"So schnell haut mich das Milieu nicht aus den Schuhen."

Interview mit Verena Altenberger

Verena Altenberger als Ina.
Verena Altenberger als Ina.

Wie lautete die Stellenanzeige des NDR: Schauspielerin gesucht, die sehr gut tanzen kann?

Die Casterin hat mir einmal die witzige Geschichte erzählt, wie die Produktionsfirma Aspekt Telefilm mit einer angeblich ganz leichten Besetzungsaufgabe an sie herangetreten war. Schauspielerin, jung, hübsch, so und so alt, deutscher Akzent. Bis dahin war es wirklich einfach, dachte sie. Doch dann kam es: Die Gesuchte soll sehr gut Burlesque tanzen können. Wie bitte, welche Schauspielerin kann schon sehr gut Burlesque tanzen?

Und wer weiß überhaupt, was Burlesque ist?

Ich musste das Wort erst einmal googeln. Obwohl ich auch ausgebildete Tänzerin bin, hatte ich nur ein ungefähres Bild davon. Salopp gesagt ist es ein anspruchsvoller erotischer Tanz, der nicht so plump ist wie ein Striptease und bei dem die essentiellen Teile des Körpers versteckt bleiben. Vor dem Casting in Hamburg habe ich bei Wendy Night, einer professionellen Wiener Burlesque-Tänzerin, ein paar Stunden Unterricht genommen. Sie sagte, es gehe darum, die Weiblichkeit zu zelebrieren, mit Witz und mit Charme. Man streut sich Glitzer auf die Hände und zieht man dann die Handschuhe ganz langsam aus, rieselt er im Scheinwerferlicht funkelnd auf die Bühne. Man zeigt etwas Haut, dann wirft man sich die große Federboa um oder verschwindet hinter einem Paravent. Es ist ein Geben und Wiederwegnehmen.

Kompliment, Ihr Burlesque-Tanz wirkt echt und erotisch.

Ich habe in Hamburg ein weiteres Coaching bei Belle La Donna gehabt, dem Star der Hamburger Burlesque-Szene. Sie war später auch beim Drehen dabei und hat im Film einen kleinen Bühnenauftritt. Wir trainierten drei Tage lang in einem Tanzstudio, studierten Posen ein und spielten mit Requisiten wie Federboa, Fächer oder Stuhl. Ich lernte, auf sehr hohen Schuhen zu tanzen und mich meiner Kostümteile so zu entledigen, dass es verführerisch aussieht. Wir haben ein wenig herumexperimentiert: Ist diese Bewegung vielleicht zu gewagt oder nicht gewagt genug? Für mich als Schauspielerin war es ein großes Erforschen, was ich zu geben bereit bin. Da darf man sich nicht überfordern. Am Ende hatten wir vier vollständige Choreographien erarbeitet. Noch nie hatte ich als Schauspielerin so viel Muskelkater.

In der Rolle der Tänzerin Ina gaukeln Sie ihrem zukünftigen Mann vor, am Hamburger Operettenhaus zu tanzen. Warum sagt sie nicht die Wahrheit?

Dass sie ihn belügt, hat verschiedene Gründe. Sie kann nicht sicher sein, ob er es für anrüchig hält, was sie tut. Ina sehnt sich nach einem Neuanfang, als plötzlich dieser Polizist vor ihr steht, den sie beeindrucken will. Sie verliebt sich Hals über Kopf, redet sich das Leben schön und verpasst den Augenblick zu sagen: Und übrigens, wenn ich sage Tänzerin, dann meine ich nicht Cats im Operettenhaus, sondern Burlesque in einer Bar auf der Reeperbahn. Sie träumte immer von einer Karriere als Tänzerin in einem großen seriösen Theater. Doch dieser Traum ist geplatzt.

Ist sie eine Traumtänzerin?

Nein, ganz im Gegenteil. Sie ist eine starke Frau, die sich durchs Leben beißt. Sie tanzt nicht deshalb Burlesque, weil sie ihre Miete bezahlen muss, sondern weil sie dadurch ihrem großen Traum näher kommt. Sie kämpft für das, was sie sich wünscht, obwohl sie schon oft gescheitert ist. Als sie ihren Traummann findet, mit dem sie eine Familie gründen will, geht auch ihr privates Leben den Bach runter. Der Hafenpastor sagt ihr, dein Mann ist dein Bruder. Plötzlich steht sie an einer Grenze, die sie nicht überschreiten darf, trotzdem bekennt sie ehrlich und aufrichtig: Es ist mir egal, ich liebe dich!

Sie haben viele Szenen auf St. Pauli gedreht. Finden Sie dieses Milieu als Wienerin nicht recht schockierend?

So schnell haut mich das Milieu nicht aus den Schuhen. Ich habe in Wien vier Jahre lang in einer Fernsehserie eine Prostituierte gespielt. Für diese Rolle habe ich in Bordellen, Laufhäusern und auf dem Straßenstrich recherchiert und mit den Frauen, mit Zuhältern und Barbesitzern gesprochen. Spätestens seit diesem Engagement können mich Rotlichtszenen nicht mehr erschüttern.

"Der Hafenpastor" ist eine Reihe mit viel lokalem Kolorit. Wie gefallen Ihnen die Menschen im Norden?

Die Hamburger sind schon ein eigener Menschenschlag. Wiener sind dafür bekannt, vordergründig höflich zu sein und sehr indirekt zu formulieren. Mein Lieblingsbeispiel ist ein Schild in unserer Straßenbahn, auf dem zu lesen ist: "Bitte sich festzuhalten." Nach dem Motto: Warum klar und deutlich, wenn es auch verschnörkelt geht? Die Hamburger sind das genaue Gegenteil: Die sagen dir geradewegs ins Gesicht, was Sache ist. Ihre Witze schlagen ohne Umwege direkt ein. Darüber habe ich mich als Österreicherin in den ersten Tagen ein wenig erschrocken. Am Set herrschte manchmal ein rauer Ton, doch der Umgang untereinander war immer herzlich und respektvoll. Ich fand es sehr schön und aufregend, mit den Nordmännern zu drehen und mit ihnen ein paar Runden durch ihre Stadt zu drehen.

Ist Jan Fedder die Seele der Reihe?

Er hat mich warm und offenherzig aufgenommen. Von seiner Rolle als Pastor, dem man sein Leid klagt und der alles wieder gut macht, hat er als Mensch auch selber etwas. Fedder erledigt alle Sachen auf eine sehr charmante Weise, strahlt viel Positives aus und ist megawitzig. Ich habe einen sehr glücklichen Sommer in Hamburg erlebt.

Hat es nicht die ganze Zeit über geregnet?

Nur wenn wir Außenaufnahmen hatten wie beim Showdown im Stadion des FC St. Pauli. Diese Aufnahmen haben mir am meisten abgefordert. Ich sitze bei Dauerregen und Kälte oben auf der Anzeigentafel, und wenn es gerade einmal nicht regnet, gießt man mir Wasser über den Kopf, damit die Anschlüsse stimmen. Ich habe zwar keine Höhenangst, fühle mich aber nicht wohl dabei, in großen Höhen herumzuturnen. Immerhin passten die Umstände ideal zur Szene: Wir spielten großes Drama!

Sie sprechen akzentfrei Deutsch.

Es hat mir schon immer großen Spaß gemacht, mit Sprache zu spielen. Ich beherrsche fünf Fremdsprachen, eine Reihe von Dialekten und habe einen großen Sammeldrang nach Sprachwissen. Zuletzt habe ich mir einen polnisch-deutschen Akzent zugelegt, weil ich in einer RTL-Sitcom eine polnische Altenpflegerin spiele. Sprache ist mein Hauptinstrument als Schauspielerin. Ich eigne mir eine Sprache an und schon bin ich ein komplett anderer Mensch.

Sie sind in Salzburg aufgewachsen. Ist die Gefahr hier besonders groß, am Theater zu landen?

Es war immer schon mein Wunsch, Schauspielerin zu werden. Die Salzburger Festspiele, der "Jedermann", es gibt viele prägende Theatererlebnisse in meiner Jugend. Trotzdem habe ich erst Publizistik studiert, bevor ich Schauspiel-, Sprech- und Gesangsunterricht genommen habe. Danach war ich drei Jahre am Burgtheater und sechs Monate am Volkstheater in Wien engagiert. Ich habe viel Theaterluft geschnuppert.

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