Interview mit Regisseur Gerd Schneider

Arbeitsfoto: Regisseur Gerd Schneider mit Hauptdarstellerin Tinka Fürst.
Regisseur Gerd Schneider mit Hauptdarstellerin Tinka Fürst. | Bild: SWR / Un attimo Photographie

In Freiheit und Gelassenheit

Interview mit Regisseur Gerd Schneider

Herr Schneider, haben Entscheidungen, die nicht wieder rückgängig zu machen sind, in Ihrem Leben schon mal eine Rolle gespielt? Wie sind Sie damit fertiggeworden?

Ja, durchaus. Vielleicht nicht von solcher Tragweite wie in "Now or Never", aber in der Konsequenz lebensverändernd. Ein solcher »point of no return« widerfährt fast jedem Menschen im Leben einmal, mal mehr und mal weniger tragisch. Das sind die Momente, in denen wir am meisten über uns selbst lernen und wachsen. Glasklare, harte Momente – klar deshalb, weil eine Entscheidung gefällt werden muss, es bleibt keine andere Option. Selbst keine zu fällen, ist eine Entscheidung, die Konsequenzen hat. Das verändert uns, nicht immer positiv. Henry etwa erstarrt für Jahre in Kummer und Selbstvorwürfen, weil er den Schmerz nicht erträgt. Das Gute ist, dass solche Entscheidungen immer auch etwas Befreiendes in sich tragen, das noch nach Jahren Kraft entfalten kann, eine Chance auf Veränderung. Man kann eine Entscheidung vielleicht nicht rückgängig machen, das bedeutet aber nicht, dass es keine Umkehr gibt. Für mich ist Veränderung manchmal anstrengend und schmerzhaft, aber Veränderung ist gut. Sie kann verblüffend einleuchtend sein, man hätte sich eine lange Zeit des Kummers ersparen können. Das sind gute Erfahrungen.

In "Now or never" geht es nicht zuletzt um die definitivste aller Entscheidungen und das Zögern. Wie nahe beieinander liegen hier Tragik und Komik, war es Ihnen von Anfang an klar, dass diese Geschichte als Tragikomödie erzählt werden will? Und worauf kam es Ihnen bei der Inszenierung vor allem an?

Das Drehbuch von Belo Schwarz war von Anfang an als Tragikomödie geschrieben, und genau das hat mich an dem Stoff gereizt. Sterbehilfe ist auf den ersten Blick kein Thema, bei dem man lachen kann; ich finde aber, dass gerade Momente großer Dramatik und Tragik fast immer Momente voller Humor in sich bergen. Ich glaube, dass wir solche komischen Momente brauchen, um überhaupt mit der Situation fertig zu werden. Sie befreien und schärfen gleichzeitig den Blick für die Größe des Moments. So, wie einem in dramatischen Augenblicken ein kleines Detail auffällt, das einem für immer im Gedächtnis bleiben wird. Der Reiz des Drehbuchs lag für mich darin, dass alle Figuren ganz unterschiedliche Haltungen haben, aber dazu gezwungen sind, mit ein und derselben Entscheidung fertig zu werden. Das stellt ihre Überzeugungen auf die Probe und verändert sie. Dadurch entsteht eine ganz eigene Komik. Diesen rumpeligen Lernvorgang herauszuarbeiten, darauf kam es uns besonders an.

Welches Bild fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an den Film denken? Womöglich ein Landschaftsbild? Welchen Einfluss hatte die Berglandschaft auf die Figuren und den Look des Films?

Tatsächlich denke ich oft an den stillen Stausee, auf dessen Dammstraße Henry mit quietschenden Reifen anhält, weil ihm Rebecca mit ihren Fragen zu Antje zu nahe kommt. Dieser See lag tiefblau vor schneebedeckten Gipfeln vor uns, kalt und überirdisch schön, ganz entrückt. Man fühlt sich dort dem Himmel auf eigentümliche Weise sehr nah. Überhaupt ist die Landschaft ein ganz wichtiger Teil des Films geworden. Wir kommen aus dem Städtischen, dem Modernen, und fahren mit den Figuren immer tiefer hinein ins Ursprüngliche, Wesentliche. Die Berglandschaft spiegelt die konzentrierte Essenz unserer Existenz wider: Werden und Vergehen, ein immer wiederkehrender Kreislauf. Einfach atmen und sich als Teil von allem zu spüren. Und am Ende einfach gehen zu können. Rüdiger Heinze, der Produzent, meinte beim Dreh verblüfft, dass die Landschaft im Grunde ein Hauptdarsteller ist. Er hat Recht.

Und welchen Elvis auf die Tonspur?

Elvis taucht ja tatsächlich immer wieder im Film auf, nicht nur in den Songs, sondern auch als Figur. Weil er eine Form von Unsterblichkeit darstellt, die wir alle so gern wahrhaben wollen: »Elvis lebt!« Der Mann ist schon lange tot, aber die Schönheit seiner Musik, wie überhaupt die Schönheit an sich vergeht nicht. Das ist doch wunderbar! Sein Auftauchen im Film in den unmöglichsten Augenblicken lässt das durchschimmern. Das Komische und das herrlich Absurde ist Teil dieser Reise ans Ende, das zu einem neuen Anfang nicht nur für Henry wird.

Provozierender Galgenhumor stößt auf sarkastischen Melancholiker: Mit Tinka Fürst und Michael Pink haben Sie zwei eher unbekannte Schauspieler besetzt. Was haben die beiden ihren Figuren mitgegeben?

Tinka und Michael sind voller Energie und mit so viel Herzblut in dieses Projekt gegangen, dass sich ihre Figuren Henry und Rebecca bei Drehbeginn wie alte Freunde angefühlt haben. Wir haben uns ständig ausgetauscht, zwangsläufig auch mit all den großen, existenziellen Fragen: Wer sind wir, wohin gehen wir? Wir haben mit dem ganzen Team wochenlang in den Bergen gesessen, da hat man viel Zeit, sich genau damit auseinanderzusetzen. So konnten wir jeden Tag beim Dreh in die Szenen gehen und wussten genau, wie wir es machen mussten. Das war ein ganz außergewöhnlicher Flow, der das ganze Team erfasst hat. Henry und Rebecca sind für mich untrennbar mit Michael und Tinka verbunden.

"Now or never" ist als Tragikomödie kein Film, der eine These zur Sterbehilfe vor sich herträgt. Hat Ihre eigene Haltung zu dem Thema bei der Entstehung des Films überhaupt eine Rolle gespielt? Und ist ein Film über das Sterben immer auch einer über das richtige, erfüllte runde Leben?

Sterben an sich ist eine Frage über ein erfülltes Leben. Habe ich gut gelebt? Kann ich in Frieden gehen? Gelassenheit ist ein gutes Wort in diesem Zusammenhang, nicht nur fürs Sterben, sondern auch fürs Leben. Wenn wir die Dinge zulassen können, fällt viel von der erdrückenden Last einer Entscheidung weg. Das macht solche Lebensentscheidungen nicht weniger groß, aber es nimmt der Dramatik die Schärfe und gibt uns selbst die Kraft, da hindurchzukommen. Das Leben ist kostbar, und wir mögen darin in Situationen kommen, die unsere tiefsten Überzeugungen auf die Probe stellen. Sterben zu wollen ist so ein Prozess, der an unseren Grundfesten rüttelt. Das ist keine leichtfertige Entscheidung, sondern ein Weg, auf dem es viel zu lernen gibt und der zum Menschsein gehört. Schuld oder Sünde sind belastende Größen, die das Sterben sehr schwer machen können. Denn durch diese Tür am Ende des Weges müssen wir alle hindurch, da ist es gut, loslassen zu können. Es ist das letzte Abenteuer unseres Lebens. Es wäre doch schön, dieses Abenteuer in Freiheit und Gelassenheit erleben zu können.

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