Fragen an Oliver Masucci

Frank Reitwein (Oliver Masucci).
Frank Reitwein. | Bild: ARD Degeto/BR / Alexander Fischerkoesen

Fragen an Oliver Masucci

Die Tochter entgleitet Frank zusehends, und er, eigentlich gewohnt, für alles eine passende Lösung zu finden, steht hilflos daneben. Können Sie Ihre Rolle beschreiben?

Wer genau hinschaut, sieht, dass Frank in fast jeder Szene sein Smartphone in der Hand hält. Das macht ihn nicht zu einem schlechten Vater, er liebt seine Tochter, aber zu Beginn bagatellisiert er das bereits offensichtliche Suchtverhalten Jennifers. Frank ist technik-affin, sportlich, kompetitiv – und sieht all das auch in seiner Tochter. Man möchte ja kein analoger Spießer sein und Kindern den Umgang mit digitaler Technik verbieten. Deshalb erkennt er die Dramatik viel zu spät, als seine Tochter von der virtuellen Welt schon völlig absorbiert ist.

Sie sind kein Digital Native, können Sie sich trotzdem in Jennifer hinein-versetzen?

Stimmt! Ich hab‘ in den 80-ern noch mühselig den Basic-Code für ein Computerspiel aus einer Zeitschrift in meinen C64 getippt. Als ich nach Tagen endlich fertig war, funktionierte es nicht! Irgendwas war falsch abgedruckt, die Korrektur stand erst im nächsten Heft. Aus Wut hab‘ ich den C64 sofort entsorgt, mich quasi auf kalten Entzug gesetzt. Das war das Ende meiner Programmierer-Karriere. An meinen und anderen Kindern – und an mir selber – erlebe ich nun aber täglich die Anziehungskraft von Handys, Tablets, Games-Konsolen und so weiter... Insofern war es nicht schwer, Jennifers Sucht zu begreifen.

Glauben Sie, dass man früher in die Sucht der Tochter hätte eingreifen müssen? Ist es überhaupt eine Krankheit? Oder wird es zunehmend zur Normalität, dass sich virtuelle und tatsächliche Realität vermischen?

Natürlich ist das eine Krankheit! Es ist obsessives Verhalten, eine psychische und physische Abhängigkeit. Schon der Spiel-Sound, dieses belohnende Klimpern beim nächsten Level, triggert etwas in uns, davon wollen wir mehr. Und mehr. Und mehr. Das ist gefährlich – als hätte man beim Essen kein Sättigungsgefühl mehr. Jennifers Eltern hätten früher eingreifen müssen, aber das sagt sich so leicht. Eltern kennen sich meist viel zu wenig in der digitalen Realität der Kinder aus. Frank und seine Frau hätten selber mit Jennifer online spielen müssen – auch schon viel früher als der Film einsetzt, um überhaupt beurteilen zu können, was da passiert. Das nervt Kinder zwar, aber dann sind sie in der virtuellen Welt wenigstens nicht allein.

Wie gehen Sie persönlich damit um?

Naja, es ist für Erwachsene schon verführerisch, die Kinder in die Obhut von Smartphones zu geben. Dann hat man seine Ruhe! Ich versuche vor allem beim Essen mit meinen Kindern oder auf Reisen die Handys zu verbannen. Das klappt nicht immer. Aber je öfter es uns allen gelingt, umso mehr bekommen wir voneinander mit und umso näher sind wir uns. Außerdem strenge ich mich an, der digitalen Welt eine attraktive, erlebbare Welt entgegenzusetzen. Ich hab‘ im Elektronik-Handel mal gefragt, was meine Kinder denn mit einer Spielekonsole so fürs Leben lernen können. Der Verkäufer zeigte mir dann: Golf spielen, Auto fahren, Tennis trainieren – alles mit digital-kompatiblem Equipment in der Hand. Da hab‘ ich mir gedacht: Dann geh‘ ich lieber richtig mit ihnen Tennis spielen, anstatt sie virtuell zu entsorgen. Das bedarf eines Engagements, das mir selber als Kind nicht immer zuteil wurde, da meine Eltern sehr viel gearbeitet haben. Doch da gab es die digitale Welt noch nicht, in der ich mich hätte verlieren können. Also hab‘ ich draußen im Wald Unsinn gemacht oder bin mit einem selbstgebastelten Hoverboard Wiesen und Abhänge runtergerast. Das endete dummerweise auch einmal im Stacheldraht, die Narbe trage ich immer noch stolz am Hals.

Warum war es Ihnen wichtig, eine Rolle in "Play" zu übernehmen?

Ich hatte Lust, mit Philip Koch zu arbeiten. Er ist ein innovativer Regisseur und Autor, er macht sein Ding. Und er kennt die Welt, über die er schreibt, und hat die Kraft, seine künstlerische Phantasie auch durchzusetzen. Wichtig war uns, Jennifers VR-Game hochwertig und damit glaubwürdig aussehen zu lassen, also nicht wie billiges Fernsehen. Darüber hinaus hat das Thema große gesellschaftliche Relevanz, und es würde mich freuen, wenn der Film eine breite öffentliche Diskussion auslöst. Es ist kein Film nach dem Motto: Prädikat pädagogisch wertvoll, aber in Wahrheit nicht zu gebrauchen. Sondern "Play" gelingt es, die digitale Welt nicht einseitig als etwas Böses darzustellen. Das ist entscheidend – denn die Digitalisierung ist nun mal Realität und wir müssen mit ihr klarkommen. Aber eben nicht nebeneinander: Eltern analog, Kinder digital. Wir müssen uns gemeinsam weiterentwickeln und Antworten auf Fragen finden, die es so vor zehn Jahren noch nicht gab.

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.