Die Regisseure

Interview mit Lars Jessen und Jan Georg Schütte

Andy (Charly Hübner) möchte Berit (Karoline Schuch) unterstützen
Andy möchte Berit unterstützen und überlegt, was man alles machen könnte. | Bild: ARD Degeto / Manju Sawhney

Was bedeutet die Wiedervereinigung Deutschlands für Sie persönlich?

Lars Jessen: Mir ging es peinlicherweise viel zu lange so, wie sehr vielen westdeutsch sozialisierten Menschen: Es war mir mehr oder weniger egal. Anfangs hatte ich vor allem Angst vor einem viel zu großen, viel zu mächtigen wiedervereinigten Deutschland. Mit der Arbeit am Dokumentarfilm ‚Wildes Herz‘, den wir produzieren durften, hat sich mein Blick auf ostdeutsche Biografien grundlegend geändert und ist jetzt von großer Neugier geprägt.

Jan Georg Schütte: Naja, immerhin habe ich auf die Art meine Frau kennengelernt. Also ein mächtiger Einfluss auf meine persönliche Geschichte. Abgesehen von meinem persönlichen Glück, kann man sich natürlich derbe beschweren über all den Rechtsradikalismus, die Arbeitsplatzverluste, die schrecklichen Fehler der Treuhand etc. Aber wenn ich durch die ehemalige DDR fahre, sehe ich ein kraftvolles Land.

Welchen Einfluss haben die Momente Ihrer persönlichen Geschichte auf die der Protagonisten?

Lars Jessen: In dem Projekt kommen zwei große Fragen zusammen, die in meiner Arbeit zentral sind, die sich mit Identität und Freundschaft auseinandersetzen. Wer bin ich und bin ich richtig in meinem Leben? Kann und darf ich mich ändern? Diese Fragen treiben eigentlich alle Figuren in unserem Film um.

Jan Georg Schütte: Das spielt alles unterschwellig mit. Die Freunde und Verwandten meiner Frau, meine Schwiegereltern – die übrigens mit ihrer schmalen Ost-Rente eine fantastische Altersperformance hinlegen. Das spielt da rein. Aber natürlich ist unsere Story vor allem von Charlys Schilderungen seiner Freunde und Familie geprägt.

Wie war die Drehbuch-Zusammenarbeit mit Charly Hübner?

Jan Georg Schütte: Mir macht die Zusammenarbeit großen Spaß, weil Charly natürlich immer in Figuren denkt. Er ist da ähnlich gelagert wie ich. Er sucht nach den Brüchen, den Sackgassen, den gescheiterten Sehnsüchten und den ganz persönlichen Heldengeschichten.

Lars Jessen: Charly ist wirklich ein enormer Impulsgeber, der klug und originär seine Ideen zu Figuren und zur Story formulieren kann. Es entstand dann ein Konvolut an Material, das Jan Georg und ich sortiert und in eine Storyline gegossen haben, bevor wir unsere Arbeit wieder an Charly zurückgespielt haben. Es waren lange und inspirierende Telefonkonferenzen, die wir hatten!

Wie war Ihre erste Regie-Zusammenarbeit?

Jan Georg Schütte: Ach, ein einziges Debakel! Man sucht ständig nach Streit – und findet keinen. Gut, vereinzeltes glückliches Aufschreien hinterm Monitor, wenn zwei Schauspieler*innen die Welle erwischen und auf ihren mühsam ausgetüftelten Konflikten surfen können. Zutiefst demütigend dabei allerdings für mich, dass ich mich immer nach schräg oben freuen musste, weil Lars sich einen erhöhten Regiestuhl mit ans Set gebracht hat. Klar, seine Erfahrung. Das werde ich das nächste Mal besser machen. Ich habe schon Baupläne in der Schublade für eine Art Hochsitz mit eingebautem Monitor.

Lars Jessen: Es gab eigentlich fast nur Glückmomente. Wir hatten beide die Möglichkeit, eine Reihe von Filmen zu machen. Da musste sich keiner von uns mit Egozentrik in den Vordergrund spielen oder über den anderen stellen beziehungsweise setzen. (lacht) Die beste Idee hat immer gewonnen! Das Gemeinschaftsgefühl hat uns, das ganze Ensemble und Team durch diesen wilden Ritt getragen.

Wie unterscheidet sich die Arbeit an "Für immer Sommer 90" zu anderen Projekten?

Jan Georg Schütte: Massiv. Mit lächerlichen drei Kameras hatte ich ja noch nie gedreht. Das war alles so brutal überschaubar und ich konnte mich nicht hinter der üblichen Kreativlawine meiner Schauspieler*innen verstecken. Da musste ich manchmal richtig eingreifen. Regie nennt man das wohl. Da habe ich ganz schön geschwitzt – aber Lars stand ja neben, optisch über mir und hat mir den Rücken freigehalten.

Lars Jessen: Geschwitzt habe ich auch, es gibt ja keine Proben. Es geht in jeder Sekunde um alles. Das führt zu einer unglaublichen Fokussierung bei allen Beteiligten und setzte enorme Kräfte frei. ‚Normale Dreharbeiten‘ sind von teilweise absurden Wartezeiten und Wiederholungen geprägt. Im Gegensatz dazu fühlte sich die Arbeit an wie ein Trip.

Welche Qualitäten bringt der jeweils andere in das Projekt ein?

Lars Jessen: Ich war ja schon ein paar Mal Zeuge davon, wie Jan Georgs Methode greift. Er schafft es, die Schauspieler*innen in einen Aggregatzustand zu versetzen, in dem sie einerseits frei sind, andererseits aber auch ihren Output in den Dienst der Geschichte stellen. Das ist so eine Art biochemische Reaktionskette, die er auslöst. Er zündet an und als gelernter Schauspieler hat er einen intuitiven, sehr direkten Draht zu seinen (ehemaligen) Kolleg*innen.

Jan Georg Schütte: Und natürlich habe ich, mit meinen circa zehn bereits gedrehten Machwerken, die nötige Portion Chaos hinzugefügt. Lars, mit seinen gefühlt bereits 500 gedrehten Filmen, hat da eine angenehme Routine und Ruhe an das Filmset gebracht.

In "Für immer Sommer 90" sieht sich Andy mit seiner DDR-Vergangenheit sowie mit der aktuellen Corona-Lage konfrontiert. Was hat Sie dazu bewegt, dieses Thema aufzugreifen?

Lars Jessen: "Die ‚Corona-Ausnahmesituation‘ prägt unser Leben bis in jedes Detail. Wir finden es spannend, diese Stimmung in einem Film einzufangen, ohne dass wir überdeutlich darauf rumreiten. Aber angesichts dieser fundamentalen Krise, die ja mehr beinhaltet als eine gesundheitliche Bedrohung, fragen sich derzeit viele Menschen, was ihnen wirklich wichtig ist. Andy muss im Laufe des Films herausfinden, dass es wichtig ist, sich diese Frage in all ihrer Grundsätzlichkeit zu stellen.

Jan Georg Schütte: Eben, Corona lag auf der Hand: Es bewegt uns wohl alle. Und 30 Jahre Wiedervereinigung geisterte nun mehr als deutlich durch dieses Jahr 2020. Und beide Themen zu verbinden, dafür hat sich diese Geschichte von Andy dem Corona- und Wendegewinner hervorragend geeignet. Und ja, es geht auch um mehr. Es geht um unser System. Es geht um Heimat, um die Frage von Verantwortung gegenüber unserer Gesellschaft und gegenüber Freunden. Und es geht um Gewinnen und Verlieren und dass der Unterschied zwischen den beiden Dingen manchmal geringer ist, als man selbst denkt.

Herr Schütte, Sie treten in "Für immer Sommer 90" zweimal als Cameo auf – was reizt Sie daran, in Ihren Projekten vor die Kamera zu treten?

Jan Georg Schütte: Ich kann nicht anders. Und wenn man noch dazu dann einen Regie-Kollegen des Vertrauens hinter dem Bildschirm hat. Perfekt.

Lars Jessen: Meinen Cameo-Auftritt hat zum Glück keiner bemerkt! (lacht)

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