Interview mit den Autoren

Spannungsgeladene Atmospähre: Pola (Maria Furtwängler) und Jenny (Tijan Marei)
Pola und Jenny tun ihr Bestes, um Zusammenstöße zu vermeiden. Trotzdem kommen ihre alten Konflikte bald wieder an die Oberfläche: Jenny hat sich ihr Leben lang eine andere Mutter gewünscht als die egozentrische, „männermordende“ Musikerin Pola, die ihr keinen auch nur halbwegs geregelten familiären Background bieten konnte. Und Pola liebt ihre Tochter zwar – aber sie kann einfach nicht verstehen, warum Jenny zur jungen Spießerin mutieren musste. | Bild: NDR / Erika Hauri

Frank Zeller

Frank Zeller wuchs am Bodensee auf und ging nach dem Abitur nach Berlin. Er studierte zunächst Literaturwissenschaft, begann aber bald, mit Freunden Kurzfilme zu drehen. In London machte er eine Ausbildung zum Kameramann. Zurück in Berlin drehte er für verschiedene Sender aktuelle Reportagen, außerdem Werbe- und Imagefilme sowie Dokumentarfilme für das Deutsche Historische Museum. Ins Schreiben von Drehbüchern stieg er als Ko-Autor von Markus Steffl bei der Entwicklung des Fernsehspiels „Boomtown“ ein. Bei der Realisierung mit Helmut Berger in einer Hauptrolle führte er auch Kamera, die Regie übernahm Christoph Schrewe. Als Autor schrieb Frank Zeller dann zunächst Drehbücher für Kinder- und Jugendserien sowie Konzepte zu Dokumentarfilmen. Als abendfüllende Spielfilme wurden unter anderem durch seine Frau Ariane Zeller „Der zweite Blick“ und „Zwei“ (für den Grimme- Preis nominiert) realisiert.

Gespräch mit dem Autor Frank Zeller

»Wir sind doch alle emotional durch unsere Erfahrungen aus der Kindheit geprägt.«

Paare haben oft einen völlig unterschiedlichen Blick auf Beziehungen. Wie haben Sie beide sich beim Schreiben ergänzt?

Ich glaube, im Kern haben wir die Beziehungen schon recht ähnlich gesehen. Arianes großes Interesse galt aber vor allem der Mutter-Tochter-Beziehung. Die Entscheidung, das so in den Mittelpunkt zu stellen, geht eher auf sie zurück. Die männlichen Charaktere sind wohl eher von mir geprägt worden. Auch die Beziehung zwischen Jenny und ihrem Freund – aber eben nicht Liebhaber – Kasimir lag mir sehr am Herzen. Das sind bittersüße Erfahrungen, die viele Männer irgendwann mal so ähnlich durchmachen, glaube ich. Und dann hatte ich natürlich auch Spaß an diesem Gegenentwurf namens Butzke.

Weil er ein veraltetes Männerbild verkörpert?

Butzke ist ein Mann, der in seinem Gehabe erstmal etwas fragwürdig erscheint, aber sich dann doch als interessante und authentische Type entpuppt. Er hat unerwarteter Weise sogar einen gewissen Anstand im Leib. Es war ganz witzig zu sehen, dass die männlichen Leser des Drehbuchs ihn alle spontan ins Herz geschlossen haben. Das Provokanteste an unserer Geschichte ist ja vielleicht, dass sich Jenny ausgerechnet auf diesen mackerhaften und leicht windigen Burschen einlässt, der ihr Vater sein könnte, ohne dass wir das gleich als Fehler und großes Fiasko darstellen. Und dann ist da die kurze Halbromanze zwischen Kasimir und Pola. Das sind Dinge, wo wir gemeinsam abwägen mussten, wie weit wir jeweils gehen wollen, ohne die Figuren zu beschädigen und auch ohne Klischees zu bedienen.

Kasimir verhält sich so, wie man es heute von einem Mann erwartet, einfühlsam und unaufdringlich. Wieso ist er trotzdem erfolglos bei den Frauen?

Ich glaube, die Erwartungen gerade an junge Männer aus Kasimirs Generation sind verdammt vielfältig und oft auch in sich widersprüchlich. Einfühlsamkeit und Rücksicht unbedingt, aber im entscheidenden Moment sollen sie trotzdem auch irgendwie ein Kerl sein. Kasimir ist für mich ein sehr anrührender Typ. Er bemüht sich, alles richtig zu machen. Und er hat ehrliche Gefühle für Jenny und steht auch dazu. Kasimir ist eigentlich eher ein starker Charakter, innerlich gefestigter als Jenny. Aber in seiner Sexualität eben sehr unsicher. Da hat er einfach keinen Plan, da glaubt er nicht an sich. Warum geht Jenny nicht auf ihn ein? Sie mag ihn ja als Freund, er ist eine wichtige Stütze für sie. Aber sie ist mit sich selbst beschäftigt und kann es nicht ertragen, dass noch jemand Erwartungen an sie richtet. Vielleicht sogar Gefühle von ihr verlangt, die sie gerade gar nicht geben kann. Viel zu kompliziert! Jenny braucht in diesem Moment eher jemanden wie Butzke, jemanden, der sagt, was er vorhat, ohne sie zu bedrängen. Er geht das völlig unbesorgt an. Da kann sie plötzlich auch mal aus sich rausgehen, ihren selbst gebauten Käfig verlassen.

Also werden in Beziehungen immer noch alte Muster bedient?

Ja, sehr häufig, denke ich. Da gibt es zumindest ziemlich gegenläufige Kräfte. Das ist ja auch nicht weiter verwunderlich. Wir sind doch alle emotional noch durch unsere Erfahrungen aus der Kindheit geprägt. Man kann Rollenbilder intellektuell hinterfragen, und es gibt neue gesellschaftliche Anforderungen. Aber wenn es darum geht, was wir attraktiv finden, ums Beuteschema oder um die intimeren Wünsche an einen Partner, da enden oft die modernen Vorstellungen. Wir beobachten das auch im Freundeskreis unserer eigenen Tochter. Die sind ja alle auf dem neuesten Stand der Debatte, und doch tragen dann die Beziehungen, die sie im wirklichen Leben führen, in mancher Hinsicht auch wieder erstaunlich traditionelle Züge.

Ariane Zeller

Ariane Zeller wurde in Kassel geboren. Sie absolvierte ein Studium der Darstellenden Künste in Hamburg. Danach sammelte sie Erfahrungen als Regieassistentin beim Film und in der Werbung. Ihren Einstieg als Regisseurin machte sie als Dokumentarfilmerin. Ihr Portrait über Helmut Berger wurde für den Grimme-Preis (1994) nominiert. In der Folge baute sie u. a. als Producerin „Schloss Einstein“ auf, die erste Kinder-Weekly in Deutschland. Danach widmete sie sich wieder der Regie, drehte verschiedene Serien und hat bis heute 21 abendfüllende Fernsehfilme realisiert. Unter anderem: „Der zweite Blick“ (2004, Suzanne von Borsody als „beste Hauptdarstellerin“ zum Bayerischen Fernsehpreis nominiert), „Drei teuflisch starke Frauen“ (2006), „Das total verrückte Wochenende“ (2009), „Zwei“ (2016, nominiert zum Grimme Preis 2018).

Gespräch mit der Regisseurin und Ko-Autorin Ariane Zeller

»Jeder, der Kinder hat, versteht, wie verletzt und hilflos beide sind und wie schwer es ist, einen Weg zueinander zu finden«

Sie haben das Drehbuch zusammen mit Ihrem Mann geschrieben und dann auch Regie geführt. Gibt es eigene Erfahrungen, die in den Film eingeflossen sind?

Wir haben eine Tochter, die ein bisschen älter ist als Jenny im Film. In ihrem Bekanntenkreis in der Schule und beim Studium haben wir oft beobachtet, dass sich das Erwachsenwerden sehr verändert hat. Die meisten sind in diesem Alter schon erstaunlich zielstrebig und versuchen ihr Leben möglichst effizient zu organisieren. Sie sind sehr ehrgeizig und diszipliniert. Viele machen sich selbst enormen Druck und haben Angst vor dem Versagen. Psychosomatische Reaktionen wie eben Panikattacken sind keine Seltenheit. Die Eltern sind dagegen oft noch ganz anders gepolt. Lockerer – sie hängen eher ihrer eigenen Jugend nach, in der sie nach Freiheit gesucht haben. Da prallen zwei Welten aufeinander. Deshalb fanden wir es spannend, das ein wenig auf die Spitze zu treiben. Unsere Mutter ist ein Rockstar in einer Krise, die Tochter studiert Wirtschaftsinformatik.

Warum grenzt sich Jenny so stark von ihrer Mutter ab?

Jenny ist ein Trennungskind. Ihr fehlt eine Identifikationsfigur. Ihr Vater ist längst nicht mehr präsent. Er hat eine andere Familie. Jenny idealisiert ihn im Geiste. Doch er zahlt eigentlich nur ihr Studium und fordert im Gegenzug gute Leistungen von ihr. Ihre Mutter Pola hat sich dafür entschieden, konsequent ihren Weg als Musikerin zu gehen. Sie ist ziemlich chaotisch und unangepasst und unterliegt großen Stimmungsschwankungen. Jenny musste als Kind da eben irgendwie mitlaufen und kam dabei oft zu kurz. Sie fühlte sich nicht genug geliebt. Und sie hatte einfach Sehnsucht nach einem geregelten Leben wie eigentlich alle Kinder. Sie hat sich deshalb sehr früh von der Mutter distanziert und ist freiwillig in ein Internat gegangen. Die Beziehung der beiden hat sich von diesem Bruch nie erholt.

Pola zeigt anfangs überhaupt kein Verständnis für ihre Tochter und kritisiert deren angepassten Lebensstil. Warum kann sie sich nicht in Jenny einfühlen?

Pola ist wohl zu lange einfach davon ausgegangen, dass auch ihre Tochter ihr unkonventionelles Leben cool finden würde. Sie erwartet von ihr Verständnis für die Höhen und Tiefen einer Künstlerexistenz und versteht nicht, dass Jenny nicht in so chaotischen Verhältnissen leben will und sich abgrenzen muss. Sie ist enttäuscht von ihrer Tochter. Vielleicht hat sie auch ein schlechtes Gewissen. Die beiden sind sich einige Zeit aus dem Weg gegangen. Ihr Zusammentreffen auf Mallorca ist ja eigentlich auch nicht so geplant. Da knallt es dann gewaltig. Wie alle Mütter muss auch Pola erkennen, dass ihre Tochter eine eigenständige junge Frau ist, die eben anders tickt als sie selbst. Aber auch Jenny muss versuchen, ihre Mutter so anzunehmen, wie sie ist. Jeder, der Kinder hat, versteht, wie verletzt und hilflos beide sind und wie schwer es ist, einen Weg zueinander zu finden.

Während Jenny Kasimir abblitzen lässt, interessiert sie sich auf einmal für den Ex-Freund ihrer Mutter. Warum?

Jenny ist sehr mit sich selbst beschäftigt, mit ihren Zwängen und Panikattacken. Dass Kasimir in sie verliebt ist, findet sie in diesem Moment eher belastend – eine weitere Anforderung an sie. Sie braucht ihn nur als Freund und als Unterstützung für ihre Bachelorarbeit. Sie benutzt ihn auf eine gewisse Art, ohne dass ihr das so bewusst ist. Nach dem desaströsen Treffen mit ihrem Vater fühlt sie sich erbärmlich und einsam. Butzke ist für sie die Chance, sich abzulenken und ihr Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. Er ist locker, flockig, nichts Ernsthaftes, er bietet einfach Spaß, im Gegensatz zum zögerlichen Kasimir. Das ist genau das, was sie braucht, und darauf lässt sie sich für einen kurzen Moment ein. Sie kann ja flirten, das beweist sie sich selbst. Und sie genießt es auch, ihrer Mutter dadurch einen kleinen Stich zu verpassen.

Warum haben Sie für diesen Mutter- Tochter-Konflikt Mallorca als Drehort gewählt?

Wir sind öfter auf Mallorca, und die Landschaft hat uns vor allem wegen der Stimmung inspiriert. Es ist aber kein typischer Mallorca-Film! Uns ging es um die sommerliche Atmosphäre, die Hitze, die spielerische Erotik, die hier im Hintergrund immer mitspielt. Deshalb habe ich auch gemeinsam mit meinem Kameramann Florian Emmerich und mit der Ausstatterin Iris Trescher ein besonderes Farbkonzept für die Bilder entwickelt. Wir wollten den Familienkonflikt nicht als schwermütiges Drama erzählen, sondern mit einer gewissen Leichtigkeit. Es ist ein Sommerfilm, den die Zuschauerinnen und Zuschauer auch genießen dürfen. Die abgelegene Finca irgendwo im mallorquinischen Hinterland bietet einen wunderbaren Schauplatz, wo sich die Konflikte in Ruhe entwickeln können, bis sie irgendwann explodieren.

Der Film ist ja auch eine Tragikomödie. Wodurch entsteht die Komik?

Wir mögen zum Beispiel sehr das französische Kino. Dort stehen oftmals einfach interessante Konstellationen von Menschen im Mittelpunkt. Es geht nicht immer nur um den Plot. Die Geschichte kann sich in Ruhe entwickeln, das Drama entblättert sich peu á peu. Die Komik in unserem Film ist ja eher leise. Sie entwickelt sich aus den starken Charakteren heraus. Es muss gar nicht immer lautstarker Zoff sein. Jeder hat seine heimliche Agenda, und das mag dummerweise nicht recht zusammenlaufen, das reicht schon.

Maria Furtwängler kennen die meisten Zuschauer in ihrer Rolle als sehr kontrollierte „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm ...

Maria Furtwängler hat es wahnsinnig genossen, einfach mal etwas ganz anderes zu spielen. Sie war sofort von dieser verrückten und chaotischen Pola begeistert. Wir haben ihre Figur dann zusammen entwickelt. Wir waren überrascht davon, wie sie sich verwandelt hat. Auch die Maskenbildnerin Kitty Kratschke und die Kostümbildnerin Bettina Helmi haben tolle Arbeit geleistet und geholfen, durch kleine Veränderungen einen neuen Typus aus ihr zu machen. Ja, und glücklicherweise hat sich auch herausgestellt, dass sie ausgezeichnet singen kann! Wir haben im Auditorium in Palma am Paseo Marítimo gedreht, wo sie live vor Publikum gesungen hat. Das war schon toll!

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