Interview mit Prof. Dr. med. Franz Joseph Freisleder

VR-Game-Character "Sindruin".
Jennifers VR-Game-Character "Sindruin". | Bild: ARD Degeto

Interview mit Prof. Dr. med. Franz Joseph Freisleder

Ärztlicher Direktor des kbo-Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, München

Haben die Macher von "Play" es aus Ihrer Sicht geschafft, das Thema Computerspielesucht und insbesondere Online-Spielesucht realistisch zu erzählen?

Ich war sehr beeindruckt, wie eindringlich und mit welcher Wucht der Film "Play" das Abgleiten der 17-jährigen Jennifer in die Computerspielsucht zeigt. Manches ist künstlerisch vielleicht etwas zugespitzt, aber schon relativ nah dran an dem, was wir auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erleben. Besonders faszinierend finde ich dabei, dass man als Betrachter des Films immer wieder selbst in Jennifers Rolle schlüpfen und damit in ihre Spielewelt eintauchen kann – für viele bestimmt eine ganz neue, spannende Erfahrung.

Wie verbreitet ist die Computerspielsucht? Wie viele Gaming-Süchtige gibt es in Deutschland? Wie viele Kinder und Jugendliche sind betroffen?

Mehr als eine halbe Million Menschen im Alter von 14 bis 64 Jahren in Deutschland galten vor einigen Jahren in einer Studie als internetabhängig, das entspricht einer Prävalenz von ca. ein Prozent. Mindestens doppelt so viele werden als gefährdet eingeschätzt. In der Gruppe der 14- bis 16-Jährigen geht man bei etwa vier Prozent vom Vollbild einer Internetabhängigkeit aus – Tendenz steigend. Männliche Heranwachsende sind mit einer Online-Computerspielabhängigkeit im Vordergrund am häufigsten betroffen. Bei Mädchen und jungen Frauen spielt ebenso die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken zunehmend eine Rolle.

Was ist eine Computerspielsucht? Woran erkennen Angehörige, ob jemand süchtig ist?

Die Zeit, die ein Jugendlicher täglich im Internet oder mit dem Computer verbringt, erlaubt noch keine zuverlässige Diagnose. Es ist allerdings ein Warnsignal, wenn sie immer länger wird. Vielmehr kommt es darauf an, rechtzeitig bestimmte Suchtkriterien zu erkennen – ähnlich wie bei den stofflich gebundenen Süchten, also Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Wenn ein Jugendlicher sich immer mehr mit Online-Spielen beschäftigt, auf Schlaf verzichtet, andere Interessen wie Schule und Freundeskreis, möglicherweise auch die Körperpflege vernachlässigt und auf Besorgnis und Kritik von seinen Familienmitgliedern gereizt und mit weiterem Rückzug reagiert – spätestens dann besteht therapeutischer Handlungsbedarf.

Was raten Sie besorgten Eltern, deren Kinder regelmäßig "gamen"?

Eltern sollten grundsätzlich versuchen, mit ihren Kindern in gutem Gesprächskontakt zu bleiben und hellhörig für deren Probleme zu sein. Das ist natürlich oft aus verschiedenen Gründen nicht immer ganz einfach. Wenn Kinder gewohnheitsmäßig "gamen", sollten zeitliche Grenzen festgelegt und zur Ablenkung möglichst auch andere Freizeitaktivitäten unterstützt werden. Informationen über die Befindlichkeit des Kindes von wichtigen Bezugspersonen wie Freunden oder Lehrern können wichtig sein. Ich hatte im Film übrigens nicht den Eindruck, dass Jennifers Eltern, die ähnliche familiäre Probleme hatten wie eben viele andere Eltern auch, sich keine Mühe mit ihrer Tochter gaben. Ab einem bestimmten Ausprägungsgrad einer Störung muss aber unbedingt professionelle Hilfe hinzugezogen werden. Bei anfänglicher Weigerung des betroffenen Kindes kommt alternativ erst eine Beratung der Eltern allein in Frage.

Gibt es typische Risikogruppen oder kann jeder online-spielsüchtig werden?

Im Prinzip kann jeder online-spielsüchtig werden, das kann man ihm vorher nicht ansehen. Es gibt aber bestimmte Risikofaktoren. Bedenklich ist, wenn Kinder nicht kritisch und verantwortungsvoll an diese Mediennutzung herangeführt werden, wenn sie vielleicht schon als Kleinkinder zu ihrer Beruhigung und zur Entlastung ihrer Eltern mit Computerspielen "überversorgt" werden. Selbstunsicherheit, Ängstlichkeit und Schüchternheit, ein Mangel an Selbstwertgefühl können einen Jugendlichen zum Außenseiter prädestinieren, ihn manchmal zum Mobbingopfer werden lassen und so eine Online-Spielsucht mit anstoßen. Erst in ihrer Online-Welt kann sich Jennifer dann als vermeintlich "selbstwirksam" erleben, was ihren sozialen Rückzug und ihre süchtige Fehlentwicklung weiter verstärkt.

Welche Folgen hat eine Online-Spielesucht in der Regel? Was sind die häufigsten Begleiterkrankungen und wie weit können sie reichen?

Ähnlich wie bei anderen Abhängigkeitserkrankungen treten bei Internet- und Onlinespielsucht oft weitere psychische Erkrankungen parallel auf. Das gilt für Erwachsene, aber auch für Kinder und Jugendliche. Häufig sind Depressionen und Angsterkrankungen, z. B. eine soziale Phobie, also eine ängstliche Vermeidung von Kontakten zu anderen. Gerade bei Jugendlichen treffen wir auch häufiger auf ADHS. Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass jüngere Betroffene gehäuft auch einen Cannabis- und Alkoholmissbrauch betreiben. Nicht ganz selten kommt es auch zu sogenannten Suchtverschiebungen. Auf lange Sicht kann eine chronifizierte, unbehandelte Online-Spielsucht die Entwicklungschancen eines Jugendlichen ganz erheblich beeinträchtigen.

Wie läuft die Behandlung von Spielsüchtigen ab? Wie kommt ein Kind oder ein Jugendlicher aus der Onlinespielesucht wieder heraus?

Oft gelingt mit einer ambulanten Beratung und Behandlung, in die immer auch die erwachsenen Bezugspersonen einbezogen werden müssen, ein Einstieg in den Ausstieg aus der Online-Sucht. In schwerwiegenden, bereits chronifizierten Fällen, vor allem wenn bedeutende psychische Begleiterkrankungen vorliegen, kann auch eine stationäre Behandlung erforderlich sein, bei der unterschiedliche psychotherapeutische Maßnahmen im Vordergrund stehen.

Was bedeutet die von vielen kritischen Stimmen begleitete Anerkennung als eigenständige Krankheit für Betroffene und Ärzte?

Manche Kritiker stören sich – sicherlich manchmal zu Recht – daran, wenn immer mehr psychische Erkrankungen definiert werden. Gerade mit Blick auf die zunehmende Gefährdung von Kindern und Jugendlichen durch exzessiven Internet- und Onlinespiele-Konsum begrüße ich aber die diagnostische Hervorhebung der "Gaming-Disorder". Sie rechtfertigt zum einen klar einen Therapieanspruch der Betroffenen. Und außerdem führt diese Fokussierung hoffentlich auch dazu, dass wir uns mit diesem problematischen Phänomen wissenschaftlich noch intensiver als bisher beschäftigen und bessere Behandlungsmethoden entwickeln.

Kann ein Film wie "Play" auch für Betroffene wichtig sein?

Unseren jungen Patienten, die gerade in stationärer Behandlung sind, würde ich "Play" wohl nicht unbedingt zeigen, eher einmal dann, wenn sie sich wieder psychisch stabilisiert haben zur Rückfallprophylaxe. Bei älteren, eventuell auch suchtgefährdeten Jugendlichen könnte der aus meiner Sicht ausgezeichnete Film, der bestimmt auch Fachleuten unter die Haut geht, jedoch aufklärerisch und präventiv wirken.

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