Interview mit Ulrich Matthes

Arnold (Ulrich Matthes) lässt sein altes Leben zurück und zieht sich mit seinem Hund in die Einsamkeit einer abgelegenen Berghütte zurück.
Arnold lässt sein altes Leben zurück und zieht sich mit seinem Hund in die Einsamkeit einer abgelegenen Berghütte zurück. | Bild: WDR / Schiwago Film

Wann wurden Sie in das Projekt eingebunden?

Rick Ostermann hat mir die Rolle zu einem frühen Zeitpunkt angeboten. Dadurch konnten wir im Vorfeld detailliert am Buch arbeiten, das entspringt meinem Gefühl einer Gesamt-Verantwortung für das jeweilige Projekt, die mir dann aber früh genug – spätestens im Schneideraum – wieder abgenommen wird... Dabei fühle ich mich sogar für Sätze verantwortlich, die gar nicht die meiner Figur sind, sondern die einer anderen. (lacht)

Was war für Sie so besonders an dem Stoff? Warum wollten Sie die Figur "Arnold" gerne spielen?

Mir war sofort klar, was das für eine fantastische Rolle ist. Die unglaubliche Intensität der unterschiedlichsten Gefühle hat mich bei der ersten Lektüre sofort angesprungen. Der Stoff ist hochinteressant. Ich selbst habe keine Kinder, aber den Verlust eines Kindes stelle ich mir als das Furchtbarste vor, was ein Mensch durchmachen kann. Ich empfand es vor allem auch als schön, dass die Figur eindeutig ein Sympathieträger ist – kein Massenmörder, kein Profi-Killer oder was ich sonst noch so spiele... Der aufmerksame Zuschauer wird vielleicht sehen, dass Arnold zwischendurch Klausuren korrigiert. Er ist Lehrer, ein erstmal freundlicher Alt-68er und Pazifist, insofern ein Sympathieträger. Es war für mich schön, dass die Figur dort startet und sich im Laufe des Films entwickelt und Arnold Seiten an sich kennenlernt, die er möglicherweise gar nicht für möglich gehalten hat. Das ist natürlich der Ur- Impuls überhaupt, Schauspieler zu werden, dass man Seiten spielen kann, von denen man vielleicht ahnt, dass sie in einem schlummern, die man dann aber als Schauspieler lebendig, physisch erlebbar für sich selber und hoffentlich auch für die Zuschauer machen darf. Insofern war das – in der Breite der Emotion, die es zu spielen galt – eine wirklich rare Rolle.

Die Nachricht vom Tod ihres Sohnes erschüttert Arnold und Karen zu tiefst. Wie geht Arnold mit diesem Verlust um?

Beide sind in einer enormen Trauerphase – die Frau, Karen, kann noch schlechter mit ihrer Trauer umgehen als der Mann. Arnold versucht, sich und vor allem seine Frau zu stabilisieren – und scheitert daran. Irgendwann zieht er sich komplett aus der Welt zurück in die Einsamkeit, um überhaupt irgendwie wieder zu sich zu finden. Ich habe keine Ahnung, wie ich das machen würde in so einer Situation.

Als Arnold in den Bergen von einem Fremden bedroht wird, beginnt er sich zu bewaffnen, um das, was ihm noch geblieben ist, zu verteidigen. Wie erklären Sie diese Wandlung des überzeugten Pazifisten?

In der Einsamkeit der Berge widerfahren Arnold die unterschiedlichsten Dinge. Zunächst Mal die Gewalt des Fremden, die er – für sich selbst komplett überraschend – mit einer Art Gegengewalt beantwortet. Das Buch lässt das auf eine, wie ich finde, interessante Art und Weise offen, ob das wie eine kathartische Maßnahme für sich selber ist, um die Gewalt dadurch loszuwerden, oder ob in ihm durch die Gewalt, die seinem Sohn angetan wurde, ein schlummerndes Gewaltpotenzial abgerufen wurde. Es ist eine seelische Grundsituation, von der weder in der Romanvorlage noch im Film deutlich gesagt wird – was ich gut finde – warum Arnold auf die Gewalt mit Gegengewalt antwortet. Er tut es einfach. Damit bleibt es auch dem Zuschauer überlassen, wie er damit umgeht.

Denken Sie, jeder Mensch ist in gewissen Situationen zu solch einer Wandlung fähig?

Das ist natürlich die Kardinalfrage des ganzen Films. Der Film ist zunächst eine Art von Thriller und Kammerspiel, und dann ist er fast wie eine Parabel darauf, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist, den wir Gott sei Dank jeder für sich selber qua Erziehung, qua Gewissen, qua Maximen, die man sich im Laufe seines, hoffentlich einigermaßen vernünftigen und moralisch mehr oder weniger vertretbaren Lebens angeeignet hat. Darunter liegen trotzdem dunklere Möglichkeiten – bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Wir kennen die Situationen, beispielsweise im Straßenverkehr. Ich selber bin kein aggressiver Autofahrer, reagiere aber sehr schnell fast jähzornig auf aggressives Verhalten von anderen Verkehrsteilnehmern. Da gibt es Situationen, in denen ich mir wünschte, ich hätte eine Tarnkappe, dann würde ich diesen rücksichtslosen Rowdys hinterherfahren und sie im Schutze meiner Tarnkappe mit meinen eigenen Händen ermorden… Natürlich würde ich mich anschließend schämen! Aber im Ernst, ich glaube, wir alle haben dunklere Seiten in uns, die in unserer Gesellschaft sanktioniert sind und auch durch unser Gewissen und unsere Erziehung nicht nach oben kommen, aber sie lauert in uns, die dunkle Seite. Definitiv. Übrigens: Meine Lebenserfahrung hat mich gelehrt, Frauen sind die besseren Menschen. Natürlich gibt es auch einzelne Exemplare, die anders und besonders böse sind (lacht).

Große Teile des Films spielen in den Bergen – eine beeindruckende Filmkulisse. Wie haben Sie die Dreharbeiten dort oben im Schnee empfunden? Worin lag die besondere physische Herausforderung bei diesen Dreharbeiten?

Es war eiskalt!!! In den Nächten fiel das Thermometer teils bis auf minus 28 Grad. Es war tatsächlich manchmal so, dass mir sämtliche Lagen an T-Shirts und Socken, die meine reizenden Kostümassistentinnen und Garderobieren auf das Liebevollste am Morgen für mich raus gelegt hatten, nichts genutzt haben. Ich stand in manchen Drehpausen wie ein Zombie am Set, starr vor Kälte. Meine Gesichtsmuskeln waren eingefroren, die Hände und die Füße waren irgendwann nicht mehr spürbar. Daran konnten auch elektronische Fußwärmer oder die dicksten Handschuhe nichts ändern. Heavy!! Auf der anderen Seite: Ich liebe die Berge, den Winter, Schnee! Daher habe ich die Dreharbeiten trotz der teils anstrengenden Bedingungen als sehr schön erlebt, was vor allem aber auch an dem gesamten Team lag, das besonders lustig und sympathisch war. Allen voran: Rick. Das war echt ein großes Vergnügen.

Der Film feierte seine Weltpremiere auf dem Film Festival Venedig. Worin lag das Besondere für Sie, ihren Film vor Publikum auf großer Leinwand zu sehen?

Venedig ist natürlich der Wahnsinn. Es ist ein sehr familiäres Festival, nicht so ein Halligalli wie in Cannes und nicht so nasskalt wie in Berlin... Der Film kam beim Publikum sehr gut an, mit langem Applaus und tollen Gesprächen danach. Für mich – es war mein erster Besuch beim Film Festival Venedig – war das ein Jahreshighlight.

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