Gespräch mit den Machern

Amare (Joshua Edoze) hat es bis zur Küste bei Igoumenitsa geschafft.
Szene aus dem Film: Amare hat es bis zur Küste bei Igoumenitsa geschafft. | Bild: SWR / Pierre Meursaut

Hatten Sie Bedenken, das Thema der Migration und das Los von Flüchtenden in Europa, das nun jahrelang öffentlich kontrovers diskutiert wird, in einem aufwendigen Mehrteiler aufzunehmen?

Manfred Hattendorf: Das ganze Gegenteil war der Fall. Als der Produzent Felix von Boehm im Sommer 2015 an den SWR mit der Idee herangetreten ist, eine fiktionale Miniserie über Menschen zu erzählen, die entweder selbst als Flüchtlinge quer durch Europa unterwegs sind oder aber mit dem Schicksal von Migranten beruflich und menschlich konfrontiert werden, da haben wir uns sofort dafür entschieden, mit den Mitteln der Fiktion nach den tieferen Wahrheiten dieser Konfrontation zu suchen. Da hatte Kanzlerin Merkel gerade erst ihre historischen Worte "Wir schaffen das!" gesprochen. Schnell wurden wir uns mit unseren Kolleginnen und Kollegen von ARTE in Straßburg und Paris einig, dass man die Geschichte als großen Mehrteiler oder eben als Miniserie erzählen muss, um tiefer schürfen zu können als die tagesaktuellen politischen Debatten und Talkshows. Unsere Partner von der ARD Degeto sind ebenso entschlossen mit eingestiegen, so dass wir eine richtige europäische Redaktionsgemeinschaft gebildet haben. Wir haben dann drei Jahre lang "Eden" entwickelt.

Andreas Schreitmüller: Uns hat gerade gereizt, den vielen historisierenden Serien etwas entgegenzusetzen: Eine serielle Erzählung, die sich mit einem brisanten, heiß diskutierten Thema auseinandersetzt. Das ist natürlich nicht ohne Risiko, denn man kann schnell von aktuellen Entwicklungen überholt werden. Aber auf der anderen Seite haben wir offenkundige Relevanz und ein großes emotionales Potenzial.

Claudia Grässel: Auch seitens der Degeto gab es den Wunsch, dieses Vorhaben zu unterstützen. Zumal bei solchen groß angelegten Projekten auch die Möglichkeit besteht zu zeigen, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer noch in der Lage ist zu leisten: mit fiktional verdichteten Geschichten gesellschaftliche Veränderungen zu beschreiben und dabei jenseits von Tagesaktualität zu deren emotionalem Kern vorzudringen.

Welchen Aspekt wollen Sie der Migrationsdebatte hinzufügen? Welche Perspektive nimmt "Eden" in dieser Debatte ein?

Manfred Hattendorf: "Eden" erzählt aus einer zutiefst menschlichen Haltung heraus und nimmt dabei die diametral unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten der Menschen ernst, deren Geschichte wir erzählen. Es gibt hier nicht die "eine" Wahrheit und schon gar nicht die einer bestimmten politischen Partei. "Eden" ist aus der Zusammenarbeit deutscher und französischer kreativer Schöpfer, Produzenten, Redakteurinnen und Redakteure, Autorinnen und Autoren entstanden. Gemeinsam mit unseren fantastischen Produzenten aus Berlin und Paris haben wir Redakteurinnen und Redakteure auf der Grundlage von Recherche, Dokumentarfilmen und intensiver Fachberatung nach einem möglichst authentischen Zugang zu den Schicksalen gesucht, die in der Serie erzählt werden. Dabei mussten wir auf die sich rapide verändernden politischen Rahmenbedingungen wie der Schließung der Balkanroute reagieren, auf die Vorfälle der Kölner Domplatte in der Silvesternacht und die politischen Diskussionen in Europa eingehen. "Eden" wollte dabei nie ein Debattenfilm sein. Vielmehr interessierten uns möglichst genaue Antworten auf Fragen wie "Wie sind die Lebensbedingungen in griechischen Flüchtlingslagern?", "Wo verläuft die Grenzlinie zwischen Opfern und Mittätern in Syrien?", "Wie überfordert ist eine deutsche Lehrerfamilie mit den Konsequenzen, einen syrischen Flüchtling bei sich aufzunehmen?", "Kann man mit EU-Geldern als Unternehmerin auch einen humanitären Beitrag zur Bewältigung der sogenannten Flüchtlingskrise leisten"?

Felix von Boehm: "Eden" bringt in einer Debatte, die von den Flüchtlingen spricht, "Obergrenzen", "Ankerzentren" und "Lastenverteilung" diskutiert, fiktionale Einzelschicksale ins Fernsehen und ermöglicht dem Publikum eine emotionale Begegnung mit unterschiedlichen Flüchtlingsgeschichten auf Augenhöhe. Die allesamt auf Recherchen basierenden Geschichten sollen als emotional berührende Einzelbeispiele einer oft abstrakt und teils hysterisch geführten Debatte dienen, die sich leider zusehends in polarisierenden oder instrumentalisierenden Dynamiken verliert.

Gibt es etwas, was diese fünf Einzelschicksale verbindet?

Felix von Boehm: In "Eden" geht es um das immer komplexer werdende Zusammenleben in Europa. Die derzeitige Migrationswelle, die uns auch in den kommenden Jahren mehr denn je beschäftigen wird, erfordert eine Öffnung der Gesellschaft. Wir wollten in den unterschiedlichen, aufgezeigten Formen des Zusammenlebens die zunehmende Komplexität unserer Gesellschaft darstellen, die sich aus den verschiedenen sozialen, politischen und ethnischen Hintergründen ihrer Mitglieder ergibt. Wie können und wie wollen wir miteinander leben? Was bedeutet es, eine Heimat hinter sich zu lassen und an anderer Stelle neu zu beginnen? Aufbruch und Ankunft. Darum geht es im Kern in jedem der Handlungsstränge von "Eden".

Andreas Schreitmüller: Und ganz beiläufig, aber durch die miteinander verknüpften Geschichten doch augenfällig, wird uns bewusst, dass die aufgezeigten Probleme gesamteuropäischer Natur sind, dass ein Rückzug auf nationale Grenzen Unsinn ist.

Sie haben sich dramaturgisch zum Teil dem Genre Krimi angenähert, um die Geschichte dieser Einzelschicksale zu schildern: Zumindest ist der aufklärerische Bogen, den Sie erzählen, spannungsgeladen und zieht den Zuschauer in den Bann. Ist dies der Realität der Flüchtenden und ihrer Helfer geschuldet?

Brigitte Dithard: Die formale Besonderheit dieser Serie besteht darin, dass fünf Geschichten erzählt werden, die nur sehr locker miteinander verbunden sind. Jede Geschichte für sich hat einen eigenen Erzählbogen, der in der ersten Folge beginnt und in der letzten aufgelöst wird. Und jede kann einem bestimmten Genre zugeschrieben werden. Die Geschichte der deutschen Familie zum Beispiel dem Drama, ebenso wie die der französischen Managerin des Flüchtlingscamps oder die des syrischen Ehepaars, das sich in Paris mit sich und der neuen Umgebung auseinandersetzen muss. Die Geschichte des jungen Afrikaners würde man wohl eher als Roadmovie bezeichnen. In der des griechischen Security-Mitarbeiters gibt es einen Todesfall. Daher kommt vielleicht die Assoziation des Krimis. Das wird aber aus seiner Perspektive erzählt und ist am Ende wohl eher eine Tragödie.

Die Krimistruktur war auch nie unser Anliegen. Die Geschichten sind aus den verschiedenen Aspekten und der komplexen Situation der Flüchtlingskrise erwachsen und haben sich aus der Recherche dazu entwickelt. Wenn sie spannend sind und den Zuschauer in ihren Bann ziehen, umso besser. Denn es ging uns bei allem thematischen Engagement auch darum, eine gute Serie zu machen, die man gern anschaut.

Wie kam dieser internationale Cast zusammen?

Felix von Boehm: Es lag in der Natur unseres Themas, "Eden" nicht nur produktionell, sondern auch hinsichtlich der Besetzung von Anfang an international zu denken. So freuen wir uns sehr über eine spannende Mischung aus etablierten deutschen und französischen Stars wie Sylvie Testud, Juliane Köhler und Wolfram Koch und neuen Gesichtern mit griechischem und syrischem Hintergrund, die dem deutschen Publikum noch unbekannt sind.

Dieses außergewöhnliche Filmprojekt "Eden" zu nennen, ist herausfordernd. Wie kam es zu diesem Titel?

Manfred Hattendorf: Felix von Boehm hat diesen Titel vorgeschlagen, nachdem wir an dem Projekt zuvor schon unter anderen vorläufigen Titeln gearbeitet hatten. "Eden" hat uns sofort emotional angesprochen: Der biblische Assoziationsraum provoziert, gerade in den Kontrasten dessen, was Flüchtlinge aus Afrika und Asien nach unfassbarem Leid auf ihrem Weg hierher erwartet und was sie in Griechenland, Frankreich und Deutschland vorfinden, wenn sie es bis nach Athen, Paris oder Mannheim geschafft haben. Es gibt keinen besseren Titel für diese Miniserie.

Welche Schwierigkeiten traten bei der Realisation dieser Produktion in so vielen europäischen Ländern und Sprachräumen auf?

Felix von Boehm: Den logistischen und finanziellen Zwängen einer Produktion, die an drei Produktionsstandorten mit einem begrenzten Budget realisiert werden muss, kann man nur mit echten Partnern begegnen. Wir sind glücklich, im Inland ein komplementäres Duo zwischen LUPA FILM GmbH und Port Au Prince gefunden zu haben, das wir im Ausland von Atlantique in Frankreich und Blonde Productions in Griechenland durch zwei ortskundige Partner ergänzt haben. Der Entschluss, gerade aufgrund des Themas an Originalschauplätzen und mit Schauspielern zu arbeiten, die selbst eine Flüchtlingsbiographie haben, schlägt sich in einer hohen Authentizität nieder. Es war berührend, für die Dreharbeiten in das Flüchtlingsheim Skaramagas zurückzukehren, das wir bereits für die Drehbuchrecherchen aufgesucht hatten. Ebenso besonders war es, mit Adnan Jafar und Jalal Altawil zusammenzuarbeiten, die wie ihre Figuren selbst vor kurzem aus Syrien geflüchtet sind.

Ist es Zufall, dass "Eden" vor den Europawahlen bei ARTE und im Ersten ausgestrahlt wird? Oder anders gefragt, wie gesellschaftspolitisch ist dieser Sechsteiler? Und muss er überhaupt eine politische Botschaft transportieren?

Manfred Hattendorf: Die Ausstrahlung könnte zu keinem besseren Zeitpunkt stattfinden – als Ergänzung und Vertiefung zu politischen Auseinandersetzungen im Wahlkampf darüber, was Europa sein will und sein kann. Europa ist immer das, was Menschen in der Staatengemeinschaft erleben, gestalten, anderen Menschen im Guten wie im Bösen antun. "Eden" will keine politische Botschaft transportieren, in ihrem genauen und differenzierten Blick auf Lebensschicksale und die Kontraste auf unserem Kontinent ist die Serie aber zutiefst politisch.

Andreas Schreitmüller: Für ARTE als europäischer Sender ist die Ausstrahlung im Umfeld der Wahlen zum Europaparlament natürlich besonders wichtig! Denn es geht ja bei dieser Wahl nicht nur um Mandate und Mehrheiten, sondern um konkrete Weichenstellungen, die uns alle betreffen. Deshalb wollen wir uns in unserem Programm nicht auf Wahlberichterstattung beschränken, sondern mit dieser fiktionalen Serie deutlich machen, dass politische Entscheidungen immer Auswirkungen auf sehr viele einzelne Menschen haben. Sogenannte Kollateraleffekte gibt es nicht.

Wie viele Teams haben an dem Projekt gearbeitet und wie waren sie miteinander verbunden?

Felix von Boehm: Wir haben "Eden" an den drei Standorten Mannheim/Frankfurt, Paris und Athen realisiert. Durchgängig beschäftigt waren der Regisseur Dominik Moll und die Head of Departments wie Kamera, Ton, Kostüm und Maske. Sie wurden jeweils von Produktionsteams und lokalen Crews unterstützt.

Was haben Sie persönlich und beruflich durch diese intensive Arbeit dazugelernt?

Felix von Boehm: Jede internationale Koproduktion ist ein Lehrstück in Geduld, Diplomatie und Vertrauen. Vor allem aber ist die länderübergreifende Zusammenarbeit auch eine Chance, im bekannten und unbekannten Ausland echte Partner zu finden, die die gemeinsame Vision mit ihrer eigenen Kultur bereichern.

Claudia Grässel: Die Beschäftigung mit den Geschichten von Menschen auf der Flucht, seien sie real oder der Realität entlehnt, erfüllt mich immer wieder mit Dankbarkeit und Demut. In einem der reichsten Länder der Erde leben zu dürfen, ist ein unschätzbares Privileg.

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