Regisseur und Produzent Stephan Wagner im Interview

Regisseur Stephan Wagner bespricht sich mit Wolfgang Pregler (als Thomas de Maizière).
Regisseur Stephan Wagner bespricht sich mit Wolfgang Pregler. | Bild: rbb/carte blanche / Volker Roloff

Was war für Sie die größte Herausforderung dabei, so eine komplexe Geschichte aus dem "Politzirkus" zu inszenieren?

"Die Getriebenen" ist sowohl in Bezug auf die Handlung als auch auf die handelnden Personen ein Stoff, zu dem der Zuschauer im Regelfall eine bereits vorexistierende Beziehung hat. Einerseits erleichtert dies den Zugang zum Zuschauer, da man auf diese Beziehung aufbauen kann. Andererseits ist die Erwartungshaltung zugleich besonders hoch, denn man arbeitet mit – und zuweilen gegen – eine bereits gefestigte Vorstellung. Die Handlung der "Getriebenen" ist bis ins Detail faktenbasiert, was wiederum bedeutet, dass das selbstauferlegte Versprechen, die Handlung in der Sprache der Fiktion zu erzählen, ohne sie dabei zu verändern, wahrlich eine besondere Herausforderung bedeutet. Wir sahen die drohende Gefahr, uns in den Zwängen einer "Look-alike- Authentizität" zu verlieren. Sich hier die Freiheit zu nehmen, der "inneren Wahrheit" in der Umsetzung zu vertrauen, war wahrscheinlich die größte Herausforderung – verbunden mit der aus der Arbeit erwachsenen Erkenntnis, dass schlussendlich die Herangehensweise sich nicht wesentlich von jeder anderen Filminszenierung unterscheidet: der Pflicht, dem Zuschauer das, was er sieht, hört, empfindet, erlebt, glaubhaft zu machen.

Wie haben Sie dieses "Getriebensein" umgesetzt, diese Spirale, in die die politischen Akteure und insbesondere Angela Merkel durch die Ereignisse hineingetrieben wurden?

Das Treibende ist die auf Fakten basierte Handlung. Jede handelnde Figur muss im Motiv ihres Handelns nachvollziehbar werden, das war für den Autor Florian Oeller und mich ein zentraler Ausgangspunkt. Alle sind aus ihrer persönlichen Warte "die Guten". Der Strudel entsteht durch den Interessenskonflikt der handelnden Personen, die geleitet von ihren persönlichen Zielen um Entscheidungsspielräume ringen. Das gilt sowohl für getroffene als auch für nicht getroffene Entscheidungen. Wie man zu den jeweils handelnden Figuren steht, diese Entscheidung muss jeder Zuschauer für sich fällen, die nimmt ihm der Film nicht ab. Aber nun gibt es die Möglichkeit, mit den Mitteln des Spielfilms abseits der täglichen Scheibchen der Ereignisse, die es in die Nachrichten schaffen und gern auch interessengebeugt vermittelt werden, den großen Handlungsbogen der Entstehung dieser bisher größten europäischen Prüfung des 21. Jahrhunderts nachzuvollziehen, mit allen Emotionen, die ihn spannend machen.

Gibt es für Sie eine Ästhetik der Macht, die Sie als Stilmittel nutzen?

In den vergangenen Jahrhunderten gab es klar erkennbare Insignien der Macht. Wer sie besaß, trug die Verantwortung und traf die Entscheidungen. Macht war an einen Ort gebunden, an den sich die Bittsteller hinzubegeben hatten. Dort herrschte man vom Thron, der den Herrscher über den Beherrschten erhob. An diesem Ort wurde das jeweilige Anliegen vorgetragen und die Entscheidung gefällt. Auch heute gibt es noch die landläufige Meinung, dass Orte die Zentralen der Macht darstellen. Auf Deutschland bezogen sind dies das Kanzleramt, der Reichstag, das Schloss Bellevue. Die Wahrheit sieht aber anders aus: Im 21. Jahrhundert drückt sich Macht in der Kenntnis von Information und dem Aufbau von Informationsvorsprung aus. Auch wenn in Sitzungen beraten wird, so ist der oder die eigentlich Mächtige die Person, die während der ständigen Ortswechsel mit den richtigen, entscheidenden Informationen gebrieft wurde. Die Thronsäle von früher sind heute die Flure in den Machtzentren. Dort finden die Briefings sehr häufig in Bewegung statt, auf dem Weg von einem Termin zum anderen, aber auch auf Reisen (gerne Flugreisen in Regierungsmaschinen), ausgeführt durch die jeweilige Begleitung oder am Telefon. Daraus ist bei uns eine besondere Ästhetik der ständigen Bewegung entstanden. Hinzu kommt, dass miteinander kommunizierende Menschen sich häufig zeitgleich an verschiedenen Orten im Land oder rund um den Erdball aufhalten. Die immer wiederkehrende Aufteilung des Bildes in zeitgleich ablaufende Handlungsebenen ist der visuelle Ausdruck dieser Tatsache.

Haben dokumentarisch anmutende Szenen in einer fiktionalen Erzählform eine größere bzw. eine andere Wirkung?

Uns war wichtig, die Ereignisse faktisch wie emotional richtig zu erzählen. Wenn tausende Menschen vor dem Bahnhof Keleti campieren, kann keine Inszenierung der Welt die reale Not der Menschen so wahr einfangen wie das dokumentarische Bild des Ereignisses. Wo es möglich und nötig war, habe ich in enger Abstimmung mit meinem langjährigen Kameramann Thomas Benesch gezielte inszenatorische und visuelle Übergänge vom Dokumentarischen in die Fiktion geschaffen. So verschwimmen die dokumentarischen und fiktionalen Ebenen in der Montage ineinander und ergeben eine Erzählweise, deren Authentizität auf besondere Weise berührt.

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