Gespräch mit Regisseur Sebastian Marka und Autor Erol Yesilkaya

Luca (Laura de Boer) und Linus (Friedrich Mücke) treffen sich virtuell.
Luca und Linus treffen sich virtuell.

Sie beide haben mit "Exit" zum ersten Mal einen Film gemacht, der in der Zukunft spielt. War das ein Genre, das Sie grundsätzlich interessiert hat? Und warum?

Sebastian Marka: Tatsächlich kam die Möglichkeit, "Exit" zu realisieren, für uns im genau richtigen Moment. Science Fiction war ohnehin ein Wunschgenre von uns, deshalb haben wir diese Chance ergriffen. In Deutschland einen Near-future-Film zu machen, der im Tokio der Zukunft spielt – das klang schon außergewöhnlich und würde in der Umsetzung eine Herausforderung sein, und wir wollten es unbedingt versuchen. Auch weil es eine tolle Geschichte war.

Erol Yesilkaya: Wir wollten die Aspekte, die uns auch sonst beschäftigen – Thrillermomente, emotionale Aspekte, Liebesgeschichten – in einer Umkleidung sehen, die noch etwas mit unserer Welt zu tun hat und gleichzeitig etwas über die Zukunft erzählt.

SM: Genau, wir wollten Zukunft so erzählen, dass es nicht ganz abgehoben war, sondern eine Erdung hatte. Die Kurzgeschichte von Simon Urban passte dazu. Es hat einfach alles gepasst.

Wieviel Gegenwart enthält denn ein Zukunftsfilm?

EY: Naja, wir leben ja in der Gegenwart, das ist das, was wir kennen, und jedes Projekt kann nur eine Aussage darüber sein. Faszinierend ist doch, davon ausgehend eine Prognose zu entwickeln und unsere Vorstellung in einen Kontext zu stelllen, den man als Film auch wirklich gerne schaut, der spannend ist und uns in seine Welt mitnimmt. Man will sich ja möglichst in das kollektive Gedächtnis der Zuschauer einschreiben. Dafür ist dieses Genre, in dem so viel möglich ist, einfach großartig.

SM: Wir haben viel darüber gesprochen, was möglich ist und was nicht. Erol hat dann immer gesagt, dass wir nicht zu viel über Technik reden, uns nicht durch zu viel Theoretisches aufhalten, sondern emotional bleiben sollten. Das Emotionale ist natürlich das, was die Geschichte mit dem Heute verbindet. Und da haben wir versucht, den Film möglichst zeitlos zu machen. Auch in der Umsetzung, durch die Verwendung der Kontaktlinsen zum Beispiel. Man kann erahnen, dass das alles möglich ist, es ist nicht unendlich weit weg von unserem Heute. Es ging nicht darum, eine umfassende Zukunftsvision aufzustellen, sondern eine Geschichte zu erzählen, die universell funktioniert.

Die auch eine Liebesgeschichte ist.

EY: Ja, unbedingt. Aber da wollen wir nicht spoilern, es gibt ja ein paar Überraschungen in dem Film, die man besser vorher nicht weiß. Man kann aber auf jeden Fall sagen, dass es darum geht, was den Menschen zum Menschen macht. Ist das wirklich das Organische? Oder sind es nicht doch eher Erinnerungen, Gedanken, Gefühle.

SM: Es geht ja um das ewige Leben und wir haben natürlich auch viel darüber gesprochen, ob man überhaupt ewig leben will oder nicht. Rein theoretisch ist es möglich, den Menschen komplett digital zu erfassen. Ein Gedanke ist ein elektrischer Impuls im Gehirn, man fasst etwas an, auch das ist ein elektrischer Impuls, beim sehen, schmecken genauso und auch Gene können an- und abgeschaltet sein. Wenn man digitalisierte Menschen in die Cloud hochlädt, so wie das im Film besprochen wird, ist man letztlich unsterblich und mit seinen Lieben immer zusammen. Das ist eine gewisse Form des biblischen Himmels. Deshalb hat Erol es auch so geschrieben, dass Linden Li ganz oben wohnt, und dass der Verrat unten im Roten, in der Hölle passiert. In dem Film gibt es es immer ein Hoch und ein Runter. Wenn man unten hängen bleibt, ist es natürlich die Hölle. Technisch sind wir dieser mythologischen Vorstellung von Himmel und Hölle so nah wie nie zuvor.

EY: Die Frage nach dem ewigen Leben ist der schönste Aspekt, finde ich. Wobei Sebastian und ich in der Frage, ob wir das positiv oder eher kritisch sehen, unterschiedlicher Meinung sind. Deshalb ist das Ende für den einen eher ein Happy End und für den anderen eher ein melancholisches. Man kann sich als Zuschauer selbst eine Antwort darauf geben, ob der Film eine Einstellung hat und ob das Ganze ein positiver oder ein negativer Outcome ist. Die Prämisse ist ja klar gesetzt: Wir haben die Möglichkeit, mit unseren Gedanken bei uns selbst einen digitalen Upload zu machen und den zu sichern. Ist das etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Sebastian und ich hatten zu diesem Existieren eine unterschiedliche Meinung und haben uns trotzdem beide in dem Film wiedergefunden. Und es hat mich sehr sehr glücklich gemacht, dass es dabei keine klare Wertung gibt, im Sinne von Technik ist böse oder Technik ist gut, sondern es das ist, was man daraus macht.

SM: Ich habe mich bei diesem Film zum ersten Mal gefragt, ob der Himmel eigentlich cool ist. Will man 5 Millionen Jahre lang existieren? Ist es cool, im Himmel ewig zu leben? Wir haben da beide eine klare Haltung, und die war komplett konträr. Aber das hat keine Rolle gespielt, denn jeder kann aus dem Film den Schluss ziehen, den er will. Und es ist mir wichtig, dass diese Frage angestoßen wird: Wir können das theoretisch machen, wir können uns digitalisieren, wir können ewig leben – was fangt ihr mit dieser Information an? Was ist eure Meinung, eure Haltung?

Das heißt, der eine von Ihnen würde sich scannen lassen, der andere nicht? Oder würden Sie andere scannen?

EY: Die Entscheidung darf natürlich für niemanden getroffen werden, das muss jeder für sich entscheiden. Vermutlich wären es weniger Leute, als man denkt. Aber für mich persönlich ist es eine ganz klare Sache, ich würde mich scannen lassen. Ich würde jedem die Möglichkeit zugänglich machen, und dann muss jeder selbst darüber entscheiden.

SM: Solange es ein hypothetischer Gedanke ist, würden wohl viele aus dem Gefühl oder einem evolutionären Instinkt heraus sagen, dass sie natürlich möglichst lange leben wollen. Aber es wäre ja theoretisch schon möglich, es könnte sein, dass das wirklich kommt. Der Film baut diese Vision auf. Und da hat Erol recht, wenn es dann wirklich darum geht, sich zu entscheiden, würden sicher viele wieder zurückschrecken. Für mich wäre eine Zwischenlösung ganz gut, bei der ich mich ab einem gewissen Punkt abschalten kann. So eine Art digitaler Suizid. Dann könnte ich es mir schon vorstellen, zu erleben, wie meine Urenkel aufwachsen. Aber wenn ich mich zwischen ewigem Leben bis in alle Zeiten oder gar keinem ewigen Leben entscheiden müsste, würde ich mich dagegen entscheiden. Die Frage ist natürlich auch, ob man die Realitätsform nahtlos wechselt, von einem organischen Körper zu einem digitalen. Und welches Bewusstsein man von dieser Realitätsform hat, diese Frage spielt auf der Spannungsebene des Films ja auch eine Rolle.

EY: Die Überlegung, wie es sich denn anfühlen würde, digital zu sein, irritiert viele Leute. Gerade die, die sich richtig auf den Film einlassen und sich tief hineindenken, stellen sich die Frage nach dem Wechsel. Ob man nicht unnatürlich wird? Etwas Falsches? Da würde es womöglich viel Gegenwehr geben. Aber wenn der Übergang so smooth ist, wäre das ein Argument dafür, dass es nicht so schlimm sein kann, weil es so real ist.

Es ist ja nicht so einfach, sich bewusstes Leben ohne organischen Körper zu denken … Spürt man noch etwas, wenn man sich in den digitalen Finger beißt?

SM: Ja natürlich, denn der Schmerz ist ja nichts anderes als ein Nervenimpuls. Das Spüren ist ein elektrisches Signal. Das ist entweder da oder nicht. Die Nerven, die getroffen werden, reagieren, das interpretiert das Hirn als Schmerz und denkt sich, ich habe mir gerade in den Finger gebissen. Aber das könnte genausogut rein digital passieren. Den Unterschied spürt man nicht.

EY: So wie beim Phantomschmerz das verlorene Körperteil noch Schmerz empfindet, was aber einfach ein digitaler Reiz im Hirn ist. Und wenn man Arme und Beine verliert, ist man deshalb ja nicht weniger Mensch, man hat nur organische Masse verloren. Aber das Menschsein bleibt genauso wertvoll wie vorher. Das sind tatsächlich alles Fragen, die der Film manchmal ganz aktiv und manchmal in der Peripherie stellt.

SM: Und das finde ich wichtig bei dem Streifen, dass man das auch in dieser Ambivalenz mitbekommt.

EY: Ironisch ist, dass du sagst „der Streifen“. Es ist kein Streifen, der Film ist digital. Ist er weniger Film, weil er keinen chemischen Zelluloidkörper mehr hat? Es ist dasselbe Bild.

SM: Absolut, genau dasselbe. Und es sind nicht nur die Impulse im Gehirn, die zu den Nerven gehen und uns die Umwelt erkennen lassen. Auch Gene, Hormone, chemische Prozesse werden auf einen Reiz hin ausgelöst. Man hat fast den Eindruck, dass die Ur-DNA eigentlich digital ist.

EY: Man kann sich vorstellen, wie unsere Gespräche waren, als wir den Film gebaut haben …

SM: Ich fand großartig, dass der SWR als Sender und die Redaktion das mitgegangen sind.

Es ist ein faszinierendes Gedankenspiel, gerade auch weil der Film nicht wie viele andere klar dystopisch daherkommt.

EY: Natürlich ist das alles ambivalent und der Film macht sehr früh klar, dass es absolut eine Gefahr gibt, wenn wir anfangen, Menschen digital zu kopieren. Aber auf der anderen Seite haben wir sehr sehr viele positive Möglichkeiten, die uns z. B. die Kommunikation über die Grenzen von Leben und Tod hinaus erleichtern. Man muss abwägen.

SM: Ich glaube, das Dystopische bei Science-Fiction hat auch damit zu tun, dass eine Maschine oder eine Technik natürlich der perfekte Antagonist ist. Das ist ein wunderbarer Gegner, weil er gefühllos und kalt ist, das muss man gar nicht motivieren.

EY: Das ist auch wieder eine schwierige Frage. Sind die Leute, die die Maschine geschaffen haben, für die Maschine Gott? Und sind nicht sie die Bösewichte, weil sie diese Art von Maschine geschaffen haben? Siehst du die Technik in "Exit" eigentlich als irgendwie schuldig?

SM: Nein, gar nicht. Die Technik hilft nur zu dem, was wir eh schon die ganze Zeit wollen, nämlich ewig leben. Und was wir in der Mythologie seit Jahrhunderten glauben, dass es nach dem Tod weitergeht, weil es nicht zu Ende sein kann, das nehmen wir jetzt selbst in die Hand. Deus in machina, haben wir das oft genannt: Wir spielen unseren eigenen Gott und verlängern unser Leben ewig. Dafür ist dieses Tool da. Nur sollte es eben selbstbestimmt sein und nicht missbraucht werden. Es ist nicht die Schuld der Innovation, was der Mensch daraus macht. Und ich finde, bei uns hat sie auch viel Schönes. Der weiße Raum zum Beispiel.

In der Umsetzung greifen Sie bei vielem auf die analoge Welt zurück. Was anschaulich ist, manchmal auch ironisch wirkt.

EY: Eine Zukunftsvision ist schwierig, überhaupt wenn man kein Multimillionen-Budget hat. Wenn man darüber nachdenkt, wie die Zukunft aussehen wird, macht man sich sehr schnell lächerlich. Und zwar jetzt schon und noch mehr, wenn man den Film in zehn Jahren oder 2046 ansieht. So wie man sich vor 20 Jahren über die ganz frühen Star Trek-Episoden kaputtgelacht hat. Wir wollten nicht später selbst albern finden, wie wir uns die Welt von 2046 vorgestellt hatten. Es ist ein möglicher Weg, dem entgegenzuwirken, in die Vergangenheit zu schauen und Elemente zu verwenden, die es schon gab, die dann ein bisschen weiterzudenken und neu zusammenzusetzen. Damit fährt man, glaube ich, ganz gut. Und in diesem Fall haben wir es auch mit einem leichten Augenzwinkern gemacht. Wenn ein Email-Postfach als "Postkasten" interpretiert wird, funktioniert das als visuelles Augenzwinkern.

SM: Ja, wir haben nach Zeitlosem gesucht. Das Raumschiff in "Alien" zum Beispiel, 1978 gedreht, baut auf einem reduzierten industriellen Look auf, den es heute in der Industrie immer noch gibt. Bauhaus ist immer noch modern. Wenn man sich reduziert, bleibt man zeitlos.

War das ein sehr anderes Inszenieren als sonst, Herr Marka? Ein großer Teil des Films ist ja erst in der Postproduktion entstanden, wo die Effekte dazukamen.

SM: Es war schwierig. Mir ist zum ersten Mal wirklich klar geworden, warum große Superheldenfilme mit Millionendollarbudget und Allstarensemble am Ende vielleicht als Film nicht so gut funktionieren, mir nicht so nahe kommen, aber ein Riesenspektakel sind. Weil es nämlich wahnsinnig schwierig ist, so etwas zu drehen. Man dreht vor Greenscreen oder auf dem Dach vor Bluescreen und man sieht nicht, was da ist. Die Schauspieler und Schauspielerinnen können es nicht fühlen, sie sind nicht in der Situation, ich bin nicht in der Situation und der Kameramann auch nicht, weil wir gar nicht auf 130 Metern Höhe auf einem Dach im Wind stehen. Man muss das alles imaginieren. Und manches muss man auch beim Dreh schon technisch ausprobieren, was kompliziert ist und sehr viel Energie und Zeit kostet, die an anderen Stellen fehlt. Den Schauspielern fehlt das Haptische natürlich besonders, die müssen blind vertrauen und können sich dabei eigentlich nur auf mich verlassen. Ich verstehe schon, warum man an Filmen wie "Avatar" zwölf Monate dreht. Was wir uns natürlich in Deutschland nicht leisten können. Trotzdem finde ich, dass es gut funktioniert hat, was auch daran liegt, dass die Schauspieler der Sache vertraut und sich ganz reingeworfen haben. Und weil alle Beteiligten sehr viel Liebe in den Film gesteckt und sich über die Maßen dafür engagiert haben. Der Wunsch, so ein Projekt zu realisieren, hat uns alle beflügelt.

EY: Wie viele Effekte waren es letztlich?

SM: Ich glaube ungefähr 400, das ist wirklich sehr viel.

Sie beide verbindet eine enge Zusammenarbeit, wie sieht denn die Rollenverteilung aus?

EY: Wir sind schon sehr symbiotisch. Sebastian ist ganz klar ab der Grundidee dabei, wir konzipieren viel zusammen. Gleichzeitig fließt bei mir beim Schreiben viel Bildsprache und Auflösungsvorschläge ein. Wir vertrauen einander sehr, so dass wir die Ideen und Eingebungen des anderen annehmen und damit umgehen können, das geht bis in den Schnitt oder Musikentscheidungen hinein. Wobei es am Ende natürlich meine Verantwortung ist, dass ein Drehbuch dramaturgisch funktioniert, und Sebastians, dass die Umsetzung gelingt. Insgesamt führen wir aber den kreativen Prozess gemeinsam. Wir sind immer symbiotischer geworden. Ich will gar nicht wissen, was noch passiert … in fünf Jahren sehen wir wahrscheinlich identisch aus. Es ist jedenfalls ein extrem angenehmer Prozess, so gern wir beide auch mit anderen Kreativen zusammenarbeiten.

SM: Viele von den Bildern sind bei Erol schon da. Die Idee, mit Haptik zu arbeiten, ist zum Beispiel seine Idee gewesen. Das ist für mich wie eine Inspiration, er hat es ja schon so angelegt, mit Passwörtern, Schließfächern, so dass es relativ nahtlos in eine Umsetzung übergeht, die sozusagen die Kraft auf die Straße übersetzt. Das ist dann mein Job. Und wenn es gelingt, das noch mehr in die Richtung zu bringen, an die wir ursprünglich gedacht hatten, wenn Erol sagt, dass es noch besser ist, als er dachte, dann haben wir alle den Job richtig gemacht.

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