FAQs: Fragen, Informationen und Hilfe

Rund um die Themen Eltern-Kind-Entfremdung, Kindeswohl und Unterhalt

Fragen, Fakten und Zahlen zu den Themen "Alleinerziehend", "Eltern-Kind-Entfremdung und PAS", "Sorge- und Umgangsrecht", "Kindeswohl", "Unterhalt" und "Residenz- vs. Wechselmodell" sowie "Hilfe und Beratung".

Alleinerziehend – Zahlen, Daten, Fakten

Wie viele Kinder wachsen bei einem alleinerziehenden Elternteil auf und wie viele Alleinerziehende gibt es in Deutschland?

In Deutschland wachsen mehr als 3,7 Millionen Kinder und junge Erwachsene bei einem alleinerziehenden Elternteil auf (inklusive Kinder über 18 Jahre). In gut 84 Prozent der Fälle ist dies die Mutter. Das entspricht rund 2,17 Millionen alleinerziehenden Müttern. Alleinerziehende Väter gibt es etwa 410.000, knapp 16 Prozent also.

Kinder unter 18 leben nach einer Trennung ihrer Eltern sogar noch seltener beim Vater. Der Anteil der Väter an den Alleinerziehenden mit Kindern unter 18 Jahre liegt seit 1997 relativ stabil zwischen 10 % und 13 %. Im Jahr 2017 betrug er 12 %. Das heißt, fast 9 von 10 Kindern wachsen nach einer Trennung bei ihrer Mutter auf.

Der Trend zur Einelternfamilie hat in Deutschland in den vergangenen Jahren zugenommen, die Zahl der Alleinerziehenden wächst pro Jahr um rund 300.000 Personen.

Gibt es Zahlen über Fälle von Eltern-Kind-Entfremdung?

Offizielle Zahlen darüber, wie viele Eltern unfreiwillig keinen Kontakt mehr zu ihrem Kind haben, gibt es nicht. Im Netz kursiert die Zahl, dass in 90 Prozent der Fälle die Mutter das Kind vom Vater entfremdet. Diese Zahl kann das Statistische Bundesamt nicht bestätigen, da der amtlichen Statistik keine Informationen zur Kontakthäufigkeit von Kindern aus Alleinerziehenden-Familien zum Elternteil außerhalb des Haushalts vorliegen.

Die vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebene Befragung "Getrennt gemeinsam erziehen" kommt zu dem Ergebnis, dass Väter in 18 Prozent der Trennungsfamilien ohne Kontakt zum Kind sind, Mütter in drei Prozent der Fälle. Die meisten der betroffenen und befragten Eltern geben an, dass der Kontaktabbruch auf Betreiben des anderen Elternteils erfolgt sei und sie sich Kontakt zum Kind wünschten (Befragung "Gemeinsam getrennt erziehen"; Institut für Demoskopie Allensbach – pdf zum Download).

Sind Kinder von Alleinerziehenden öfter von Armut betroffen?

Ja. Mehr als ein Drittel aller Einelternfamilien leben von Sozialtransfers. Haushalte von Alleinerziehenden weisen mit 44 Prozent das höchste Armutsrisiko aller Familienformen auf. Die Armut von Kindern Alleinerziehender ist in Deutschland am größten: Von den 1,92 Millionen Minderjährigen im Hartz-IV-Bezug leben 968.750, also etwa die Hälfte, in Haushalten von Alleinerziehenden. Im Alltag zeigt sich außerdem, dass Väter, deren Kinder überwiegend bei der Mutter leben, in vielen Fällen keinen Unterhalt zahlen bzw. keinen Unterhalt zahlen können. Laut Studien bekommt nur etwa die Hälfte der alleinerziehenden Mütter Unterhalt für die gemeinsamen Kinder. Wird Unterhalt gezahlt, genügen die Zahlungen nur bei rund der Hälfte der Fälle, den Mindestanspruch auf Unterhalt zu decken (Vgl. Hartmann, Bastian (2014): Unterhaltsansprüche und deren Wirklichkeit. Wie groß ist das Problem nicht gezahlten Kindesunterhalts? In: SOEPpapers on Multidisciplinary Panel Data Research 660/2014.)

Streben Eltern nach einer Trennung eine gemeinsame Erziehung an?

Viele wollen das. Nach den Ergebnissen der durch das Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführten Befragung "Gemeinsam getrennt erziehen" (pdf zum Download) wünschen sich über die Hälfte der befragten Trennungseltern (51 Prozent) eine hälftige beziehungsweise annähernd hälftige Aufteilung von Betreuung und Erziehung ihrer Kinder. 15 Prozent erziehen und betreuen bereits zu gleichen oder annähernd gleichen Teilen.

Um herauszufinden, wie Kinder mit getrennten Eltern gut aufwachsen können, hat das Bundesfamilienministerium die Studie "Kindeswohl und Umgangsrecht" in Auftrag gegeben. Dabei stehen die Kinder im Mittelpunkt und werden selbst zur Umgangssituation befragt. Die Studie ist aber noch nicht veröffentlicht worden.

Eltern-Kind-Entfremdung und PAS

Was ist PAS?

PAS ist die englische Abkürzung für Parental Alienation Syndrome und heißt übersetzt: Elterliches Entfremdungssyndrom. Gemeint ist damit eine vorsätzliche Eltern-Kind-Entfremdung. PAS liegt ein Erklärungsansatz zu Grunde, der in den 1980er Jahren von dem amerikanischen Kinder- und Jugendpsychiater Richard Gardner entwickelt wurde. Seine Theorie geht vom einseitigen Verschulden des betreuenden Elternteils aus. Sie stützt sich auf die Annahme, dass Kinder von einem Elternteil durch Manipulation und Indoktrinierung dazu gebracht werden, sich von ihrem anderen Elternteil zu entfremden und diesen am Ende ganz zurückzuweisen. Demnach unterstellen die Kinder dem abgelehnten Elternteil, er sei sowieso gefühlskalt und leide nicht unter dem Kontaktverlust.

 Wie steht die Wissenschaft zu PAS?

Seit den 1980er Jahren sind zwar zahlreiche Studien entstanden, aber in der Wissenschaft ist PAS äußerst umstritten. Neuere Untersuchungen kommen zu der Einschätzung, dass PAS keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage hat. Mittlerweile wird vertreten, dass das entfremdete Verhalten von Kindern vielfältige und unterschiedliche Gründe hat, die – stärker als von Gardner angenommen – auch im Verhalten des nicht mit dem Kind zusammenlebenden Elternteils begründet sind. Ebenso können beim Kind altersabhängige Strategien zur Bewältigung der Trennungssituation eine Rolle spielen.

PAS wird in Sorgerechtstreitigkeiten immer wieder als strategisches Argument eingesetzt. Dabei wird PAS wie ein Urteil über dem Elternteil gefällt, der noch Kontakt zum Kind hat. Ihm wird die alleinige Schuld für die Eltern-Kind-Entfremdung zugewiesen. PAS ist aber weder eine anerkannte Krankheit noch ein anerkanntes Syndrom. Die Weltgesundheitsorganisation hat PAS nicht als Krankheit in ihren diagnostischen und statistischen Leitfaden für psychische Störungen (DSM-5) aufgenommen. Unabhängig davon steht aber außer Frage, dass es Eltern-Kind-Entfremdung gibt. Eine Eltern-Kind-Entfremdung kann psychische Folgen wie etwa Depressionen haben. Betroffen sein können sowohl Kinder als auch Eltern.

Sorge- und Umgangsrecht

Was versteht man unter Sorgerecht?

Die Rechte der Eltern sind in Deutschland durch Artikel 6 Absatz 2 des Grundgesetzes geschützt: "Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht." Eltern sollen frei von staatlichem Einfluss ihre Kinder nach eigenen Vorstellungen pflegen und erziehen können. Die Details regelt das Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB). Gemäß Paragraph 1626 BGB haben Eltern "die Pflicht und das Recht, für das minderjährige Kind zu sorgen". Wobei diese elterliche Sorge, die Sorge für die Person des Kindes (Personensorge) und das Vermögen des Kindes (Vermögenssorge) umfasst.

Neben der Aufgabe, das Kind zu pflegen und zu erziehen und sein Vermögen zu verwalten, beinhaltet die elterliche Sorge auch die Berechtigung, das Kind gesetzlich zu vertreten. Eltern dürfen außerdem bestimmen, wo sich das Kind aufhält (Aufenthaltsbestimmungsrecht). Eltern sollen Fragen der elterlichen Sorge möglichst mit dem Kind besprechen und eine einvernehmliche Lösung anstreben (Paragraph 1626 Absatz 2 BGB). Außerdem heißt es in Paragraph 1627 BGB, dass Eltern die elterliche Sorge in gegenseitigem Einvernehmen zum Wohle des Kindes ausüben sollen und bei Meinungsverschiedenheiten versuchen müssen, sich zu einigen. Eltern üben ihr Sorgerecht nicht als eigenes Recht aus, sondern im Interesse des Kindes. Hat ein Elternteil die alleinige Sorge für das Kind, kann er alle Entscheidungen im Rahmen des Sorgerechts allein treffen.

Beim gemeinsamen Sorgerecht: Was darf ein Elternteil ohne Absprache mit dem anderen entscheiden?

Leben die Eltern getrennt und haben das gemeinsame Sorgerecht, müssen sie sich trotzdem nicht wegen jeder Kleinigkeit absprechen. Gemäß Paragraph 1687 BGB darf ohne Absprache mit dem anderen Elternteil über "Angelegenheiten des täglichen Lebens" entschieden werden – zum Beispiel über die Ernährung des Kindes, die Schlafenszeiten und die Gestaltung des Alltags. Angelegenheiten von erheblicher Bedeutung müssen dagegen von den Sorgeberechtigten gemeinsam entschieden werden – Umzug, Auswanderung, religiöse Erziehung, die Wahl der Schule, die Änderung des Familiennamens oder Impfungen.

Wie kann es zum alleinigen Sorgerecht für ein gemeinsames Kind kommen?

Nach einer Trennung verbleibt das Sorgerecht zunächst bei beiden Eltern. Wenn einer der Elternteile das alleinige Sorgerecht ganz oder teilweise (z.B. Aufenthaltsbestimmung, schulische oder medizinische Angelegenheiten) haben möchte, kann er dies beim Familiengericht beantragen, Paragraph 1671 BGB. Das Gericht gibt dem Antrag statt, wenn der andere Elternteil zustimmt – es sei denn, das Kind widerspricht und ist mindestens 14 Jahre alt. Wenn sich die Eltern nicht einig sind, kann das Familiengericht dem Antrag trotzdem stattgeben, wenn zu erwarten ist, dass es für das Wohl des Kindes am besten ist, die gemeinsame Sorge aufzuheben und dem Elternteil zu übertragen, der den Antrag gestellt hat.

Ein gemeinsames Sorgerecht entspricht etwa dann nicht dem Kindeswohl, wenn ein Elternteil nicht zur Erziehung geeignet oder bereit ist – etwa wegen erheblicher Alkoholprobleme, einer psychischen Erkrankung oder Gewalttätigkeit. Relevant ist auch, ob die Eltern in der Lage sind, sich über wichtige Sorgerechtsfragen so zu verständigen, dass sie auch dann eine Entscheidung treffen können, die dem Wohl des Kindes dient, wenn sie sich eigentlich nicht einig sind.

Wenn es darum geht, welchem der beiden Elternteile die alleinige Sorge zu übertragen ist, sind unter anderem entscheidend die Bindungen des Kindes an den jeweiligen Elternteil, das soziale Umfeld (Freunde, Schule etc.) und die Aufrechterhaltung dieser Bindungen (Kontinuitätsprinzip). Ausschlaggebend für Sorgerechtsentscheidungen ist immer das Kindeswohl.

Können sich Eltern nur auf einem bestimmten Gebiet nicht einigen, besteht auch die Möglichkeit, nur einen Teil der elterlichen Sorge auf einen Elternteil zu übertragen, beispielsweise das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Dann entscheidet ein Elternteil allein, wo das Kind seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat.

Kann ein Kind der Übertragung der Alleinsorge auf einen Elternteil widersprechen?

Wirklich widersprechen kann ein Kind, wenn es das 14. Lebensjahr vollendet hat. Das ergibt sich aus Paragraph 1671 BGB. Aber auch der Wille von jüngeren Kindern ist zu berücksichtigen, soweit dies dem Kindeswohl entspricht. Ausschlaggebende Bedeutung kommt dem Willen eines jüngeren Kindes aber etwa dann nicht zu, wenn ein Elternteil das Kind stark beeinflusst hat. (Bundesgerichtshof, Beschluss vom 27. November 2019, Az. XII ZB 511/18)

Was versteht man unter Umgangsrecht?

In Paragraph 1684 Absatz 1 BGB heißt es: "Das Kind hat das Recht auf Umgang mit jedem Elternteil; jeder Elternteil ist zum Umgang mit dem Kind verpflichtet und berechtigt." Grundgedanke der Regelung ist, dass das Kind für eine ungestörte Entwicklung regelmäßigen Umgang mit beiden Elternteilen braucht. Im Fall einer Trennung folgt daraus die Pflicht für denjenigen Elternteil, bei dem das Kind seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat, den Umgang mit dem anderen Elternteil zu ermöglichen, zu fördern und jede Störung zu unterlassen. Weigert sich ein Elternteil, die Bindung des Kindes an den anderen Elternteil zu akzeptieren, kann das die Erziehungsfähigkeit des sich weigernden Elternteils in Frage stellen und vor Gericht zu einer ihm ungünstigen Sorgerechtsregelung führen.

Umgekehrt hat der andere Elternteil nicht nur das Recht auf Umgang, sondern auch eine Pflicht hierzu. Eltern sind jedoch grundsätzlich frei darin, einvernehmlich einen Umgangsmodus festzulegen, der an die jeweilige Lebenssituation angepasst ist.

Für das Umgangsrecht der Eltern ist es unerheblich, ob dem jeweiligen Elternteil auch das Sorgerecht zusteht. Auch wenn ein Elternteil allein sorgeberechtigt ist, bleibt der andere umgangsberechtigt und -verpflichtet.

Der umgangsberechtigte Elternteil muss das Kind grundsätzlich auf seine Kosten abholen, zurückbringen und verköstigen. Im Einzelfall können abweichende Vereinbarungen im Rahmen eines gerichtlichen Umgangsverfahrens getroffen werden.

In welchen Fällen kommt es zu einem "begleiteten Umgang" oder einem Umgangsverbot?

Ein Umgangsverbot kommt in Betracht, wenn der Schutz des Kindes während des Zusammenseins mit einem Elternteil nicht gewährleistet werden kann, zum Beispiel bei einem gewalttätigen Elternteil, bei Gefahr eines sexuellen Missbrauchs oder einer Kindesentführung. Möglich ist auch ein sogenannter begleiteter Umgang, etwa bei bestimmten psychischen Erkrankungen oder wenn ein Kontakt zwischen Kind und Elternteil erst angebahnt werden muss. Das Kind und seine Mutter oder sein Vater treffen sich dafür in der Regel an einem neutralen Ort (z.B. in einer Erziehungsberatungsstelle) und unter der Anwesenheit einer dritten Person (z.B. einer sozialpädagogischen Fachkraft oder einer Vertrauensperson). Der begleite Umgang ist immer eine befristete Maßnahme mit dem Ziel, einen eigenverantwortlichen, sicheren Umgang zwischen dem umgangsberechtigten Elternteil und dem Kind herzustellen.

Kindeswohl

Was ist unter "Kindeswohl" zu verstehen?

Das körperliche, geistige und seelische Wohlbefinden eines Kindes. Entscheidend ist auch, dass sich das Kind zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit entwickeln kann. Wichtig für das Wohl des Kindes sind daneben Kontinuität und Stabilität von Betreuungs- und Erziehungsverhältnissen. Ein am Kindeswohl ausgerichtetes Handeln achtet die Rechte, den Willen und die Bedürfnisse des Kindes. Das Kindeswohl ist ein Orientierungsmaßstab, an dem sich elterliches Handeln – auch bei Trennung und Scheidung – ausrichten soll. Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht.

Unterhalt

Wer zahlt für das Kind nach der Trennung?

Lebt das Kind nach der Trennung nur bei einem Elternteil (Residenzmodell), kommt dieser Elternteil seiner Unterhaltspflicht durch die Betreuung des Kindes nach. Der andere Elternteil muss dagegen zahlen. Hat das Kind seinen Aufenthalt zu gleichen Teilen bei beiden Eltern (Wechselmodell), müssen beide Elternteile für den Barunterhalt des Kindes einstehen. Der besser verdienende Elternteil muss einen größeren Anteil am Barunterhalt für das Kind übernehmen. Das heißt, er muss die "Unterhaltsspitze" (Hälfte der Differenz zwischen den Unterhaltsanteilen der Eltern) an den weniger verdienenden Elternteil auszahlen, damit die Existenz des Kindes in beiden Haushalten gesichert ist (BGH Beschluss vom 11. Januar 2017, Az. XII ZB 565/15). Nur wenn beide Eltern annähernd gleich viel verdienen, können Ausgleichszahlungen entfallen.

Bekommen Alleinerziehende Hilfe, wenn der Ex-Partner nicht zahlt und sie dadurch in finanzielle Schwierigkeiten geraten?

Ja. Für Kinder, die nicht oder nicht regelmäßig oder nicht rechtzeitig Unterhalt vom anderen Elternteil erhalten, zahlt der Staat einen Unterhaltsvorschuss. Der Unterhaltsvorschuss kann in der Regel beim Jugendamt beantragt werden.

Residenz- vs. Wechselmodell

Was versteht man unter dem Residenzmodell?

Unter dem Residenzmodell versteht man, dass Kinder nach der Trennung oder Scheidung ihrer Eltern bei einem Elternteil aufwachsen und den anderen Elternteil besuchen. Das Residenzmodell ist in Deutschland das am häufigsten praktizierte Betreuungsmodell nach einer Trennung oder Scheidung. Rund 90 Prozent der Kinder leben im Residenzmodell bei der Mutter. Bei einem praktizierten Residenzmodell sehen Kinder den anderen Elternteil meist jedes zweite Wochenende und die Hälfte der Ferien.

Hat der Elternteil, bei dem das Kind wohnt, automatisch das alleinige Sorgerecht?

Nein. Ob das Residenzmodell oder das Wechselmodell praktiziert wird, ist für die Frage, wer die elterliche Sorge für das Kind hat, zunächst unerheblich. Auch wenn das Kind größtenteils bei einem Elternteil lebt, können beide Eltern gemeinsam das Sorgerecht haben.

Was versteht man unter dem Wechselmodell?

Beim Wechselmodell, auch Doppelresidenzmodell genannt, teilen sich beide Eltern die Betreuung des Kindes. Das Kind verbringt mit beiden Eltern gleich viel Zeit und pendelt zwischen dem Haushalt der Mutter und dem des Vaters.

Unter Betreuung ist sowohl die Zeit zu verstehen, die ein Elternteil mit dem Kind verbringt, als auch die Qualität der Betreuung – insbesondere die Wahrnehmung wichtiger organisatorischer Aufgaben der Kindesbetreuung.

Das Wechselmodell kann nach einem Beschluss des Bundesgerichtshofs von 2017 auch gerichtlich angeordnet werden. Wenn die Eltern allerdings gar nicht mehr miteinander klarkommen, ist das Wechselmodell in der Regel nicht im Interesse des Kindes, entschied der Bundesgerichtshof. Maßstab für die Entscheidung ist das Kindeswohl. (Beschluss vom 1. Februar 2017, Az. XII ZB 601/15)

Wie steht die Politik zum Wechselmodell als gesetzlichen Regelfall?

In Deutschland kämpft die FDP für das Wechselmodell als Regelfall nach einer Trennung oder Scheidung (Antrag "Getrennt leben, gemeinsam erziehen"). Per Gesetz sollen Gerichte nach dem Willen der FDP im Streitfall dann in aller Regel bestimmen, dass die Kinder im Wechsel bei Mutter und Vater leben – im Falle gleichgeschlechtlicher Partnerschaften wäre das der Wechsel zwischen zwei Müttern oder zwei Vätern.

Die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD lehnen das Wechselmodell als Regelfall hingegen ab. Sie haben sich gegen die Initiative der FDP ausgesprochen. Im Februar 2019 lehnte die damalige Justizministerin Katarina Barley, SPD öffentlich ein Gesetz zugunsten des Wechselmodells ab. Jede Familie brauche ihre eigene Lösung: "Wir haben bislang im Gesetz kein Regelmodell nach einer Trennung, und es sollte auch keines geben." (Februar 2019)

Auch die derzeitige Familienministerin Franziska Giffey will kein bestimmtes Modell staatlich verordnen, nach dem sich alle zu richten haben. Stattdessen soll den Familien möglichst viel Flexibilität geboten werden, das Modell zu wählen, das sie brauchen, um auch nach einer Trennung gut miteinander leben zu können. Dafür müssen für Eltern, die gemeinsam getrennt erziehen, Steine aus dem Weg geräumt und Hürden abgebaut werden. Das Wechselmodell sei nicht in allen Fällen das Nonplusultra, so Giffey im Rahmen einer Regierungsbefragung im Bundestag. (13. März 2019)

Wie die Regierungsparteien sehen es auch die Linken. Sie wollen das Wechselmodell als Regelfall weiterhin verhindern. Gesetze und Gerichte müssten im Sinne des Kindeswohls Familien dabei unterstützen, das für sie passende Modell zu finden. Dazu passe nicht, dass ihnen eines vorgeschrieben werde.

Der Rechtsausschuss im Bundestag hat sich Ende September 2019 gegen das Wechselmodell als Regelfall ausgesprochen.

Ende 2019 hat eine Gruppe von Expertinnen und Experten dem Bundesjustizministerium Vorschläge für eine Reform des Sorge- und Umgangsrechts gemacht: https://www.bmjv.de/SharedDocs/Artikel/DE/2019/102919_AG_SorgeUndUmgangsrecht.html

Offen ist derzeit, ob daraus konkrete gesetzliche Veränderungen folgen werden.

Wie stehen Psychologen zum Wechselmodell?

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie hat sich 2018 in einem Positionspapier ausdrücklich gegen das Wechselmodell als Regelfall ausgesprochen. Aus psychologischer Sicht gebe es keine Erkenntnisse, die für eine gesetzliche Verankerung des Wechselmodells als Regelfall sprechen.

In Frankreich ist das Wechselmodell der Regelfall. Dort warnen Psychologen und Psychiater seit Jahren, dass das Wechselmodell vor allem bei Kindern bis sechs Jahren höchstproblematisch sei und immer mehr Kinder deshalb in psychologische Behandlung müssten.

Hilfe und Beratung

Mütter und Väter haben im Rahmen der Jugendhilfe einen Anspruch auf Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung, Paragraph 17 Sozialgesetzbuch VIII. Damit können sie bei der Entwicklung eines einvernehmlichen Konzepts für die Wahrnehmung der elterlichen Sorge unterstützt werden. Ansprechpartner für Eltern sind das Jugendamt sowie freie Träger, die Beratung von Kindern, Jugendlichen und Eltern in Erziehungsfragen anbieten.

Zentrale Träger der Familienberatung sind die Evangelische Konferenz für Familien- und Lebensberatung e.V. (EKFUL), das Deutsche Rote Kreuz, das Evangelische Zentralinstitut für Familienberatung (EZI), die Katholische Bundeskonferenz für Ehe-, Familien- und Lebensberatung, der Sozialdienst katholischer Frauen – Gesamtverein e.V. und die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung e. V. (DAJEB).

Mehr Informationen gibt es beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:

7 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.