Interview mit Maria Furtwängler

Pola (Maria Furtwängler) singt für ihre Tochter.
Pola singt für ihre Tochter. | Bild: NDR / Erika Hauri

Maria Furtwängler stand bereits als Siebenjährige für den Fernsehfilm „Zum Abschied Chrysanthemen“ vor der Kamera (1974, Regie: Florian Furtwängle r). Sie besuchte die „école francaise“ in München und studierte später Medizin u. a. an der Uni Montpellier in Südfrankreich. Während ihres Studiums drehte sie die Serie „Die glückliche Familie“ (1985–1990). Seit 2002 spielt Maria Furtwängler Kommissarin Charlotte Lindholm im NDR Niedersachsen-„Tatort“. 2007 spielte sie in dem Fernsehzweiteiler „Die Flucht“ (2006, Regie: Kai Wessel). Mit „Alles muss glänzen“ (Regie: Noah Haidle) stand sie 2017 erstmals in einer Hauptrolle auf der Bühne. Maria Furtwängler verkörpert starke, teils kaputte, aber nie über jeden Zweifel erhabene Frauen wie zuletzt in dem 2016 in den Kinos gestarteten, preisgekrönten Film „Das Wetter in geschlossenen Räumen“ (Regie: Isabelle Stever). 2018 gab Maria Furtwängler ihr Gesangsdebüt: Für Udo Lindenbergs neues Album „Live vom Atlantik – MTV Unplugged 2“ nahmen sie und der Panikrocker das Duett „Bist du vom KGB 2018“ auf und performten das Lied bei verschiedenen Auftritten live. Für ihre Rollen und ihr soziales Engagement zur Verbesserung der Lebenssituation von Frauen und Mädchen weltweit wurde Maria Furtwängler mehrfach ausgezeichnet.

Gespräch mit Maria Furtwängler

Pola (Maria Furtwängler) überdenkt ihr Leben.
Polas geplante Tournee wurde abgesagt, und nun hängt sie unerwartet in Gesellschaft ihrer Musiker in der Finca herum und lässt ihren Launen freien Lauf.  | Bild: NDR / Erika Hauri

»Diese vielschichtige und schillernde Rolle hat mir den Freiraum gegeben, eine unkonventionelle Figur zu entwickeln.«

Nach den Dreharbeiten für „Nachts baden“ haben Sie Ihr Debüt als Sängerin gegeben, als Sie gemeinsam mit Udo Lindenberg ein Duett für sein Album „MTV Unplugged 2“ gesungen haben. Hat die Rolle der Pola den Anstoß dafür gegeben?

Ich hatte Udo zufällig im Hotel Atlantic getroffen und ihm erzählt, dass ich eine Rockmusikerin spiele und in dem Film auch singe. Sonst hätte er mich später nie angerufen und gefragt: „Hättest du Lust auf MTV Unplugged mit mir?“. „Nachts baden“ hat mir die Tür zu Udo Lindenberg überhaupt erst geöffnet, insofern bin ich der Rolle doppelt dankbar. Denn ich hatte schon immer Lust, in einem Film zu singen.

Pola ist eine sehr außergewöhnliche und unkonventionelle Frau. Was hat Sie an dieser Figur interessiert?

Die Amplituden in Polas Persönlichkeit haben mich sofort angesprochen. Sie ist eine Frau, die zwischen exzessivem Tanzen, Trinken, Partymachen und tiefster Verzweiflung und Selbstzerfleischung schwankt. Eine Figur auszuloten, die sich so fallen lässt in die Extreme, die nicht so kontrolliert ist wie die meisten von uns, mich eingeschlossen, ist sehr reizvoll. Diese vielschichtige und schillernde Rolle hat mir den Freiraum gegeben, eine unkonventionelle und nicht im ersten Moment sympathische Figur zu entwickeln.

Der Film erzählt von einer konfliktreichen Mutter-Tochter- Beziehung. Pola und Jenny haben zwei völlig unterschiedliche Lebensentwürfe. Was trennt sie?

Man beobachtet häufig Eltern, die super gechillt daherkommen, mit 50 immer noch einen Hoodie tragen und auf dem Skateboard surfen. Diese Eltern sind für Kinder natürlich die Pest, weil sie sich nicht abgrenzen können, und sie tun es dann, indem sie eben spießiger als die Eltern werden. Die Erwartung, man muss doch ausgeflippt und crazy sein, ist für Kinder genauso anstrengend wie die umgekehrte Erwartung von Anpassung und Karriere. Das ist auch der Konflikt zwischen Pola und Jenny, die versucht, alles extrem zu kontrollieren und in den Griff zu bekommen, während Pola alles laufen lässt und sich ganz konsequent überhaupt nicht im Griff hat.

Beide leiden unter Einsamkeit und Versagensängsten. Verbindet sie das nicht auch?

Das große Geheimnis von Pola, die verrückt und lässig sein will, ist ihre furchtbare Angst vor dem Auftritt, ihre Angst, wieder zu versagen. Das kann sie aber überhaupt nicht kommunizieren. Mutter und Tochter sind mit ihren jeweiligen Ängsten total alleine. Aber das wandelt sich, als Pola merkt, wie schlecht es ihrer Tochter geht. Das ist der Moment, in dem ihre Instinkte erwachen und sie Jenny helfen will. Da verhält sie sich zwar unbeholfen und indiskret, aber sie will sichergehen, dass ihre Liebe von Jenny auch gesehen wird.

Pola ist nicht nur eine sehr emanzipierte Frau, sondern war lange auch eine erfolgreiche Musikerin. Ist es für Töchter von erfolgreichen Frauen schwieriger, den eigenen Weg zu finden und den Erwartungen gerecht zu werden?

Bestimmt kann der Erfolg von Müttern für Töchter belastend sein, aber gleichzeitig ist es auch eine Chance, ein Vorbild zu haben, das einen ermutigt. Ich glaube, es spornt auch an, wenn man sieht, dass Eltern ehrgeizig oder erfolgreich sind, weil es zeigt, was man alles schaffen kann. Ein Problem entsteht wahrscheinlich, wenn der Erfolg so groß ist, dass es das Kind erdrückt und es das Gefühl bekommt, so toll oder erfolgreich kann ich nie werden. Es gibt eben beides. Erfolg kann inspirierend, aber auch erdrückend sein.

Für Pola als Künstlerin ist es aufreibend, Kind und Beruf zu vereinbaren. Wie egozentrisch dürfen oder müssen Künstler sein?

Gerade bei Bühnenkünstlern findet man oft so ein exzessives Leben im Sinne von Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Wir alle haben von klein auf dieses Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Es ist lebensnotwendig, dass wir gesehen werden, und wenn wir auf die Bühne gehen, wird uns diese Aufmerksamkeit hundert- oder tausendfach gegeben. Das wirkt wie eine Droge. Wenn die Vorstellung zu Ende ist und man von der Bühne kommt, prallt man auf die schnöde Realität. Pola betäubt das auch mit Alkohol. Wie vielen anderen Bühnenkünstlern fällt es ihr schwer, die Bodenhaftung zu halten. Man neigt dann dazu, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen und selbst das eigene Kind dabei auszublenden.

Als sich Jenny und Polas Manager und Ex-Freund Butzke näherkommen, wirft Pola ihm an den Kopf, er habe ein Problem mit dem Älterwerden. Hat Pola das nicht auch?

Natürlich hat Pola auch Schwierigkeiten mit dem Älterwerden. Körperlicher Verfall und das Thema Alter passen überhaupt nicht zu der ausgeflippten Künstlerin, die mit jedem knutscht. In einer Szene steht sie ja auch vor dem Spiegel und versucht, sich das Gesicht ein bisschen straff zu ziehen. Gleichzeitig sieht sie, was für ein erbärmliches Bild dieser ältere Mann abgibt, der plötzlich ihre Tochter umgarnt. Deshalb versucht sie, ihm die Lächerlichkeit des Bildes zu beschreiben und um die Ohren zu hauen.

Aber auch Pola scheint keine Scheu zu haben, sich an die Freunde ihrer Tochter heranzumachen ...

Bei Pola gibt es dieses ewige Testen, würde ich den noch rumkriegen, wäre der scharf auf mich? Das ist die Befriedigung, die sie braucht und auch bei Kasimir sucht. Sie findet ihn am Anfang ziemlich schräg, aber das ändert sich, als sie ihm näherkommt. Trotzdem ist sie intelligent genug, um ihren eigenen Umgang mit ihm zu finden.

Der Film erzählt auch von einem klassischen Frauendilemma. Pola als Musikerin muss sich fragen lassen, ob sie sich um ihre Tochter ausreichend gekümmert hat, ein Musiker würde das sicher kaum gefragt werden. Die von Ihnen und Ihrer Tochter gegründete MaLisa Stiftung hat gerade eine Studie zur Geschlechterdarstellung auf Instagram und Youtube veröffentlicht. Sind bei den Youtubern veraltete Rollenmuster passé?

Leider nicht. Auf der einen Seite erleben wir eine starke Strömung zu mehr Emanzipation und klaren Abgrenzungen und Regeln durch die #MeToo-Debatte. Gleichzeitig gibt es in der Jugendkultur bedenkliche Rollenzuschreibungen. Männer können in den sozialen Medien alles sein – frech und lustig, dick und politisch – und Frauen sind mit Themen erfolgreich, die sie schon in den 50er-Jahren beschäftigt haben. Es geht um Dating, Basteln, Kochen und vor allem um die Schönheit. Das ist schade, denn wir bemühen uns um Diversität, und wenn man dann sieht, was erfolgreich ist, dann ist der Korridor für Frauen immer noch sehr schmal. Deshalb finde ich es auch spannend, dass Pola eine so eigenständige und auch unbequeme Frau ist.

Welche Stimmung vermittelt der Film?

Der Film lebt von diesem lässigen, etwas sommergeilen, trägen Gefühl, das diese flirrende Insel ausstrahlt. Vor diesem Hintergrund ist es besonders toll zu sehen, wie sich die Dramen auf der Finca entfalten und die verschiedenen Charaktere aufeinanderprallen.

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