Interview mit Tijan Marei

Tijan Marei als Jenny
Tijan Marei als Jenny | Bild: NDR / Erika Hauri

Tijan Marei ist in Berlin aufgewachsen und steht seit 2007 vor der Kamera („Das Echo der Schuld“). Ihre erste Hauptrolle spielte sie 2011 im Alter von 15 Jahren. 2014 war sie in Baran Bo Odars Kinofilm „Who am I“ zu sehen, 2015 folgte „Der Affenkönig“ (Regie: Oliver Rihs), 2016/2017 „Die Hütte“ (Regie: Philipp Hirsch). 2017 spielte Tijan Marei unter der Regie von David Dietl die Hauptrolle in „Ellas Baby“, wofür sie für den Hessischen Filmpreis als „beste Schauspielerin“ sowie für den Bunte New Faces Award nominiert wurde. 2019 übernahm sie an der Seite von Judi Dench und Carla Juri eine Hauptrolle im englischen Kinofilm „Six minutes to midnight“ (Regie: Andy Goddard) und stand unter Regie von Julie Delpy in „My Zoe“ vor der Kamera. 2019 wird sie u. a. in der Märchenverfilmung „Schneewittchen“ in der Titelrolle (Regie: Ngo The Chau) zu sehen sein.

Gespräch mit Tijan Marei

Tijan Marei ist Jenny
Tijan Marei ist Jenny | Bild: NDR / Erika Hauri

»Im Grunde ihres Herzens ist Jenny auch ein kleiner Rockstar. Aber sie lässt das nicht zu«

Haben Sie sich mit der ehrgeizigen, sehr angepassten Figur der Jenny identifizieren können?

Ich finde, sie ist gar nicht so angepasst. Sie versucht, wie viele in unserer Generation, es den Eltern recht zu machen und sich geliebt zu fühlen. Ihre große Angst ist, so zu werden wie ihre Mutter, die nie für sie da war. Sie will studieren und leidet total unter dem Leistungsdruck, den ihr Vater aufbaut, weil er von ihr ein gutes Studium erwartet.

Jenny sagt den Satz: „Meine coole Mama, sie denkt immer noch, das Leben besteht darin, eine tolle Show abzuziehen.“ Warum findet sie das nicht toll, so eine coole Mutter zu haben?

Wenn du eine Mutter hast, die total ichbezogen ist, dann fühlst du dich als Kind natürlich vernachlässigt. Denn man wünscht sich, dass sich die Eltern für einen interessieren und um einen kümmern. So fühlt man sich am wohlsten. Jenny träumt von einem geregelten Leben und von Stabilität. Das hat sie nie bekommen, denn sie ist oft allein gelassen worden.

Ist die Beziehung zwischen Mutter und Tochter nicht immer schwierig, weil es um Liebe und Abgrenzung geht?

Das kann ich mir gut vorstellen, aber ich hatte tatsächlich immer ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Mutter. Deshalb musste ich mich auf mein schauspielerisches Können und nicht auf meine eigenen Erfahrungen verlassen. Die Figur der Pola verbinde ich eher mit meinem Vater. Das ist ja das Ungerechte, dass man Vätern eher verzeiht, wenn sie wenig zu Hause sind und bei ihnen gar nicht fragt, wie das für die Kinder war. Dabei sollten beide für ihre Kinder da sein.

Gibt es denn Gemeinsamkeiten zwischen Jenny und Pola?

Beide lieben die Unabhängigkeit. Jenny macht sich auch immer rar, wenn sie das Gefühl hat, dass Menschen ihr zu nahe kommen oder etwas in ihr sehen, was sie nicht ist. Im Grunde ihres Herzens ist sie auch ein kleiner Rockstar. Aber sie lässt das nicht zu. Es fällt ihr schwer zu sehen, dass sie keine Erwartungen erfüllen, sondern selbst herausfinden muss, wie sie glücklich wird. Und Gespräch mit Tijan Marei auch Pola muss verstehen, dass ihre Tochter einen eigenen Weg geht. Eigentlich will ein Kind von seinen Eltern doch nur hören: „Egal, was du machst, es ist okay, ich möchte für dich da sein und ich liebe dich.“

Kann sich Jenny auf ihren Kommilitonen Kasimir auch deshalb nicht einlassen, weil sie ein gestörtes Verhältnis zu Beziehungen hat?

Wenn man tiefenpsychologisch an die Figur rangeht, stimmt das sicher. Kinder, die zu wenig Liebe und Aufmerksamkeit von ihren Eltern erhalten, finden es total verstörend, wenn sie diese Zuwendung dann in einer Liebesbeziehung bekommen. Für Jenny passt ein unverbindlicher, älterer Rockstar-Manager viel besser als ein Kasimir, der alles richtig macht. Und sie möchte ihrer Mutter eins auswischen und gleichzeitig beweisen, dass sie cool ist, weil ihre eigene Mutter sie als spießig und als Spaßbremse bezeichnet.

Welche Rolle spielt der Drehort für den Film?

Durch den ländlichen Drehort auf Mallorca bekommt der Film so ein Sommernachtstraum-artiges Szenario. Diese Figuren, die alle auf ihre Art etwas verloren sind und gleichsam nach Zuneigung und Liebe suchen, sind auf dieser verträumten Finca ganz anders aufgehoben als in der Stadt. Es ist ja auch leichter, wenn man mit Liebeskummer durch die Natur und nicht durch Neukölln läuft.

Kennen Sie selbst solche Panikattacken, die Jenny durchmacht?

Das verrückte ist, dass ich in „Nachts baden“ zum ersten Mal wirklich gegen eine Panikattacke ankämpfen musste. Wir sollten eine Schwimmszene drehen und ich hatte schon immer totale Angst vor tiefem Wasser. Als wir dann mit dem Boot ins offene Meer gefahren sind, dachte ich immer nur, du darfst auf keinen Fall Panik bekommen, du darfst dich auf gar keinen Fall an Maria Furtwängler panisch festklammern. Das war eine schreckliche Situation, aber nach ein paar Minuten ging es dann. Dieser Film hat mir auch privat geholfen, meine größte Angst zu überwinden – die Angst vor tiefem Wasser.

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