Die Produzenten Michael Souvignier, Till Derenbach und Uwe Kersken im Gespräch

Marie (Michelle Barthel) mit den "Goldjungs"
Marie (Michelle Barthel) mit den "Goldjungs" | Bild: ARD/Zeitsprung Pictures / Frank Dicks

Was hat Sie daran gereizt, eine Satire über die Pleite der Herstatt Bank zu machen?

Michael Souvignier und Till Derenbach: Es ist die größte Bankenpleite in Europa seit der Weltwirtschaftskrise 1932: Im Juni 1974 standen hunderte Sparer, Handwerksmeister und Firmenchefs vor den geschlossenen Türen der Herstatt-Bank in Köln: Sie wollen ihr Geld. Aber die Konten waren gesperrt, die Guthaben verloren. Handwerksbetriebe konnten die Löhne nicht mehr zahlen, Betriebe gingen in den Konkurs, Karnevalsvereine waren blank, der Kölner Zoo konnte kein Futter für seine Löwen mehr kaufen. Ein Ereignis von so großem Ausmaß künstlerisch zu verarbeiten, ist natürlich sehr reizvoll. Wir waren Kinder als die Herstatt Bank durch die Gier Weniger Pleite ging. Hat diese Pleite dazu geführt, dass sich etwas verbessert hat? Nein, das Gegenteil ist der Fall. Gerling hat die Kleinsparer, die ihr Geld verloren glaubten, voll ausbezahlt – und dies aus seinem Privatvermögen und dadurch sein Imperium verloren. Haltung in schwierigen Zeiten nennt man das.

Wie bei anderen Filmen von Zeitsprung Pictures für den WDR, z. B. "Der König von Köln", sind auch die "Goldjungs" also von den wahren Gegebenheiten inspiriert, auch diesem Film ging eine umfangreiche Recherchearbeit voraus. Uwe Kersken: Als ich einen Film über Adenauer für den SWR und WDR in einem der Gerling- Gebäude drehte, kam mir die Idee zu unserem Film. Ich lernte Zeitzeugen kennen, ehemalige Mitarbeiter der beiden Unternehmen, u.a. einen Analysten der Devisenabteilung. Später hatte ich regen Kontakt mit Nachkommen der Familien Gerling und Herstatt.

Wie war dieser spektakuläre Crash möglich?

Uwe Kersken: Die Bilanz des Jahres 1973 war vorzüglich, das Jahr 1974 versprach ein wahrhaft goldenes zu werden. Für die satten Gewinne sorgten vor allem "Herstatts Goldjungs", wie sie in Köln genannt wurden, seine Devisenhändler. Was meint, die Devisenhändler agieren völlig losgelöst von profanen Vorstandsregeln. Niemand fragt, wie mit Sparbuch, Konto und Kredit - den Brot- und Buttergeschäften jeder Bank – ein so toller Jahresabschluss ’73 möglich ist. Herstatt fragt nicht und auch nicht Hans Gerling, der Besitzer der Bank. Michael Souvignier und Till Derenbach: Es wurde von Wirtschaftskanzleien geprüft und nichts gefunden. Erst der hausinterne Revisor änderte das, der den Verlust dann aufdeckte und den Betrügereien auf die Spur kam. Herstatt warb mit dem Spruch: "Geldanlage ist kein Glücksspiel." Aber genau das war das Geschäftsmodell der Devisenhändler: Sie machten den Devisenhandelsraum zur Spielbank. Die Bank hatte sich verzockt.

Es gibt viele Bankenpleiten. Was macht die Geschichte der Herstatt-Bank aus heutiger Sicht besonders?

Uwe Kersken: Damals spannte die Politik keinen Rettungsschirm auf. Helmut Schmidt sagte: "Es ist völlig undenkbar, dass wir bei so miesen Geschäften über Steuermittel die Verluste sozialisieren. Wer die Gewinne hat, muss auch die Verluste tragen." Das waren noch Zeiten. Michael Souvignier und Till Derenbach: Hans Gerling musste nicht, aber er tat es: Er ermöglichte einen sensationellen Vergleich mit allen Bankkunden. Um den Preis, dass er den Großbanken die Mehrheit an seinem Konzern überschreiben musste und nicht länger Vorstandsvorsitzender blieb. Uwe Kersken: In der Folge ist "Herstatt risk" zum festen Begriff der Finanzwelt geworden und hat dazu geführt, dass seitdem weltweit Devisentransaktionen eigentlich kontrolliert werden sollten … . Und die Moral von der Geschichte? Keine – wie an der weltweiten Finanzkrise und bei "Wirecard" und "Greensill" unlängst zu sehen war. Es wurde und wird in Banken und sogenannten Finanzdienstleistern weltweit weitergezockt.

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