Regisseurin Isa Prahl

Regisseurin Isa Prahl
Regisseurin Isa Prahl | Bild: NDR / Wolfgang Ennenbach

»Es gibt viele wie Gellhaus, die mit sich hadern, ob sie einen Schlussstrich ziehen sollten – und am Montag wieder ins Büro gehen.«

Wann haben Sie zum ersten Mal vom Skandal um die Anti-Baby-Pillen erfahren?

Als ich das Drehbuch gelesen habe. Umso mehr hat mich die Geschichte erschüttert. Fast jede Frau nimmt diese Mikropillen. Viele bekommen sie vom Arzt als Anti-Akne Präparat verschrieben. Als Teenager weiß man nichts über Risiken und Nebenwirkungen. Man ist jung und unbedarft in diesem Alter. Wir haben mit den Aktivistinnen der Initiative Thrombose-Geschädigter gesprochen. Einige Frauen leiden unter schrecklichen Langzeitfolgen. Sie sagten, dass die Mädchen über die Medikamente aufgeklärt werden müssen, damit sie eine Entscheidung treffen können, ob sie die Pillen nehmen wollen oder nicht. Genau darum geht es in unserem Film.

Wie sind Sie zu dem Projekt gekommen?

Martin Zimmermann von der Westside Filmproduktion hat mir von der Geschichte erzählt. Wir arbeiten beide in Köln. Er hatte meinen Debütfilm "1000 Arten Regen zu beschreiben" gesehen. Ich fand die Idee großartig, den Film aus der Perspektive eines Arztes zu erzählen, der in einem Pharmakonzern angestellt ist. Wir waren beide Feuer und Flamme für das Projekt. Ich habe dann den NDR Redakteur Donald Kraemer getroffen. Die Autoren Eva und Volker Zahn kannte ich bereits vorher. Vor Jahren hatte ich ihnen über mehrere Ecken das Drehbuch zu meinem Abschlussfilm geschickt. Früher war es Hochschule, jetzt ist es die ARD.

Wo haben Sie den Film gedreht?

Die Innenaufnahmen sind in einer Reederei in der Stadt Haren an der Ems entstanden, einem kleinen gläsernen Gebäude, in dem wir das Foyer, den Fahrstuhl und verschiedene Konferenzräume nutzen konnten. Was die Zuschauer von außen sehen, ist aber die berühmte Verwaltungszentrale der Norddeutschen Landesbank in Hannover. Das Gebäude wirkt wie ein monströser Organismus, in dem ganz eigene Gesetze herrschen. So stellten wir uns auch unseren fiktiven Pharmakonzern vor.

Wie haben Sie das Innere inszeniert?

Glas ist das vorherrschende Element, das sich durch den ganzen Film zieht. Es suggeriert eine Transparenz, die es im Konzern in Wahrheit nicht gibt. Diese Ambivalenz hat mir als Regisseurin sehr gefallen. Es ist, als ob man in einen Glaskasten schaut, in dem Menschen miteinander reden, aber man hört nicht, was sie sagen. Es dringt nichts nach außen. Um diesen Effekt zu verstärken, haben wir in manchen Szenen zusätzlich Glas vors Objektiv geschoben. Als Kontrast zum Gläsernen und Glatten haben wir die zwischenmenschlichen Aktionen dann oft mit der Handkamera gedreht, um zu erzählen, wie die Leute sich aneinander reiben und miteinander streiten. Wir waren immer Teil der Handlung und saßen quasi mit am Tisch.

Wie bringt man Spannung in einen Film, der zu einem großen Teil in Konferenzräumen spielt?

Das war tatsächlich eine Herausforderung. Das Geschehen spielt sich ja immer in den gleichen Räumen ab, und immer sitzen alle um einen Tisch herum. Da macht man das klassische Schuss-Gegenschuss-Fernsehen. Also haben wir versucht, auf anderem Wege Spannung zu erzeugen. Es war uns wichtig, die Protagonisten nicht bloß als funktionierende Teile in einem geschlossenen System zu zeigen, sondern jedem Einzelnen etwas Menschliches zu geben. Ein eigenes Gesicht, einen eigenen Charakter. Wir zeigen zum anderen, wie sie in der Gruppe gegeneinander kämpfen und wie sie teils mit sich selber ringen.

Bringt jede Figur ihre eigene Geschichte mit ins Büro?

Da ist als erstes die Projektleiterin, die sich verbissen nach oben kämpft. Sie will nicht einfach nur Karriere machen, sie fordert Gerechtigkeit: Weil sie als Frau viele Male übergangen worden ist, glaubt sie, dass es ihr jetzt zusteht, in den Vorstand aufzurücken. Sie hat eine Affäre mit dem Arzt im Team und ist total entsetzt, als er ihretwegen seine Familie verlässt. Dann sitzt da die durchgeknallte Marketingexpertin mit ihrem tragischen Beziehungsproblem, die zwar ein Faible hat für alles Neue in den Sozialen Medien, aber keinen Schimmer hat, wie man damit verantwortungsvoll umgeht. Der Risikoanalyst ist ein Mann voller Probleme, seine Frau misshandelt ihn, er schwitzt und mümmelt in einer Tour Kekse in sich hinein, bis er eines Tages aufhört zu funktionieren und im Büro umkippt. Eine interessante Figur ist der Vertriebschef mit der Babykotze auf dem Pullover, der in der Runde kaum etwas sagt und nur das eine Ziel verfolgt, statt seiner Chefin in den Vorstand berufen zu werden.

Im Mittelpunkt steht der Arzt Carsten Gellhaus, der mehrfach auf die Risiken der neuen Pillen hinweist. Diese Figur steckt voller Widersprüche, und ich finde es toll, dass sie so viele Seiten hat. Privat geht bei ihm alles in die Brüche, die Ehe, die Familie, die Affäre. Doch er verhält sich verantwortungsbewusst, besonders gegenüber seinen Kindern. Im Job befindet er sich in einem moralischen Dilemma. Er kann als Arzt nicht gutheißen, wie der Konzern handelt. Man wünscht ihm als Zuschauer, dass er mal so richtig auf den Tisch haut. Aber er ist nicht der Held, der in die Firma marschiert und aufräumt. In der Wirklichkeit gibt es viele solcher Menschen wie Gellhaus, die wahnsinnig mit sich hadern, ob sie nicht einen Schlussstrich ziehen sollten – und dann am Montag wieder ins Büro gehen.

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