Carsten Gellhaus als Stephan Kampwirth

Stephan Kampwirth als Carsten Gellhaus
Stephan Kampwirth als Carsten Gellhaus | Bild: NDR / Wolfgang Ennenbach

Carsten Gellhaus ist ein Pragmatiker, kein Idealist. Er arbeitet bei einem Pharmaunternehmen und weiß, dass Medikamente nicht ohne Risiko sind, auch Anti-Baby-Pillen nicht. Dass man die Risiken bei der Werbung nicht in den Vordergrund stellt, bereitet ihm keine schlaflosen Nächte, das ist Geschäft, keine Ethikkommission. Aber lügen? Verschweigen? Studien ignorieren? Schließlich hat er selbst zwei Töchter, die zur Zielgruppe der neuen "leichten" Pille gehören.

Eigentlich hat er das Rückgrat, seine Meinung zu vertreten – aber wenn berufliche und private Loyalitäten anfangen, sich in die Quere zu kommen, wird die Belastbarkeit auf die Probe gestellt. Wahrheit ist zurzeit ohnehin eine Herausforderung für Carsten Gellhaus. Sie hat immer eine unangenehme Kehrseite. Er ringt sich durch, seiner Frau seine Affäre, ach was, seine neue Liebe zu gestehen. Aber was seinem Gewissen nützt, bringt seine Töchter gegen ihn auf. Und so verliebt wie er scheint seine Geliebte auf einmal auch nicht mehr zu sein. Wenn er nicht aufpasst, droht Carsten Gellhaus im Abseits zu stehen: beruflich, amourös, moralisch.

Gespräch mit Stephan Kampwirth

»Wir waren uns einig, dass wir Carsten Gellhaus nicht zu einem Helden machen wollten.«

Sie spielen den Arzt Carsten Gellhaus, der in einem Pharmakonzern eine neue Anti-Baby-Pille zur Zulassung bringen soll. Dann zeigen Studien: Das Medikament erhöht das Thromboserisiko. Warum spielt er das Spiel mit?

Gellhaus arbeitet nicht erst seit gestern im Konzern. Früher war er als Frauenarzt in einer Klinik angestellt. Dann warb ihn die Pharmaindustrie mit der Aussicht auf Eigenständigkeit ab. Jetzt ist er Teil des Systems. Als Mediziner hat er eine verantwortungsvolle Sicht auf die Dinge. Sein Arbeitgeber möchte sich mit dem Me-Too-Präparat einen neuen Markt erschließen, und Gellhaus soll die Dokumente für die behördliche Zulassung erstellen. Eigentlich ein Routinefall. Aber dieses Projekt erweist sich als kompliziert. Carsten Gellhaus kommt gewissermaßen die eigene Realität in die Quere. Seine beiden Töchter sind in einem Alter, in dem Mädchen zum ersten Mal die Pille nehmen. Als eine dänische Studie ein deutlich erhöhtes Thrombose-Risiko nachweist, tritt Gellhaus auf seine eigene leise Art den Weg durch die Instanzen an.

Wohin führt dieser Weg?

Als Erstes macht er den Vorstandsvorsitzenden des Konzerns auf die Risiken und Nebenwirkungen der Pille aufmerksam. Danach legt er dem Justitiar einen langen Beipackzettel vor, der die Frauen darüber aufklären soll, was sie da nehmen. Gellhaus nutzt alle Mittel, die ihm intern zur Verfügung stehen. Er unternimmt alles, was in seiner Macht steht. Aber es reicht nicht. Am Ende wird von ihm verlangt, das Medikament durchzuwinken.

Warum wirft er nicht die Brocken hin?

Aus dem einfachen Grund, dass er eine Familie zu versorgen hat. Er nimmt eine Nutzen-Risiko-Abwägung vor. In der Firma steht Gellhaus vor der schwierigsten Entscheidung seiner Karriere. Die Konfrontation mit seinem Chef kann ihn den Job kosten. Gleichzeitig fliegt ihm sein privates Leben um die Ohren. Er hat sich von seiner Frau getrennt, seine Kinder stellen sich gegen ihn. Alles wächst ihm über den Kopf. Er glaubt, keine andere Wahl zu haben.

Taugt er nicht zum Helden?

Wir waren uns einig, dass wir ihn nicht zu einem Helden machen wollten, der sich furchtlos gegen einen Pharmakonzern stellt. Er ist im tiefsten Inneren ein Mensch mit Problemen, Sorgen und nicht wenigen Fehlern. Was findet der Zuschauer spannender? Wenn er in eine fremde Welt entführt wird, um darüber die eigene zu vergessen? Oder wenn er in die Realität eines Mannes eintaucht, in dem er sich selber wiedererkennen kann? Das war der Ansatz, den wir verfolgt haben.

Der Arzt hat sich ausgerechnet in die Leiterin des Pillenprojekts verliebt. Will er mehr von ihr als sie von ihm?

Er hat eine Affäre mit dieser starken, unabhängigen und erfolgsorientierten Frau, bis er ihr erzählt, dass er seine Frau verlassen hat und zu Hause ausgezogen ist. Das ändert die Situation schlagartig. Sie sagt zu ihm, geh’ zurück zu deiner Frau, ich brauche keine zusätzlichen Probleme. Beim ersten Lesen der Szene habe ich gedacht, wie blöd ist der denn? Wie spielt man denn so einen? Warum hat er nicht mit ihr darüber gesprochen? Er hat den zweiten Schritt vor dem ersten getan, was man ihm durchaus vorwerfen kann. Aber man macht es ja nie richtig.

Wie spielt man denn einen Mann, der sich von seinem Chef demütigen und von seiner Freundin vor aller Augen ohrfeigen lässt?

Möglichst unaufwändig. Gellhaus rastet nicht aus. Er wird nicht laut. Nachdem ihm seine Geliebte coram publico eine Ohrfeige gibt, hält er kurz inne, als denke er darüber nach, wie heftig sie den Schlag ausgeführt hat. Wenn man die Szene moralisch betrachtet, fühlt er sich in seinen Bedenken gegenüber der Pille bestätigt. Macht doch alle mal die Augen auf, Kollegen! Es hat wahnsinnig Spaß gemacht, gemeinsam mit der Regisseurin Isa Prahl dieses Kleine der Figur herauszuarbeiten. Isa ist beim Drehen nicht klüger als die anderen, und sie gibt nicht vor, wie man die Rolle spielen soll. Sie hatte eine ganz klare Vorstellung, wohin die Reise in den einzelnen Szenen gehen soll. Dafür schuf sie einen visuellen Raum, in dem man sich frei bewegen konnte. Es war großartig, mit ihr zusammenzuarbeiten.

Gellhaus ist nicht so leicht einzuordnen. Haben Sie im Team lange über die Figur gesprochen?

Wir haben mehrmals mit den Drehbuchautoren Eva und Volker Zahn zusammengesessen und sind im offenen Gespräch die Szenen und Dialoge durchgegangen. Die Autoren haben uns aufgefordert: Gebt uns ein Feedback. Es war eine Teamarbeit, wie man sie selten erlebt.

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