Statement von Alexander Dierbach

Seine Anwältin Sabine Slowinski (Jule Gartzke) macht Tom (Felix Klare) klar, wie wenig Möglichkeiten er hat, gegen die Manipulationen seiner Exfrau vorzugehen.
Seine Anwältin Sabine Slowinski macht Tom klar, wie wenig Möglichkeiten er hat, gegen die Manipulationen seiner Exfrau vorzugehen. | Bild: SWR/FFP New Media GmbH / Bernd Spauke

Statement des Regisseurs Alexander Dierbach

Einen Filmstoff angeboten zu bekommen, der nicht von vornherein als »Quotenjäger« angesehen werden kann, ist für mich als Filmemacher sehr besonders und vor dem Hintergrund der eigentlich angestrebten Programmvielfalt viel zu selten geworden. Daher war ich sehr dankbar, dass der SWR und Produzentin Simone Höller sich mir mit einem Thema anvertraut haben, das exemplarisch dafürsteht, wie man auch im fiktionales Programm verborgene, real existierende Themen filmisch für ein breites Publikum beleuchten kann.

Das Drehbuch zu »Weil du mir gehörst« von Katrin Bühlig löste gleich beim ersten Lesen in mir eine Art filmisches Heimatgefühl aus. Wie schon bei meinem Debütfilm »Uns trennt das Leben«, der vor zehn Jahren ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem SWR entstand, war ich begeistert von der Idee, erneut in den Kosmos Familie einzutauchen. Mit großem Respekt bin ich der Aufgabe begegnet, einen Film über eine Trennung zu erzählen und die verschiedenen, teils zerstörerischen Facetten, die eine solche auslösen kann. Die große Herausforderung lag darin, sich an einen pathologischen Zustand, ein Krankheitsbild, heranzutasten und dieses innerhalb eines begrenzten Rahmens zu skizzieren. Dabei war stets die Frage der Perspektive im Vordergrund: Zu welcher Figur im Film »stelle ich mich«? Diese Frage war für mich nicht beantwortbar. Denn die einzelnen seelischen Prozesse innerhalb jeder Figur sind so komplex, dass ich verstehen musste, es geht um einen Auszug. Diesen jeweils multiperspektivisch zu beleuchten, sollte der Kernpunkt sein.

Einen manipulierenden Elternteil darzustellen, der die Zermürbung einer Kinderseele in Kauf nimmt, selbst nicht mehr fähig ist, das eigene Handeln zu reflektieren und zeitgleich den eigenen Weg unreflektiert für den isoliert richtigen zu erklären, diesen Prozess filmisch umzusetzen, war für mich die besondere Herausforderung in der Regiearbeit.

Bei meiner Recherche zum Thema »Eltern-Kind-Entfremdung « bin ich sehr schnell fündig geworden, allerdings sind in Foren die Ausführungen natürlich stets sehr subjektiv und daher als Quelle allein nicht nutzbar. Fachliterarische Erörterungen eignen sich zwar oft als Basis für eine bestimmte Thematik, am ergreifendsten fand ich allerdings, dass ich durch Gespräche im näheren Umfeld erfahren musste, wie sehr dieses Thema in der Gesellschaft präsent und trotzdem fast unsichtbar verwoben ist. Dieses Verhalten stellte sich für mich nahezu als noch »ungreifbar« dar. Umso dankbarer war ich, eine so gut recherchierte und griffige Drehbuchvorlage zu diesem Thema von Katrin Bühlig zu bekommen.

Die Frage nach der filmischen Umsetzung war ein sehr zermürbender Prozess. Auf welche visuelle Ebene bewege ich die Drehbuchvorlage, welche filmischen Stilmittel setze ich ein, um mich einem so komplexen Thema zu nähern – und zentral die Frage: Wie führt man die Figuren im Kontext zum Kernthema »Eltern-Kind Entfremdung«? Die Entscheidung fiel auf eine filmisch sehr minimalistische, reduzierte und teils zurückhaltende Darstellung der Figuren in ihrem Kosmos. Ich wollte dem Zuschauer einen Platz im Wohnzimmer der Figuren ermöglichen. Dieser Ansatz war mir sehr wichtig, um gerade die Figur der Mutter nicht durchgehend zu dämonisieren. Innerhalb von 90 Minuten ging es darum, Auszüge aus einem Prozess zu begleiten, ihn nachvollziehbar und auch nicht nachvollziehbar zu gestalten und die Auswirkungen auf das Umfeld zu erleben.

Als ich mich auf die Suche nach Darstellern begab, die den Figuren durch ihre herausragende Spielkunst Leben einhauchen und sich ihnen mutig stellen, waren Julia Koschitz, Felix Klare und Lisa Marie Trense für mich ein sehr starker Anker. Mit diesem Ensemble konnte ich mich vertrauensvoll und offen der Herausforderung stellen, in eine Art »Familienkrieg« einzutauchen. Lisa Marie Trense begegnete mir in einem Casting, und sehr schnell wurde klar, dass sie nicht nur das außerordentliche Talent mitbringt, die »Anni« zu verkörpern, sondern auch schon über das nötige Verständnis verfügt, Fiktion und Realität trennen zu können. Genau das war bei der Suche nach einer geeigneten Kinderdarstellerin die Herausforderung. Ein Kind zu finden, bei dem wir als Filmemacher sicher sein können, dass die Filmthematik keinen persönlichen Einfluss auf die Kinderdarstellerin nimmt. Gemeinsam mit einer medienpädagogischen Fachkraft haben wir Lisa Marie Trense durch den Film begleitet. Am Set haben wir innerhalb der Kinderszenen versucht, eine Mischform zwischen konzentrierter, fokussierter und spielerischer Annäherung an die jeweiligen Inhalte zu schaffen. Lisa Marie bestach durch ihr Feingefühl für die jeweilige Situation und die Möglichkeit, innerhalb ihrer täglichen drei Stunden Drehzeit für kurze Momente vollends in eine Filmfigur einzutauchen und ebenso aus dieser wieder auszusteigen. Die Vorbereitung auf die einzelnen Szenen gestaltete sich nahezu nur durch das Proben am Set, um die Arbeitszeit nicht weiter auf den kompletten Tag auszuweiten, sondern den zeitlichen Rahmen klar abzustecken.

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