentarfilm entschieden.

Wie beschreiben Sie dieses Kunstwerk und mit welchen stilistischen Mitteln wurde es erschaffen?

Der Film ist vor allem deshalb sehr außergewöhnlich, weil er keine herkömmliche Dramaturgie hat. Er hat zwar einen dramaturgischen Rahmen, aber der ist sehr fragmentarisch. Er basiert auf einer Auseinandersetzung zweier Menschen mit dem Zweiten Weltkrieg, mit ihrer Vergangenheit und mit der Frage: Warum bin ich so geworden, wie ich bin? Ich denke, dass dieser Film dem Genre nach zwar ein Drama ist, aber eher in seiner Wirkung, da er den dramaturgischen Gesetzmäßigkeiten eines Dramas folgt.

Stilistisch haben wir uns zweier Ebenen bedient – ich nenne sie die poetische und die realistische Ebene. Unsere Bildsprache nutzt die Poesie für die inneren Befindlichkeiten der Hauptfiguren. Auf der realistischen Ebene finden die Gespräche statt, die Berthold Beitz mit Golo Mann führt. Manchmal treffen sich diese zwei Ebenen. Wir haben versucht, diese Begegnung mit filmischen Mitteln aufzulösen. Wir haben sehr viele poetische Bilder verwendet und das Tempo des Films an jenen Stellen verlangsamt, damit diese auch wirken können. Während die dokumentarischen oder realistischen Szenen eher konventionell gedreht wurden.

Sie sprachen von der dramatischen Wirkung, die der Film besitzt. Die entfaltet sich auch durch die inhaltliche Ebene des Films, die zugleich eine politische und zeithistorische ist. Wie sind Sie damit als Regisseur umgegangen?

Meine Aufgabe als Regisseur ist es, eine Position zu beziehen. Wenn ich also einen Film über Berthold Beitz drehe, muss ich für mich selbst Antworten auf bestimmte Phänomene in dessen Leben finden. Was für mich deutlich sichtbar war, ist eine sehr starke Persönlichkeit, die der Gräuel der Vergangenheit nicht entfliehen kann. Egal wie gut er im gesellschaftlichen Leben funktioniert, wie erfolgreich Beitz sich gegen Widerstände durchsetzen kann, damals bis in die Gegenwart, sind Menschen wie er in sich sehr verletzbar, sehr zerrissen und kaputt. In dieser Hinsicht liegt die Dramatik für mich unter anderem in der Art und Weise, mit der Berthold Beitz versucht, jene Geister zu bekämpfen, die tief und verborgen in ihm schlummern, diesen Kampf aber verliert. Er scheitert. Beitz wird mit einem Nervenzusammenbruch ins Sanatorium bei München eingeliefert. Es ist der dramatische Prozess eines Nervenzusammenbruchs, der sich über sehr viele Jahre hinweg zieht. Dieser Nervenzusammenbruch ist für mich auch eine Metapher für den Zustand der deutschen Gesellschaft, in der Beitz nach dem Zweiten Weltkrieg als Manager aufstieg.

Warum war gerade diese Zeitachse so wichtig für den Film?

Wir sprechen hier von den 1970er bis 1990er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland. Vor diesem Zeithintergrund lässt sich Beitz’ Konflikt sehr gut erzählen. Rund 25 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Stellen in Wirtschaft und Politik noch mit Leuten besetzt, die aktiv oder inaktiv Hitlers Naziregime erlebt haben und einen bestimmten Geist dieser Nazizeit noch immer aufrechterhalten. Sprich, ein "Judenretter" zu sein, war in den 1970er Jahren der Karriere nicht immer förderlich. Ich glaube, dass Beitz in seinem Wesen ein Pragmatiker war. Er hatte zwar seine Prinzipien, aber er wusste, wie er sich zu bewegen hat. Und das konnte er schon seit den 1950er Jahren. Beitz wusste, was es brauchte, um an eine Machtposition zu gelangen. Das trieb ihn um. Er wollte nach oben und er wollte Macht. Im Film sagt er, dass er selber endlich Macht haben will, um zu verhindern, dass die grausamen Dinge, die er erlebt hat, wieder passieren. Dafür hat er Kompromisse gemacht. Beitz wusste, bestimmte Sachen durfte er nicht sagen und bestimmte Sachen durfte er nicht tun, um diese Macht zu erlangen. Dazu gehörte auch die Annahme des Ehrentitels "Gerechter unter den Völkern" in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem. In den 1970ern wäre das seinem Plan nicht behilflich gewesen. Als der dann 1991 den Preis doch angenommen hat, herrschte ein anderer Geist in Deutschland und auch in Europa gegenüber dem Holocaust und den Nazi­Verbrechen, die an den Juden verübt wurden. Aber das ist meine ganz eigene Interpretation seiner Handlungen.

Es ist eine Qualität dieses Films, dass er den Manager Berthold Beitz nicht beurteilt – sondern nah an der Realität seiner Person – Raum für Interpretationen lässt. Ohne dadurch die Konflikte dieser Zeit auszublenden oder eine gesellschaftliche Verortung zu ermöglichen.

Ich stimme zu. Das ist das Großartige an diesem Film und deswegen ist er auch so außergewöhnlich. Er bietet sowohl für die Zuschauer als auch für die Macher eine breite Palette an Interpretationen und fordert so zum Nachdenken und zum Zuhören auf. Dieser Film wird viele Zuschauer noch sehr lange beschäftigen. Sie werden ganz genau hinschauen müssen. Wir alle – auf die Vergangenheit und auch in die Zukunft.

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