Drehbuchautorin Kristl Philippi im Gespräch

Ellen (Susanne Wolff, li.) und Katharina (Britta Hammelstein) wünschen sich Wolfgang als Samenspender.
Ellen und Katharina wünschen sich Wolfgang als Samenspender. | Bild: WDR / Martin Valentin Menke

Was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert?

Mich interessieren daran vor allem die Fragen: Was macht uns zu Eltern? Wodurch fühlen wir uns als Vater, als Mutter? Wodurch schreiben wir anderen diese Rolle zu? Und was passiert mit uns, wenn da Konflikte aufkommen: Also wenn mein Selbstverständnis als Vater oder Mutter angegriffen wird, egal ob ich blutsverwandt bin oder … gefühlsverwandt? Was macht das mit mir, wenn ich Angst bekomme, mein Kind zu verlieren? In diesem Spannungsfeld schlummern extreme Gefühle. Von den schlimmsten Tragödien liest man dann in der Zeitung. Die konkrete Idee zu der Geschichte hatte ich, weil mich die Beziehungskrise von zwei engen Freundinnen in Frankreich, ich nenne sie einfach mal Anne und Marion, sehr bewegt hat.

Was war mit den beiden?

Sie waren seit Anfang 20 ein richtig stabiles, gutes Paar, beste Freundinnen und Geliebte. Mit Mitte 30 ist Anne nach einer ziemlichen Odyssee endlich schwanger geworden. Alle haben sich irre gefreut. Aber kurz nach der Geburt ihrer Tochter, das war 2011, fing das mit den Spannungen zwischen den beiden an. Marion hatte immer stärkere Ängste: Wenn Anne mal kurz nicht zu erreichen war – Panik. Ich habe anfangs nicht verstanden, warum Marion nicht mehr Vertrauen hat, also in Anne. Nach einer Weile hab ich dann kapiert: Marion dreht durch, weil sie als Mutter total darauf angewiesen ist, dass andere sich fair verhalten. Sie selbst ist ohnmächtig, ausgeliefert. Weil sie keine Rechte hat und niemand Dir garantieren kann, dass das, was heute gilt, auch morgen noch gilt, wenn es zum Beispiel eine neue Liebe gibt oder jemand stirbt. Du bist komplett abhängig von Menschen, die du liebst. Das kann die stärksten Menschen und Beziehungen kaputt machen. Jedenfalls hat sich aus der Nähe zu Anne und Marion die Geschichte in mir verdichtet. Und dann erst habe ich angefangen zu recherchieren: Wie ist das alles eigentlich in Deutschland?

Was waren die größten Herausforderungen bei der Entwicklung des Drehbuchs?

Gesetze und Regelungen dringen hier sehr tief und existenziell ins Leben, Denken und Fühlen der Menschen ein. Da die richtige Balance zu finden, war ein ziemlicher Knochen. Der Film sollte ja auf keinen Fall didaktisch oder belehrend oder so werden, sondern die Gefühle und die Entscheidungen der Figuren nachvollziehbar machen.

Die Figuren sind so angelegt, dass man jede Perspektive nachvollziehen kann. Warum war Ihnen das wichtig?

Weil ich wirklich jede Figur sehr gut verstehe, auch wenn ich finde, dass sie sich dann doof oder gemein verhalten. Keine Ahnung, wie ich mich an deren Stelle verhalten hätte … vielleicht jeweils ganz genauso. Und weil ich denke, dass es ein unmöglicher Anspruch ist, immer angemessen und "richtig" zu fühlen. Wichtig ist, welche Entscheidungen du am Ende triffst. Also dass wir nicht immer um jeden Preis nur unsere eigenen, womöglich noch unreflektierten Bedürfnisse durchsetzen.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Regisseurin Nana Neul, mit der Sie ja befreundet sind?

Nanas Filme sind toll. Ich mag sehr, wie sie inszeniert. Da weht, auch wenn’s ernst und schwer wird, eine Brise durch. Das hatte ich beim Schreiben immer im Kopf, und das hat mir sehr geholfen. Ich glaube auch, dass wir uns gut ergänzt haben: Ich manchmal mehr Kopf, sie manchmal mehr Herz. Wir waren uns auch einig, dass wir unbedingt Susanne Wolff als Ellen wollten. Als das geklappt hat, war die Freude riesig… und das zog sich bei der Besetzung der anderen Rollen so durch. Ich bin begeistert, was für tolle Schauspieler Lust hatten mitzumachen.

Die Dreharbeiten starteten im September 2017, am 30. Juni 2017 hatte der Bundestag den Gesetzentwurf zur »Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts« verabschiedet. Inwieweit nahm das noch einmal Einfluss auf den Film?

Ich durfte aus dem Wort "Lebenspartnerschaft" das Wort "Ehe" machen.

Und was hätten Sie gemacht, wenn das Abstammungsrecht mit der Einführung des Gesetzes im Sinne der gleichgeschlechtlichen Paare verändert worden wäre?

Ha! Die Frage ist gemein … Ich hab alles, was schließlich zur Abstimmung geführt hat, ziemlich aufgeregt verfolgt. Ich wollte natürlich unbedingt, dass es wirklich zur Abstimmung kommt und dass für die "Ehe für alle" gestimmt wird. Aber bis zwei Tage vor dem 30. Juni hat mein egoistisches Ich schon geflüstert: Mist. Wenn das jetzt durchgeht, war’s das mit dem Film. Wie so viele bin ich trotz aller Recherche bis kurz vor der Abstimmung davon ausgegangen, dass Ehe für alle auch bedeutet: Wenn ein Kind in eine Ehe geboren wird, sind automatisch beide Elternteile die rechtlichen Eltern, weil das bei heterosexuellen Ehen so ist. Weil das dann aber im Gesetzestext so explizit gar nicht drin stand, bin ich doch noch stutzig geworden und hab mit dem Juristen Manfred Bruns gesprochen. Er ist der Experte, wenn es um Rechte von Schwulen und Lesben geht. Er hat mir erklärt, dass die Stiefk indadoption für homosexuelle Paare mit der Ehe für alle leider nicht vom Tisch ist. Das eine ist Familienrecht. Das andere eben Abstammungsrecht. Ich habe bis heute ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil ich im ersten Moment erleichtert war. Genau deshalb ist es aber umso wichtiger, diesen Film genauso gemacht zu haben.

Verfolgen Sie die Diskussionen über das Abstimmungsrecht weiter?

Schon. Aber im Moment gibt es da gar nicht so viel zu ver- folgen. Im fi nal unterschriebenen Koalitionsvertrag taucht das Abstammungsrecht gar nicht auf. Dabei war in einer Fassung vom Februar 2018 noch von einer "Prüfung des Abstammungsgesetzes unter Berücksichtigung der Ergebnisse des Arbeitskreises" die Rede. Die Positionen der Parteien, des Arbeitskreises, des Lesben- und Schwulenverband in Deutschland oder auch der Kirchen gehen teilweise ganz schön auseinander: Gilt Gleichstellung nur bei ärztlich assistierter Insemination oder auch bei der "Becher-Methode"? Gelten künftig die gleichen Regeln für Zugang und Kostenübernahme bei ärztlich assistierter Insemination für Homosexuelle und Heterosexuelle? Wie viele Menschen dürfen rechtliche Eltern eines Kindes sein? Die Koalition traut sich scheinbar nicht an diese moralisch-ideologisch und vor allem emotional hoch aufgeladenen Fragen heran.

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