Im Gespräch mit Drehbuchautorin Laila Stieler und Regisseur Richard Huber

„Tina mobil“ erzählt von den täglichen Problemen und Sorgen einer dreifachen Mutter in Pankow. Der Kampf ums Überleben, das mangelnde Geld - aber Tinas Maxime ist: Man kann alles schaffen, was man will. Und wenn man es nicht schafft, hat man es eben nicht genug gewollt. - Tina (Gabriela Maria Schmeide) und Caro (Runa Greiner) wissen, wie man Bäcker Kowalski (Max Hopp) von ihrem Geschäftsmodell überzeugt.
Tina und Caro wissen, wie man Bäcker Kowalski von ihrem Geschäftsmodell überzeugt | Bild: rbb/ARD/X Filme Creative Pool GmbH / Stefan Erhard

Wie ist die Idee zu "Tina Mobil" entstanden? Wie haben Sie recherchiert?

Laila Stieler: Bei mir im Dorf gibt es keine Einkaufsmöglichkeit, dafür kommt dreimal die Woche ein Bäckerwagen, immer um 6.15 Uhr, also Frühaufsteherzeit. Manchmal kaufe ich da meine Brötchen und einmal hab ich die immer fröhliche Verkäuferin gefragt: 'Mensch, wenn du hier um 6.15 Uhr bist und schon ein paar Dörfer hinter dir hast, wann stehst du denn da auf? Um 3 Uhr?!' Da hat sie nur gelacht und abgewinkt: 'Nee, ach! Halb 4 erst!' Von da an hab ich sie beobachtet. Ich bin auch ein paar Mal mit ihr im Bäckermobil mitgefahren. Das war die eine Seite der Recherche. Ich war aber auch bei der "Tafel", im Jobcenter und in einer Schwangeren-Konfliktberatung, ich hab meine Frauenärztin interviewt und den Leiter eines Kinderhauses. Ich will immer alles genau wissen und lerne auf diese Weise natürlich auch immer tolle Leute kennen.

Welche Themen lagen Ihnen bei der Entwicklung der Serie am Herzen?

Laila Stieler: Mein Schwager hat mir mal ein Buch empfohlen, in dem ging es um überforderte Familien, also Familien, in denen die Menschen zwei oder mehrere Jobs haben und es reicht trotzdem kaum zum Leben. Da muss das Auto funktionieren, die Waschmaschine und du selber natürlich auch. Da darf nicht der Keilriemen reißen und du darfst auch keine Grippe kriegen. Weil dann das ganze Konstrukt zusammenbricht und die Familie in die Armutsfalle abrutscht und nicht mehr rauskommt. Das hat mich elektrisiert. Was ist das für ein Leben? Hab ich mich gefragt. Immer unter Anspannung, unter Druck? Das war für mich der Ausgangspunkt und eines der Hauptthemen in der Geschichte. Ich habe dann ein paar Entwürfe gemacht, die mehr in Richtung Sozialdrama gingen, aber der Ton gefiel mir nicht. Erst später kam mir die Idee, dieses Sujet mit der fröhlichen Tina zu verbinden.

Was hat Sie am Drehbuch von Laila Stieler gereizt?

Richard Huber: Alles! Die Zuneigung zu ihren Figuren, die Unmittelbarkeit der Situationen, die erzählte Augenhöhe, das Fehlen jeglichen Urteils, das Beiläufige, die große Nähe von Drama und Komödie und ihr wunderbarer Stil, der auch Ihre Filme ausmacht. Und dann wird mit Tina eine Figur erzählt, die immer am Abgrund tanzt und nie stolpern darf.

Was war Ihnen beim Erzählen der unterschiedlichen Milieus wichtig?

Richard Huber: Die Nähe und Wahrhaftigkeit aus den Drehbüchern zu erhalten. Dass wir aus dem Milieu heraus erzählen und nicht auf ein Milieu schauen. Nichts aufhübschen oder dramatisieren, nicht von sichtbar außen eingreifen. Der Geschichte einfach nicht im Weg stehen, diese Beiläufigkeit habe ich die ganze Zeit gesucht. In England gibt es da eine erzählerische Tradition, die hat mir als Vorbild gedient.

Frau Stieler, Sie wurden in der DDR geboren, Hauptdarstellerin Gabriela Schmeide ebenfalls. Bis in die kleinsten Rollen ist die Serie mit ostdeutschen Stars besetzt. Wieviel ostdeutsche Identität steckt in Tina?

Laila Stieler: Ich war so glücklich, als ich die Besetzungsvorschläge unserer sensiblen Casterin Simone Bär gelesen habe: Carmen-Maja Antoni und Monika Lennartz, die Theaterheldinnen meiner Jugend! Und natürlich Gabi Schmeide. Das ist jetzt mittlerweile mein vierter Film mit ihr. Sie ist jemand, der mich immer inspiriert! Sie verkörpert für mich diesen selbstbestimmten Frauentyp, der stark und warmherzig ist, aber zugleich eine gewisse Schwere und Melancholie hat. Mit ihrer sorbischen Herkunft trägt sie ja auch ein Stück Osteuropa in sich. Das ist mir sehr nah. Nicht nur meiner eigenen Identität, sondern auch meiner filmischen Prägung. Ich bin wirklich stolz auf dieses tolle Ensemble und Richard Huber sehr dankbar, dass er sich darauf eingelassen hat.

Als ich mit meiner Familie die Serie vorab geguckt habe, rief mein 19-jähriger Sohn ein ums andere Mal: 'Die alten Leute sind ja der Hammer!' Er wusste nicht, dass das alles Stars sind, er sah nur, wie gut sie spielen und dass ihre Art und Weise, meine Texte zu sprechen so echt wirkt. Und vielleicht hat das auch etwas mit Identität zu tun. Zum Beispiel wenn Axel Werner als Herr Rakow einen Satz sagt wie 'Dit Leben is ne Sau!' – da kriegst du 'ne Gänsehaut und ein Gefühl für sein ganzes Leben.

Wie war die Zusammenarbeit mit Gabriela Schmeide?

Richard Huber: Großartig und ab dem ersten Castingtermin sehr vertrauensvoll! Und während der fast 60 Drehtage haben wir wirklich aufeinander aufgepasst. Gabriela hat die 'Tina' von Anfang an mit größter Natürlichkeit, Wärme und Direktheit angenommen. Sie hatte hat ja schon früher andere Rollen in Lailas Universen gespielt: 'Die Polizistin', 'Die Friseuse' und insofern hat sie eine große Sensibilität für Lailas Geschichten und ihre Sicht auf die Welt.

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