Nana Neul im Gespräch

Regie

Nana Neul
Regisseurin Nana Neul | Bild: ARD/Veronika Sepp

Wie ist "Unser Kind" zu Ihnen gekommen?

Ich kenne Kristl Philippi seit fast 20 Jahren, wir sind befreundet und wollten schon immer mal zusammenarbeiten. Auf das Thema ist Kristl gestoßen, sie ist mit einem homosexuellen Paar befreundet und hat alle Höhen und Tiefen der ungewöhnlichen Familiengründung miterlebt. Das war die Inspiration. Wir haben uns dann entschlossen, das Projekt von Anfang an gemeinsam zu entwickeln. Sehr früh war dann auch der WDR dabei. Es war klar, dass Kristl das Buch schreiben und ich Regie führen würde. Ich war aber bei allen Drehbuchbesprechungen mit Frank Tönsmann und Bettina Brokemper dabei und habe auch bei der Figurenentwicklung mitgearbeitet. Uns allen war sehr wichtig, dass wir echte Menschen zeigen, dass man jede Perspektive nachvollziehen und sich mit jeder Figur identifizieren kann. Nach den ersten Rückmeldungen habe ich das Gefühl, dass das wirklich funktioniert. Mit Bettina Brokemper haben wir aber auch die perfekte Produzentin für das Projekt gefunden. Sie hat mich in jeder Hinsicht unterstützt und mir die größtmögliche Freiheit gegeben, meine Ideen bestmöglich umzusetzen.

Haben Sie auch gemeinsam die Rollen besetzt?

Für uns stand von Anfang an fest, dass Susanne Wolff die Ellen spielen sollte. Zusammen mit ihr haben unsere Casterin Susanne Ritter und ich durch Kombinations- Castings dann die anderen Rollen besetzt.

Was sprach für Susanne Wolff?

Ich finde, sie ist eine sehr besondere Person mit einer guten Ausstrahlung – einfach eine Frau, die man toll findet. Und wir hatten das Gefühl, dass sie alles mitbringt, was für diese Figur wichtig ist: Weiblichkeit, Power und Tiefe.

Britta Hammelstein spielt Ellens Frau Katharina.

Britta ist eine großartige Schauspielerin und Katharina ja eine durchaus schwierige Figur. Wir haben viel darüber geredet, wie wir es hinbekommen, dass man es ihr nicht übel nimmt, dass sie die Adoption so verschleppt. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen sie nicht blöd finden, sondern merken, dass das eine Frau war, die im Hier und Jetzt gelebt hat und lieber ihre Liebe leben wollte, als sich um lästigen Behördenkram zu kümmern. Normalerweise geht man ja auch nicht davon aus, dass man plötzlich aus dem Leben gerissen wird. Es war auf jeden Fall ein interessanter Drahtseilakt, diese Figur zu erzählen. Ich finde, wir haben es gut hingekriegt. Britta und Susanne sind als Katharina und Ellen auch ein überzeugendes Liebespaar. Und was ich auch schön und aufregend fand: Britta hat die Songs ihrer Figur Katharina selbst gesungen.

Wie sind Sie auf Andreas Döhler gekommen?

Ich habe ihn mehrfach am Deutschen Theater Berlin auf der Bühne gesehen, mittlerweile ist er ja beim Berliner Ensemble. Mein Eindruck war immer: Das ist ein richtiger Kerl, aber gleichzeitig hat er etwas, das mich rührt. Er hat so etwas Unverstelltes, ist sehr direkt mit seinen Gefühlen. Und ich dachte, für die Rolle des Wolfgang brauchen wir unbedingt jemanden, dem man nicht übel nimmt, was er da macht. Einen, bei dem man mitgeht und bei dem man spürt, dass er keine bösen Hintergedanken hat, sondern wirklich der festen Überzeugung ist, er handele richtig. Gut, das denken in der Geschichte ja alle, aber bei ihm war es am schwierigsten, ihn nicht in die Rolle des Bösen abrutschen zu lassen.

Das Zusammenspiel der Schauspielerinnen und Schauspieler wirkt sehr natürlich, gar nicht inszeniert. Wie haben Sie das hinbekommen?

Ich versuche, den Schauspielerinnen und Schauspielern immer möglichst viel Freiraum zu geben; also einen geschützten Raum zu schaffen, in dem sie Vertrauen spüren, wo sie loslassen und sich voller Spielfreude ausprobieren können. Wir haben auch viel geredet über die Figuren, wie sie miteinander sind und wer was will. Der Konflikt des Films war jederzeit sehr real, da jeder seine Figur "schützen" wollte. Wir haben wirklich versucht, jede Motivation verständlich und nachvollziehbar zu machen. Ich denke, das merken die Zuschauerinnen und Zuschauer auch. Außerdem sind das alles sehr tolle Schauspieler.

Mit Victoria Trauttmansdorff und Ernst Stötzner hatten Sie ja bereits "Stiller Sommer" gedreht.

Ja, und ich arbeite immer wieder sehr gerne mit ihnen. Außerdem fand ich, dass die beiden einfach sehr toll zu Evelyn und Johannes passen. Ernst Stötzner hat so einen feinen Humor, so einen Schalk. Er spielt die Figur mit einem Augenzwinkern, und trotzdem verrät er sie nie. Diesen Balanceakt, diese Tragikomik mag ich sehr, genau wie seine Spielweise generell. Bei Victoria Trauttmansdorff ist das ganz ähnlich. Sie kann sehr tragisch sein, hat gleichzeitig aber auch Witz. Und sie hat eine große Tiefe. Mit Evelyn spielt sie eine recht schwierige Figur. Man kann sie leicht unsympathisch finden, weil man anfangs nicht weiß, warum sie sich Ellen gegenüber so distanziert verhält. Ich denke, wir haben gemeinsam einen guten Weg gefunden zu verhindern, dass sie zu negativ wirkt. Eine Mischung aus Traurigkeit und Witz. Ich mag einfach beide Figuren sehr, sehr gerne, sowohl Johannes als auch Evelyn, und ebenso sehr mag ich es, Ernst Stötzner und Victoria Trauttmansdorff beim Spielen zuzuschauen. Ich hatte gleich das Gefühl, sie sind ein richtig gutes Paar, da muss man gar nicht mehr so viel machen.

Gerade am Anfang des Films gibt es viele Zeitsprünge.

Es war von Anfang an so geplant, dass wir die Geschichte nicht chronologisch erzählen. Wir fanden es interessanter und spannender, die beiden Zeitebenen – also die Liebesgeschichte der beiden Frauen und die Entwicklung um das Kind herum – parallel zu montieren. Ich denke, das ist schon etwas Besonderes für einen Fernsehfilm. Wir haben da ein bisschen etwas gewagt, und ich freue mich sehr, dass uns das ermöglicht wurde.

In Ihren Filmen geht es immer wieder um das Thema Geschlechtsidentität. Warum eigentlich?

Ich weiß auch nicht. Es hat sich immer so ergeben, dass es stets auch um Geschlechtsidentität geht. Wobei – ich glaube, es geht letztlich immer um Identität, unabhängig vom Geschlecht und von der sexuellen Ausrichtung. Also um die Suche, wer man ist und wie man leben will, und darum, wie kompliziert das ist. Bei "Unser Kind" hatte die ganze Geschichte letztlich auch viel mit meinem eigenen Leben zu tun. Es geht im Grunde um Tod und um Geburt und um Liebe, also um die ganz großen Themen. Während der Entwicklung des Films habe ich meinen Sohn geboren, deswegen wusste ich, wie das ist, Mutter zu werden, und was man da für Ängste hat. Im selben Jahr ist aber auch meine Mutter gestorben, deswegen waren mir die Themen Tod und Verlust ebenfalls sehr nah. Und dann ist auch noch meine Großmutter gestorben. Die Beerdigung fand während der Dreharbeiten statt, genau an dem Tag, an dem wir auch die Szene auf dem Friedhof drehten. Das war schon grotesk und der ganze Dreh für mich eine sehr emotionale Angelegenheit. Sicher, emotional ist so ein Dreh immer. Aber dieses Mal konnte ich wirklich jedes Gefühl, das wir erzählt haben, sehr genau nachvollziehen und den Schauspielern aus eigener Erfahrung erklären, wie sich die Figuren möglicherweise gerade fühlen. Ellen, Evelyn, Johannes: Sie alle haben den wichtigsten Menschen in ihrem Leben verloren. Das überschattet die ganze Geschichte, das darf man nicht vergessen.

Was soll "Unser Kind" im besten Fall bei den Zuschauerinnen und Zuschauern bewirken?

Dass man darüber nachdenkt, was es bedeutet, wenn man sich als Mutter fühlt und einem das Kind weggenommen wird. Wie schrecklich das ist. In einer heterosexuellen Ehe würde das Kind immer dem überlebenden Partner zugesprochen. Dass das in einer homosexuellen Ehe anders ist, ist schlichtweg ungerecht, und ich finde schon, dass man dem Aufmerksamkeit schenken sollte.

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