Fragen an Oliver Mommsen

Klemens (Oliver Mommsen, Mitte) geht K.O.
Klemens geht K.O. | Bild: ARD Degeto / Stefan Erhard

Was war Ihr erster Gedanke, nachdem Sie das Drehbuch gelesen haben, und warum haben Sie sich dafür entschieden, die Rolle des Klemens anzunehmen?

Ich hatte 2018 am Schillertheater schon das Riesenvergnügen, für die Rolle des Ever in dem Stück "Die Tanzstunde" in die Welt des Autismus-Spektrums eintauchen zu dürfen. Ich konnte auf dem aufbauen, was wir fürs Theater herausgefunden hatten, und noch tiefer versuchen in diese Welt einzusteigen.

Wie haben Sie sich auf die Rolle des Klemens vorbereitet und wo lagen die besonderen Herausforderungen dabei?

Menschen, die im "Spektrum" angesiedelt sind zu verstehen, ist, als würde man versuchen, das Universum zu begreifen. Es ist eine Welt, die wir mit unseren normalen Maßstäben nicht fassen können. Ich hatte schon viel tolle Fachliteratur gelesen, aber lustigerweise war diesmal ein Roman eine große Inspiration: "Die Entdeckung der Langsamkeit" von Sten Nadolny. Seine Hauptfigur ist unglaublich langsam in allem, was sie tut. In der Kindheit und in der Jugend ist es eine Qual für ihn, aber irgendwann entwickelt er daraus eine unglaubliche Qualität. Das, zusammen mit Erfahrungsberichten, war meine Eintrittskarte.

Klemens hat das Asperger-Syndrom und reagiert deswegen auf seine Mitmenschen manchmal sehr direkt und ungewöhnlich, was durchaus auch als Unhöflichkeit wahrgenommen werden könnte. Wie geht unsere Gesellschaft Ihrer Meinung nach mit Menschen um, die anders sind?

Unsere Gesellschaft hat große Berührungsängste mit allem, was nicht der Norm entspricht. Das macht den Menschen Angst. Aber es liegt so gut wie immer daran, dass sie etwas nicht kennen. Wenn man, wie in diesem Fall, wüsste, dass autistische Menschen die Welt völlig anders wahrnehmen als wir selbst, wäre man darauf vorbereitet und müsste sich nicht erschrecken.

Klemens schmeißt als alleinerziehender Vater den Haushalt, kümmert sich nebenbei um seinen Vater, der bei ihm lebt, und hat in seinem Institut für Meteorologie einen Vollzeitjob. Wie schafft er das?

Unser Buch basiert auf wahren Begebenheiten. Der Vater unseres Autors ist Autist und auch, wenn ich es mir selber kaum vorstellen kann, schaffen sie es, sich so mit der Welt zusammenzuraufen, dass sie darin leben können. Ich stelle mir das unfassbar anstrengend und erschöpfend vor. Alles, was wir mit links machen, sozusagen aus der Hüfte, ist für diese Menschen ein unvorstellbarer Kraftakt. Fast alles ist kontrolliert, geregelt, gefiltert, verarbeitet, geplant und durchgedacht. Ich wäre, glaube ich, einfach nur die ganze Zeit todmüde.

Im Film erhält Klemens ein einmaliges Jobangebot, das einen Umzug in die nördlichste Stadt der Welt erfordert. Klemens erwartet von seiner Familie, dass sie ihm quasi von heute auf morgen nach Spitzbergen folgt. Standen Sie im wirklichen Leben auch schon mal vor der Entscheidung, für einen Job mit der ganzen Familie den Wohnort zu wechseln, und wie würden Sie entscheiden?

Mein Beruf hat sich in unserem Leben schon immer sehr breit gemacht. Umgezogen sind wir deswegen nicht, aber ich habe an vielen besonderen Momenten, wie zum Beispiel Geburtstagen und Abschlüssen nur via Skype teilgenommen. Ich bin die Hälfte des Jahres unterwegs. Das Gute ist, dass wir alle mit diesem Leben groß geworden sind. So war es zwar manchmal echt traurig, aber wir kennen es nur so. Ich nenne uns immer die chaotische kleine Zirkusfamilie.

Sind Sie eher ein Stadtmensch oder könnten Sie sich auch ein Leben an einem abgelegenen Ort vorstellen? Es muss ja nicht gleich der nördliche Polarkreis sein …

So wie ich leben darf, ist es für mich perfekt. Die Basis, in einer großen, pulsierenden, verrückten, inspirierenden Stadt wie Berlin zu leben, und immer wieder raus, in völlig andere Umgebungen zu können. Mal in die Berge, mal an die Ostsee, mal nach Paderborn, Köln oder auf Tournee durch ganz Deutschland. Das schärft den Blick für das jeweils andere. Eine perfekte Mischung.

Was behalten Sie von den Dreharbeiten besonders in Erinnerung?

Unsren Regisseur Markus Herling. Selten habe ich so einen feinen Seismographen erlebt, der mit unglaublicher Behutsamkeit aus dem gesamten Team immer noch ein bisschen mehr herausgekitzelt hat. Er hat erreicht, dass alle mit Herzblut an dieser Geschichte gearbeitet haben. Abgesehen davon haben wir alle sowas von geschwitzt. Es war heiß letztes Jahr im Sommer, falls sich da noch jemand dran erinnern kann.

Was wünschen Sie sich, welche Botschaft die Zuschauer*innen aus dem Film mitnehmen?

Es gibt mehr, als wir uns vorstellen können. Viel, viel, viel, viel mehr. Lassen Sie uns mutig sein und über uns hinauswachsen.

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