Im Gespräch mit Sven-Eric Brechtolf (Berthold Beitz) und Edgar Selge (Golo Mann)

"Ein Film über das Schweigen und die Suche nach Halt"

Berthold Beitz schenkt Golo Mann (Edgar Selge, l) zu Beginn der Zusammenarbeit 1974 ein Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff, das Mann zuvor im Haus von Beitz bewundert hat.
Berthold Beitz schenkt Golo Mann zu Beginn der Zusammenarbeit 1974 ein Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff, das Mann zuvor im Haus von Beitz bewundert hat. | Bild: WDR / Bernd Spauke

Herr Bechtolf, Berthold Beitz war zwar eine Person des öffentlichen Lebens, hat es aber erfolgreich verstanden, alles Private vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereiten können?

Es gibt zwar wenig Filmmaterial aus den entsprechenden Jahren, aber ich kannte Berthold Beitz, wenn auch nicht persönlich, vor allem aus den 1970er und 1980er Jahren. Schon zu Beginn war mir bewusst, dass es sich bei diesem Film nicht um ein Biopic im üblichen Sinn handelt. Natürlich spiele ich Beitz in gewissen Phasen seines öffentlichen Lebens, dennoch porträtiere ich mit dieser Rolle eher einen Typus Mann. Den erkenne ich auch in meinem Vater wieder. Männer, die den Krieg erlebt haben und wenig oder gar nicht darüber sprachen. Man spürte, dass da etwas Furchtbares geschehen war, aber es wurde geschwiegen und einfach ‚weitergemacht‘. Hinter Männern wie Beitz und meinem Vater stand immer dieses lautlose und letztlich brüchige "Trotzalledem". Ich kann mich gut erinnern, an diesen Typ Mann, der die Bundesrepublik mit aufgebaut hat. Mit diesem "Trotzalledem" hätten sie sich selbst nie konfrontiert, wenn das nicht ihre Söhne und Töchter für sie getan hätten.

Herr Selge, Sie hatten sich mit dem brillanten Historiker und getriebenen Monomanen Golo Mann bereits befasst, unter anderem für Ihre Rolle im "Wallenstein". Haben Sie in Vorbereitung auf diese Rolle eine Seite an Mann entdeckt, die Ihnen bisher unbekannt war?

Ja, ich habe viel entdeckt, was mir neu war. Zum Beispiel hat Golo Mann über seine Eltern und Geschwister liebenswert- genaue Portraits geschrieben, die indirekt seine eigene, schwierige Rolle in seiner Familie gut beleuchten. Auch seine Erzählungen und Essays zeigen einen Schriftsteller, der einen besonderen Blick für menschliche Individualität hat und sie einfühlsam in den Zusammenhang großer historischer Linien stellt. Er kann seine Grundüberzeugung, dass der einzelne Mensch Geschichte macht, einleuchtend begründen. Er scheint mir überhaupt der geborene Biograph. Mir war neu, wie aktiv sich Mann als Mitglied der amerikanischen Armee, mit seinen Radiosendungen der "American Broadcasting Station" oder später beim militärischen Geheimsender 1212 gegen die Nazis engagiert hat. Er ist dann in den frühen Fünfzigern nach Deutschland zurückgekehrt und hat sich deutlich hörbar in die Politik der jungen Bundesrepublik eingemischt. Zum Beispiel hat er sehr früh die Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr unterstützt. Mann hatte einen realistischen Blick auf die Nachkriegszeit. Diejenigen, die Nazis waren oder mit ihnen sympathisiert haben oder zur Masse der Schweigenden gehörten, waren ja alle noch da. Man konnte sie nicht einfach auswechseln. Golo Mann hat auf einen Lernprozess innerhalb der deutschen Gesellschaft gehofft, auf eine lebendige Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazizeit.

Insofern greift der Film ein Stück bundesdeutscher Zeitgeschichte auf, die in der persönlichen Reflexion von Beitz und Mann nicht unterschiedlicher sein könnte. Wie würden Sie diesen Unterschied beschreiben?

Sven-Eric Bechtolf: Beitz stammt aus einfachen Verhältnissen. Ich habe mir seinen Geburtsort angeschaut. Ein kleines Dorf, in dem er weitab von hochgebildeter Großbürgerlichkeit aufgewachsen ist. Beitz’ Familie hatte kein Geld, studieren konnte er nicht. Ein Intellektueller war er meiner Meinung nach nicht. Während Golo Mann nach innen sieht und nach außen darüber reflektiert, scheint Berthold Beitz sich diesen Weg nicht zu erlauben. Das, was er fühlt, gibt er nicht unbedingt preis. Er ist eher etwas ruppig, unternehmungslustig, zuweilen rücksichtslos und mit viel Elan – ein Macher eben. Insofern stellt er das Gegenbild zu Golo Mann dar. Den engagiert er, möglicherweise unbewusst, gerade aus diesem Grund – um an etwas zu rühren, an dem er selbst nicht rühren will.

Edgar Selge: Als Golo Mann Beitz zum ersten Mal trifft, befindet er sich in einem biographischen Tal. Seine bedeutende Wallenstein-Biographie liegt hinter ihm und eigentlich fehlt ihm die nächste große Aufgabe. Und dann kommt dieses unerwartete Angebot von Beitz. Sicher ist es der deutsche Mythos "Krupp", der seine Neugierde weckt. Auch das Geld, das er mit dieser Biographie verdienen kann, ist ihm nicht unwichtig. Aber ich denke, am meisten reizt ihn die Persönlichkeit von Beitz. Dieser Industrielle, der sich im Krieg für so viele Juden eingesetzt hat, der aber den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" aus Israel nicht annehmen will, ja, der vor seiner eigenen Vergangenheit flieht. Der "Judenretter" Beitz, der mit den alten Nazis geschäftlich zusammenarbeitet – das wird den Schriftsteller Mann gereizt haben. Außerdem ist Golo Mann eine Art Vagabund in seinem eigenen Leben. Ein Mensch, der sein Zuhause flieht, der von Freund zu Freund reist. Er ist nie angekommen in seinem Leben, in seiner Sexualität, in diesem Land, das ihn vertrieben hat und noch immer argwöhnisch betrachtet. Er strahlt die Unsicherheit eines ewig Reisenden aus, ohne inneren Halt. Das macht ihn mir sehr sympathisch.

Das scheint trotz all der Widersprüchlichkeit das verbindende Element zwischen Beitz und Mann zu sein.

Edgar Selge: Da bleibt viel Raum für Interpretationen. Was durchaus ein verbindendes Element sein könnte, ist die zentrale Frage: Wie geht man mit der Vergangenheit um? Wie geht man mit den Erlebnissen des Krieges um und damit, wie man sich verhalten hat. Das sind Fragen, die beide beschäftigen, die sie aber womöglich unterschiedlich für sich beantworten.

Sven-Eric Bechtolf: Das ist vielleicht der zentrale Aspekt des Films. Bei Beitz handelt es sich ja nicht um einen Täter, der von seinen Sünden verfolgt wird, sondern um einen Mann, der sich vorbildlich mutig verhalten hat. Und dann trotzdem, gleich nach dem Krieg bei der Iduna, mit so vielen alten Nazis zusammenarbeitete. Von den Verstrickungen des Krupp-Konzerns ganz zu schweigen. Das hat ihn anscheinend überhaupt nicht gestört. Das hat er als Pragmatiker verdrängt. Gleichzeitig quälte ihn der Gedanke, nicht genug getan zu haben. Diese Widersprüche haben sich vermutlich – wenn überhaupt – sehr spät in ihm geklärt. Aber wie Edgar gerade sagte, vieles bleibt letztendlich Interpretation.

Wie sind Sie mit diesem Freiraum an Interpretationen in Ihrer Vorbereitung und am Set unter der Regie von Dror Zahavi umgegangen?

Edgar Selge: Ich kenne Sven-Eric seit Langem aus dem beruflichen Umfeld des Theaters. Ich schätze und bewundere ihn sehr. Wir haben uns getrennt voneinander vorbereitet und sind uns mit großer Neugierde und Offenheit am Set und in der Drehsituation begegnet. Die Klarheit, mit der er diese Rolle von Anfang an gezeichnet hat, beeindruckt mich sehr.

Sven-Eric Bechtolf: Die Atmosphäre am Set war immer äußerst konzentriert und es herrschte ein wirklich gutes Verständnis zwischen uns. Edgar bleibt sehr ruhig und sehr konzentriert beim Spiel. Das ist etwas, was ich sehr an ihm schätze. Vieles von dem, was zwischen Beitz und Mann geschieht, ist unbewusst und nur sehr vorsichtig sichtbar zu machen. Vieles bleibt unausgesprochen, nicht nur bei Beitz. Auch Mann hat seine Rüstung, seine Eigenarten und lässt sich nicht in die Tiefe seiner Seele gucken. Die Darstellung dieses Unausgesprochenen hat sich zwischen Edgar und mir wie intuitiv ergeben. Zudem hat Dror Zahavi diese wunderbare Begabung, Schauspieler zu lassen und mit einem sehr genauen Ohr zu hören und mit einem unerbittlichen Blick zu schauen. Wenn er dann insistiert hat, haben Edgar und ich uns immer darauf eingelassen; weil Dror Recht hatte und weil wir ihm vertrauen. Das ist natürlich eine ganz wesentliche Bedingung dafür, dass man gut miteinander arbeiten kann.

Edgar Selge: Mit Dror Zahavi habe ich das erste Mal gearbeitet. Ich liebe seine emotionale Vitalität. Ich mag besonders seine Filme, die sich mit dem israelischen Leben befassen, wie "Alles für meinen Vater" und "Crescendo". Auch bei der Geschichte von Beitz ist Drors israelische Perspektive besonders anregend und produktiv.

Gibt es einen Moment, der Sie während der Dreharbeiten besonders berührt hat?

Sven-Eric Bechtolf: Vielleicht kein einzelner Moment, aber es gibt zwei Szenen, die mich während der Dreharbeiten emotional berührt haben. Zum einen jene, in der Beitz am Abend bei Mann anruft. Wenn er ihm von seinen Alpträumen erzählt, ist es das einzige Mal, dass etwas sich in ihm wirklich löst. Und dann die Abschiedsszene am Flughafen, wo es zu dieser fiktiven Begegnung beider Männer kommt. Aber eigentlich finde ich die Figur Beitz an sich berührend, weil neben dem Ungesagten auch so viel emotional Zurückgehaltenes in ihm steckt. Wenn ich Beitz so betrachte, … der Mann hat viel mit sich herumgetragen, egal wie gut er versucht hat, sich charmant oder ruppig darüber hinwegzumogeln. In diesem Versuch steckt eine tiefe Tragik. Und doch auch Mut, der Bewunderung verdient. Dafür, ein Leben lang seinem inneren Kompass zu folgen, selbst in einer für ihn so bedrohlichen Situation. Und das mit einer "selbstverständlichen Menschlichkeit".

Eine Menschlichkeit, die auch in unseren Tagen wieder zur Diskussion zu stehen scheint.

Edgar Selge: Das ist überhaupt der wichtigste Grund, einen Film wie diesen zu machen! Wir kommen nicht umhin, uns immer wieder mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, und das heißt in Deutschland, sich zuerst mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen zu beschäftigen. Auch mit der Diktatur in der DDR. Ohne Geschichtsbewusstsein steht man orientierungslos in seiner Gegenwart und kann keine Zukunft gestalten. Jeder, der uns von seiner traumatischen, politischen Vergangenheit erzählt, ganz gleich, woher er kommt, öffnet uns auch die Möglichkeit, ein Stück von der eigenen Vergangenheit zu erkennen. Es ist eine sehr schöne, ungewohnte Herausforderung, die dieser Film an den Fernsehzuschauer stellt.

16 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.