Interview mit den Machern

Romanautor Lutz Seiler und Regisseur Thomas Stuber

Kruso (Albrecht Schuch) alleine am Strand
Kruso alleine am Strand | Bild: MDR/UFA Fiction / Lukas Salna

Herr Seiler, hat Ihre eigene Geschichte Sie bei der Entwicklung der Romangeschichte inspiriert?

LUTZ SEILER: Ich hatte nie vor, über diese Zeit zu schreiben und bin dann auf Umwegen, im Grunde durch das Scheitern eines ganz anderen Romanprojekts, auf diesen Stoff gestoßen. Im ursprünglichen Romanprojekt sollte die Zeit auf der Insel ein winziges Rückblickkapitel werden – dann sind daraus die 500 Seiten entstanden. Und ja, die eigene Erfahrung hat geholfen, im Sommer 1989 war ich Abwäscher im "Klausner". Man braucht diese authentischen Ausgangspunkte, die das Erfinden beglaubigen, bis ins Phantastische hinein, bis zu dem Punkt, dass ein toter Fuchs zu sprechen beginnt und schwerwiegende Gespräche mit der Hauptfigur führt, zum Beispiel ... Ich habe eine Weile gebraucht, um zu sehen, dass diese Insel-Szene der Aus- gestiegenen und Ausgestoßenen auf Hiddensee auf ihre Weise historisch einmalig und ein wunderbarer Stoff ist.

Was ist für Sie das Besondere an dieser Romanverfilmung und welche Auswirkungen hat es auf die eigene Arbeit gehabt?

THOMAS STUBER: Ich hätte wohl nicht zugesagt, einfach einen weiteren "Wendefilm" zu machen. Zu dem Thema ist schon sehr viel produziert worden – und ich habe auch das Gefühl, dass das Thema, zumindest für den Moment, in einer gewissen Weise auserzählt ist. Was mich an "Kruso" gereizt hat ist eben, dass das Thema aus einer ganz ande- ren, neuen Richtung erzählt wird. Die Insel, das Abenteuer, die fantastische Atmosphäre – alles sehr weit entfernt von grauen, maroden Hauswänden in Ostberlin, die nur darauf warten, dass die Wende kommt – und dann bricht der goldene Westen an. Das macht Seilers Buch wirklich zu einem Alleinstellungsmerkmal, das ist so noch nicht erzählt worden, und deshalb fand ich das so spannend. Das Atmo- sphärische, die Stimmung ist eine ganz wichtige Komponente im Buch und auch im Film. Allerdings ist das, was in der Literatur atmosphärisch wirkt nicht 1:1 in das Filmische zu übertragen. Da muss man andere Wege beschreiten, stimmige Orte sind ebenso wichtig, wie ein gut funktionierendes Ensemble.

LUTZ SEILER: Es ist großartig, dass das Buch zur Vorlage für eine eigenständige Arbeit in einem anderen Medium werden konnte. Diese Arbeit ist sehr gelungen. Thomas Kirchner, der Autor des Drehbuchs, und Thomas Stuber als Regisseur erzählen im Film eine wiederum eigene Geschichte, die bestimmte Aspekte betont, die im Buch gleichwertig neben anderen erscheinen – trotzdem bleibt der Film dem Buch treu in seinen wesentlichen Intentionen. Und Albrecht Schuch als Kruso und Jonathan Berlin als Ed sind klasse. Das Meer als Grenze und Ort des Sterbens waren im Roman ein Thema, als es die Mittelmeerfluchten noch nicht gab, das ist dem Film als aktueller Kontext zugewachsen – da- mals waren es Flüchtlinge aus der DDR über die Ostsee nach Dänemark, die jeder Hilfe bedurften – geschafft haben das nur wenige und die Zahl der Toten ist unbekannt.

Die Gaststätte "Zum Klausner" mit ihrem Personal und den dort Gestrandeten ist ein ganz besonderer Ort und steht für den Versuch, innerhalb des DDR-Regimes eine Form von Freiheit zu leben. Wie viel Freiheit ließ sich in solchen "Rückzugsorten" tatsächlich leben?

THOMAS STUBER: Ich vermute (ohne es selbst miterlebt zu haben), dass es viele solcher Orte in der DDR gab und dass dort sehr viel "Freiheit" möglich war. Das hat verschiedene Gründe. Es sind Orte, wie es sie heute, ohne DDR, auch nicht mehr gibt. Im Falle des "Klausners" bzw. der Geschichte, die Lutz Seiler erzählt, geht es darum, eine Freiheit zu leben und trotzdem an eine Utopie des Sozialismus – an das, was verschüttet liegt im Realpolitischen, vom DDR-Regime, wenn Sie so wollen – zu glauben.

Mit der Aufnahme in die Gemeinschaft des "Klausners" gibt Kruso Ed eine neues Zuhause und eine Perspektive. Am Ende ist es Ed, der Kruso nicht im Stich lässt und ihn rettet. Ist "Kruso" für Sie primär eine Geschichte über Freund- schaft? Was verbindet die beiden?

THOMAS STUBER: Die Freundschaft von Ed und Kruso bildet das emotionale Zentrum, das Rückgrat des Films. Die beiden sind Gestrandete, jeder auf seine, sehr unterschiedliche Weise, auf dieser Insel. Die Verbindung der beiden ist fast märchenhaft, es ist tatsächlich ein bisschen wie bei Crusoe und Freitag im Roman von Daniel Defoe.

LUTZ SEILER: Für mich selbst stand die zärtliche und zu- gleich schwierige Geschichte dieser Freundschaft immer im Zentrum des Buches. Die beiden sind tief verbunden durch eine Parallelität im Unglück: Sie haben beide ihren liebsten Menschen verloren. Kruso hat seine Schwester verloren, die vermutlich bei einem Fluchtversuch über die Ostsee ums Leben gekommen ist. Ed hat seine Freundin verloren, die sich vermutlich das Leben genommen hat. Das Paradoxe dabei: Noch tiefer verbindet sie, dass sie darüber im Grunde nie sprechen: Sie verständigen sich über Gedichte, die wie Kassiber hin und her gehen zwischen den beiden.

Ed sucht nach einer anderen Lebensperspektive, Kruso scheint sie im "Klausner" schon gefunden zu haben. Beide haben ihr altes Leben und ihre Identität aufgegeben. Hat dies eher persönliche oder politische Gründe?

THOMAS STUBER: Kruso, der als Kind auf die Insel gekommen ist, dorthin von seinem Vater gebracht wurde, hat ja sein früheres Leben nicht freiwillig aufgegeben. Er war ein kleines Kind. Kruso hat nur das Leben auf der Insel, er kennt nur das. Als Erwachsener scharrt er eine Gemeinschaft um sich, spricht zu ihnen von Freiheit, nimmt eine fast anarchistische Position ein. Er will ein Zusammenleben, am liebsten ohne Politik, ohne Staat, ohne Grenzen. Ed dagegen hat ganz persönliche Gründe, ist selbstbestimmt auf die Insel gekommen. Er hat seine Freundin verloren, vielleicht die Liebe seines Lebens. Er hat nichts mehr, er will untertauchen, abtauchen, verschwinden. Und an diesem Punkt trifft er auf Kruso, eine Freundschaft entwickelt sich, ganz neue Perspektiven für Ed tun sich auf.

Kruso, gespielt von Albrecht Schuch, scheitert letztlich mit seinem Versuch, in der Enklave des "Klausners" ein freiheitliches Leben zu führen. Belegt dieses Scheitern letztlich Adornos These, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt?

THOMAS STUBER: Das glaube ich nicht. Kruso scheitert ja letztendlich nicht nur an sich selbst, sondern zu allererst an den großen Veränderungen der Geschichte, die irgendwann auch die Insel erreichen. Die bittere Ironie liegt darin, dass die Enklave des "Klausners" von DDR-Funktionären immer kritisch beäugt wurde. In dem Augenblick, in dem die DDR zusammenbricht, müssen sich Kruso und Co. aber ein- gestehen, dass es ihre Kommune ohne die DDR nicht mehr gibt. Adornos These ist natürlich trotzdem richtig.

Hiddensee galt in der DDR als Ort für Andersdenkende, Intellektuelle, Künstler und Systemkritiker. Können Sie sich diesen Ort in der heutigen Zeit vorstellen? Wäre der "Klausner" ein Ort, an dem Sie sich wohl fühlen würden?

LUTZ SEILER: Auch die heutigen Formen der Vereinnahmung provozieren Widerstand, Rückzugsgelüste, Abkopplungen und neue Formen des Exterritorialen, das muss keine Insel sein. Davon abgesehen kann ich mich im "Klausner" auf Hiddensee immer noch wohl fühlen, als Gast, Tourist, Liebhaber der Steilküste und des magischen Blicks von dort oben aufs Meer hinaus. Und das ohne dafür abzuwaschen.

THOMAS STUBER: Ich glaube, ich würde mich im "Klausner" sehr wohlfühlen. Auch wenn im Roman – oder im Film der "Klausner" – nicht ganz mit der Realität der Gaststätte im Dornbusch zu vergleichen ist. Kruso glaubt an eine Utopie des Sozialismus, eine ganz reine Form, völlig losgelöst von Politik und Staat – und diese gesellschaftliche Idee, die hält er auch für die richtige als Gegenentwurf zum Kapitalismus. Dieser Utopie kann ich mich auch nur schwer entziehen, muss ich gestehen.

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