Interview mit Julia Koschitz

Wenn ihre Tochter beim Vater und seiner neuen Familie ist, fühlt Julia (Julia Koschitz) sich einsam und alleingelassen.
Wenn ihre Tochter beim Vater und seiner neuen Familie ist, fühlt Julia sich einsam und alleingelassen. | Bild: SWR/FFP New Media GmbH / Martin Valentin Menke

Interview mit Julia Koschitz

Was für eine Frau ist Julia in Ihren Augen?

Das Hervorstechendste an dieser Figur ist zum einen ihr schlechtes Selbstwertgefühl und die damit verbundene Angst, alleine zu sein, und zum anderen ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle, die ihr immer wieder dabei hilft, nach außen hin souverän zu erscheinen. Das makellose Bild einer Frau, die alles im Griff hat und die ein rundum attraktives Leben führt, ist ihr sehr wichtig. Auf diese Weise ist für keinen sichtbar, wie ungesund und zerbrochen ihr Innenleben wirklich ist. Die Trennung von Tom, ihrer großen Liebe, in die sie all ihre Hoffnung und Lebensträume projiziert hat, zieht ihr buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. Haltlos, zutiefst gekränkt, bleibt sie in dem Gefühl der schreienden Ungerechtigkeit stecken und damit in einer emotionalen Abhängigkeit. Die Angst, dass ihr auch noch ihre Tochter genommen wird, entwickelt sich zu einer Obsession. Es wird zwar nur angedeutet, aber in ihrer manipulativen Mutter spiegelt sich ihr eigenes krankhaftes Verhalten, ihr Kind dem Vater zu entreißen.

Und was war für Sie der Grund, eine Frau wie Julia spielen zu wollen?

Ich finde das Thema wichtig und glaube nicht, dass es öffentlich präsent genug ist. Ich wusste nichts über Eltern-Kind-Entfremdung und habe auch bei Nachfragen im Freundeskreis erlebt, dass die meisten von uns zwar die typischen Trennungsdramen mit den teils schwierigen Folgen für die Kinder kennen, nicht aber in diesem Ausmaß von manipulierenden Elternteilen und den damit einhergehenden schweren psychischen Schäden für die betroffenen Kinder.

Fiel es Ihnen manchmal schwer, sich in Julia, die offensichtlich im Unrecht ist, hineinzuversetzen?

Natürlich. Aber das Verrückte ist ja, dass Menschen, die Unrecht begehen, sich dabei völlig im Recht fühlen. Es ging also darum, ihre eigene Logik zu verstehen. Ausschlaggebend dafür war ihr eigenes Kindheitstrauma – dass es sich um einen im Prinzip gebrochenen Menschen handelt, der über keine Resilienz verfügt. Ihr Verlassenheitsgefühl und ihr Minderwertigkeitskomplex sitzen so tief, dass die Angst, jetzt auch noch ihre Tochter zu verlieren, komplett irrational wird und ungleich existentieller. Um ihr unrechtes und teilweise grausames Verhalten nachvollziehen zu können, musste ich den Kampf um ihr Kind gegen den Vater zu einer Art Überlebenskampf für sie selbst umformulieren. Dabei drängt sie die psychischen Veränderungen ihrer Tochter vehement weg, nur um sich selbst zu schützen.

Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet? Haben Sie sich im Vorfeld auch näher mit der Eltern-Kind-Entfremdung beschäftigt?

Ich habe viel darüber gelesen, habe mir Dokumentationen angesehen und mit Betroffenen gesprochen. Dabei habe ich viel über die Seite erfahren, die unter der schweren Manipulation leidet, nicht aber über die Geschichte derer, die sie ausüben. Deshalb habe ich mich ausführlich mit einem Psychotherapeuten unterhalten, der Erfahrung mit dem Thema hat.

Haben Sie sich eine Vorstellung davon gemacht, woran die Ehe von Julia und Tom eigentlich gescheitert ist?

Regisseur Alexander Dierbach, Felix Klare und ich haben ausführlich darüber gesprochen, damit wir von einer gemeinsamen Vorgeschichte ausgehen. Mit Tom ist für Julia ein Traum in Erfüllung gegangen – ein liebenswerter, positiver, tatkräftiger, erfolgreicher, interessanter, gutaussehender Mann, der ihr gesellschaftlich wie als Frau Sicherheit und mit der Gründung einer Familie auch noch eine Zukunftsperspektive gegeben hat. Man erlebt Julia nicht mit vielen Freunden oder einem lebendigen Bekanntenkreis, insofern sind wir davon ausgegangen, dass sie die Erfüllung all ihrer Wünsche und Bedürfnisse auf ihn projiziert hat. Ihre psychische Brüchigkeit hat sie dabei nicht offen mit ihm geteilt. Die hat er nur mit der Zeit zu spüren bekommen, indem Julia ihrem Schutzbedürfnis immer mehr Raum gegeben, eine immer enger werdende Komfortzone geschaffen und Tom auf diese Weise die Luft abgeschnitten hat.

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