Regiestatement von Reinhold Bilgeri

Es gehört zur Einschüchterungstaktik des Wintersportverbandes, dass Erika (Markus Freistätter)  sich klein und unwissend fühlen soll, so ist sie den Entscheidungen des Verbands ausgeliefert.
Es gehört zur Einschüchterungstaktik des Wintersportverbandes, dass Erika sich klein und unwissend fühlen soll, so ist sie den Entscheidungen des Verbands ausgeliefert. | Bild: SWR/ORF/Lotus Film/Zeitsprung Pictures / Felipe Kolm

»Glatte 50 Jahre begleitet mich diese Geschichte – in verschiedensten Facetten lief sie mir immer wieder über den Weg und stupfte mich an. Ich habe damals Erikas Rennen gesehen, alle, sein Outing verfolgt und seine Bio gelesen. Zugegeben, ich war ein Fan von Erika und nicht minder erschüttert und erstaunt über Erik. Ein unscheinbares, ambitioniertes Kärntner Bauernmädel schafft es in die Headlines der Weltpresse, zuerst als Topsportlerin und schließlich als skurriles Unikum, dem die Natur übel mitgespielt hatte. Seine Geschlechtsmerkmale waren ins Körperinnere gewachsen und erst moderne Genderuntersuchungen konnten sein wahres Geschlecht klären.

Die Folge: Ein Mann wurde Weltmeisterin – Topstory in allen Kanälen, kein skurriler Schwank aus Hollywood, sondern nüchterne Wirklichkeit, eine sehr österreichische Geschichte über Tabus und Verdrängung, Verlogenheit und Niedertracht, Siegeswillen und Erlösung, Triumph und Niederlage. Ausgerechnet in Österreich, dem heiligen Gral des Skirennlaufs, musste dieser Supergau an schiefer Optik passieren – so haderte die verstörte Seele der Nation, insbesondere die des Ski-Verbands, der, als Fabrik der Weltmeister, eine Reputation zu verlieren hatte und sich plötzlich kompromittierenden Fragen ausgesetzt sah.

Da strampelt sich ein ehrgeiziges Mädel mit Burschenmuskeln bis hin zum Gipfel des Hügels, der Österreich alles bedeutet, und wird dann „enttarnt“ als vermeintlicher Betrüger und mit nassen Fetzen ins Ausgedinge gejagt. Ein Opfer ohne jede Schuld, von einer gnadenlosen Journaille über die Medienbühne geschleift – das ist eine Geschichte, die erzählt werden musste und zwar auf großer Leinwand, um die Besudelung der Würde eines von einer hinterfotzigen Natur stigmatisierten Menschen deutlich zu zeigen.

Es ist die Geschichte eines vermeintlich gebrochenen Helden, der als Frau und als Mann gelebt hat, die Geschichte eines Traumatisierten, der durch zwei Höllen gehen musste, durch seine persönliche und viel schlimmer, durch die Hölle der Öffentlichkeit. Es ist die Geschichte der Ohnmacht und Hilflosigkeit einer Gesellschaft, die von ihren Tabus entlarvt wird, eine Geschichte von Intoleranz, Vorurteilen und Scheinheiligkeit, ausgetragen auf den Schultern eines Teenagers, der nur eines wollte: Schnell Skifahren.

Vielleicht waren sein Überleben und schließlich der beeindruckende Kraftakt, sein Leben wieder ins Lot zu bringen, der größte Sieg seines Lebens. Der Film begleitet Erik in seinen intimsten Momenten, von der Mädchen-Kindheit bis zum Gipfelsieg als Sportlerin und schließlich zur Hinrichtung durch die vorschnelle Hand der Gesellschaft. Die Bilder wechseln zwischen der nüchternen Idylle eines Kärntner Bauerndorfs, Rennpisten, Medienhype und schließlich der aseptischen NeonlichtAtmosphäre einer Innsbrucker Klinik, in der an seinem Körper und seiner neuen Identität gebastelt wird. Der Zuschauer ist nah dabei, eingeklemmt in die Achterbahnfahrt eines jungen Sportler-Lebens, das nach rasender Fahrt plötzlich vor dem Abgrund steht. Die Gender-Brisanz dieser Tage und die unwägbare Sinuskurve einer Gesellschaft zwischen Borniertheit und Toleranz sichern der Geschichte eine bleibende Aktualität. Meine persönlichen Motive, diesen Film, zu drehen decken sich atmosphärisch mit dem Fighter-Charakter der Hauptfigur, Erik Schinegger. Ich fühle mich verwandt mit seiner Kämpferseele und wollte seinem Lebensmut ein kleines Denkmal setzen.«

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