Jan Martin Scharf (Buch und Regie) und Arne Nolting (Buch) im Gespräch

Die vier Männer müssen sich vor der Direktion rechtfertigen. V.l.n.r Mark Lanius (David Rott), Andreas (Tobias van Dieken), Gerd Frick (Peter Lohmeyer), Timo Savona (Tim Oliver Schultz), Direktorin Wemke (Martina Eitner-Acheampong)
Die vier Männer müssen sich vor der Direktion rechtfertigen. Von nun an müssen die Herren beweisen, dass sie in der Lage sind, auf ihre Kinder so aufzupassen, wie es deren Mütter tun würden. | Bild: WDR / Kai Schulz

»Es war eine konzeptionelle Grundüberlegung, alle männlichen Klischees weiblichen Figuren zu geben und umgekehrt.«

Bei "Väter allein zu Haus" greifen Sie wie beim "Club der roten Bänder" auf eine ausländische Vorlage zurück.

Arne Nolting (AN): Ja, das Vorbild ist in diesem Fall eine australische, horizontal erzählte Serie namens "House Husbands", die über fünf Staffeln ging, also eine komplett andere Struktur hat als unsere Filme. Wir haben uns an "House Husbands" orientiert, die Storys aber dramaturgisch komplett anders gebaut.

Was konnten Sie übernehmen?

Jan Martin Scharf (JMS): Die Figuren, die Figurenkonstellationen, vor allem die Freundschaft zwischen diesen doch sehr unterschiedlichen Vätern. Die Ereignisse und Abenteuer, die sie miteinander erleben, haben wir dann auf bislang drei Filme verdichtet, und wir haben vor allem Folgendes gemacht: Wir haben uns pro Film auf einen dieser Väter konzentriert und dessen Geschichte – und auch seine Beziehungsgeschichte – näher ausgeleuchtet. AN: Dadurch funktioniert jeder Film für sich allein. Ich empfehle wirklich, sich alle Filme in der Reihenfolge ihrer Ausstrahlung anzuschauen. Man kann aber auch hervorragend jeden Film einzeln genießen, ohne dass einem dabei eine für das Verständnis wesentliche Information fehlen würde.

Macht es das Leben des Drehbuchautors – und des Regisseurs – einfacher, wenn es eine Vorlage gibt, oder im Gegenteil komplizierter, weil man sich von ihr lösen muss?

AN: Erst einmal ist es natürlich gut, wenn es schon etwas gibt, das man zu schätzen weiß. Aber dann fangen halt auch schon die Schwierigkeiten an. Wir mussten uns diese Vorlage zu eigen machen, auch kulturell zu eigen machen, denn es handelt sich ja um eine australische Serie. Da ging es manchmal um Kleinigkeiten, aber auch die können sehr entscheidend sein. Als wir uns dann sicherer fühlten mit der eigenen Sicht auf das Ausgangsmaterial, konnten wir anfangen, damit freier zu spielen. Wir fingen an, eigene Dinge zu erfinden und zu entwickeln. JMS: Im Schreibprozess kann man auch gar nicht vermeiden, seine eigene Handschrift wirken zu lassen. Irgendwann war das Ausgangsmaterial dann eine Art Trampolin, das uns in den kreativen Prozess geschossen hat.

Sie erwähnten Kleinigkeiten, die Sie sich zu eigen machen mussten, also auf deutsche Verhältnisse übertragen mussten ...

AN: Ja, das fängt schon mal damit an, wo man das Ganze verortet. Wenn man die Geschichte nicht in einem australischen Vorort spielen lässt, wie es bei der Vorlage der Fall ist, sondern in Wuppertal, ergibt sich daraus schon mal eine komplett andere Anmutung. Natürlich unterscheidet sich auch der australische Schulalltag sehr vom deutschen, und weil wir uns ja auch im Schulkosmos bewegen, mussten wir an zahlreichen kleinen Stellen ziemlich viel machen und schrauben.

Inwieweit bot sich Wuppertal als Schauplatz der Filme an, Herr Scharf?

Die Geschichten haben so universell gültige menschliche Themen, dass es wichtig war, sie nicht zu urban, aber auch nicht zu ländlich-provinziell einzubetten. Wuppertal mit seinen grünen Hügeln einerseits, seinem schönen Altbaubestand und natürlich der einzigartigen Schwebebahn andererseits erschien uns da soziologisch und auch visuell als richtige Wahl.

Sie haben beide selbst Kinder. Hat das bei der Arbeit geholfen?

AN: Ja, der Kollege Scharf und ich haben zwar nicht direkt Dinge aus unseren eigenen Familien in die Filme eingebaut, aber wir wissen, wovon wir sprechen ...

Sie beide bilden schon ziemlich lange ein Team.

AN: Seit 20 Jahren tatsächlich. Die allermeisten Projekte machen wir zusammen. JMS: Ich drehe jedes Jahr einen Film – also gut, letztes Jahr diese zwei – , und den Rest des Jahres denken wir uns gemeinsam welche aus und schreiben sie auf.

Das scheint ja tadellos zu funktionieren ...

AN: Wir machen das jetzt schon so lange, dass wir das kaum noch in Frage stellen. Wir werfen kreativ die Bälle hin und her, sitzen viel zusammen und denken gemeinsam nach, bis wir uns geeinigt und sehr stark darauf fokussiert haben, wie wir die jeweilige Geschichte erzählen wollen. Bevor der eigentliche Schreibprozess anfängt, gibt es also erst einmal sehr viel Kommunikation.

Und wie geht’s beim Schreibprozess weiter?

JMS: Was der eine schreibt, wird vom anderen überarbeitet. Dieser Prozess dauert so lange, bis wir beide glücklich sind und das Gefühl haben, das können wir jetzt den anderen kreativen Partnern – Redaktion, Produktion, Regie – auf den Tisch legen.

Und Sie, Herr Nolting, können gewiss beruhigt loslassen, wenn der Regisseur kein anderer ist als Ihr Schreibpartner. Oder sind Sie beim Dreh auch noch mit an Bord?

Ich denke natürlich, der wird das schon gut machen, aber ich bin durch unsere langjährige Schreibpartnerschaft trotzdem involvierter, als wenn jemand anderes Regie führt.

Wie sieht das in der Praxis aus?

JMS: Es wird ja glücklicherweise allgemein immer mehr Praxis – in den USA ist es sowieso Usus – , dass die Autoren auch zu Casting und Schnittfragen konsultiert werden. Ich wäre ja dumm, wenn ich da meinen direkten Zugang zu Arne nicht nutzen würde. Am Set kann es aber nur einen Kapitän geben; der Autor ist ja durch sein Buch präsent.

Wenn es um das Verhältnis von Männern und Frauen geht, sind direkt zahlreiche Klischees zur Hand. Eine Gefahr?

AN: Unsere australischen Kollegen sind sehr charmant damit umgegangen, und wir hoffen natürlich, das ebenso zu tun. Wir schauen mit einem Augenzwinkern auf die Klischees und brechen sie, benutzen sie aber auch, um Humor zu erzeugen.

Das Spielen mit den Geschlechterrollen, wo hat es Ihnen besonders viel Spaß gemacht?

JMS: Es war eine konzeptionelle Grundüberlegung, alle männlichen Klischees weiblichen Figuren zu geben und umgekehrt. Wenn man das mit aller Konsequenz macht, dann ist das herrlich entlarvend. AN: Wir erzählen im zweiten Film ja, wie Mark – nachdem er sich lange Zeit ausschließlich um das Kind gekümmert hat – anfängt, halbtags zu arbeiten, und plötzlich zwischen Familie- und Berufsrolle hin- und hergerissen wird, während seine Frau ganz selbstverständlich seit Jahren Vollzeit als Ärztin arbeitet. Die Geschichte an sich hat man schon wahnsinnig oft gesehen. Aber da war es immer die Frau, die in den Beruf zurückkehrt, und der Mann, der die ganze Zeit gearbeitet hat. In unserer Geschichte sind die Rollen umgekehrt, und diesen Dreh finde ich ganz bestechend, weil dadurch viel Reibung und Interessantes, viel Lustiges und im besten Fall auch Wahrhaftiges entsteht und man automatisch über Männer- und Frauenbilder nachdenkt.

Wie wichtig war es für Sie, ein gesellschaftlich relevantes Thema zu verhandeln?

AN: Wir sind von den Figuren und der Grundkonstellation der Vorlage ausgegangen. Dadurch wird das Gesellschaftliche automatisch mitverhandelt. Uns war sehr wichtig, dass die Filme nicht didaktisch oder thesenartig wirken. Das galt es auf jeden Fall zu vermeiden.

Was bedeutete das für die Dreharbeiten?

JMS: Ich versuche immer, das Geschehen und die Figuren so glaubwürdig und echt wie möglich zu gestalten. Gleichzeitig leben filmische Erzählungen aber natürlich auch von Verdichtung, Dramatisierung, und insbesondere Komödien gewinnen ihren Witz manchmal auch durch Übertreibung – wenn man dabei nicht zu plump vorgeht. Es war eine Freude, das mit unseren tollen Darstellern auszuloten.

Es ist wohltuend, dass die vier Väter echte Menschen sind und nicht Repräsentanten jeweils eines bestimmten Vätertypus oder einer bestimmten These.

AN: Der Ausgangspunkt des Denkens über die Filme war schon, dass die vier Väterfiguren klar profiliert sind, dass sie sich klar voneinander unterscheiden und möglicherweise auch für etwas Bestimmtes stehen. Nichtsdestotrotz ging es natürlich vor allem darum, dass sie zu interessanten, ambivalenten und lebendigen Individuen werden. Da ist es gut, eine Vorlage zu haben, die mehr als 50 Folgen hat. Man hat dadurch einfach schon so wahnsinnig viel von diesen Figuren gesehen und weiß so viel über sie. Selbstverständlich hilft es auch, dass jede Figur einmal Hauptfigur ist: Dadurch waren wir gezwungen, uns sehr intensiv Gedanken über diese Figur zu machen, und das weit über ihre erzählerische Funktion hinaus. Und vor allem hatten wir dann sehr tolle Schauspieler, die das wunderbar getragen haben.

Herr Scharf, was hat Sie davon überzeugt, für die Väter beziehungsweise für die Paarkonstellationen die ideale Besetzung gefunden zu haben? Die Interaktion zwischen den Figuren wirkt ja unglaublich natürlich.

Erstmal freut mich dieser Eindruck. Darauf kam es mir an. Der Produzent Stephan Bechtle und ich haben sehr viel Zeit und Aufwand in die Besetzung gesteckt, wir haben intensive Rollengespräche geführt, und mit einigen der Spieler hatte ich schon zuvor gearbeitet und wusste, dass sie die richtige Energie für die Figur haben würden. De facto habe ich schon beim Schreiben an die eine oder den anderen gedacht und ihnen auch davon erzählt. Dass sie dann tatsächlich die für sie vom Autor vorgesehene Rolle übernommen haben, hat mich wahnsinnig gefreut.

Wann stand die Besetzungsliste eigentlich?

AN: Wir waren da schon ziemlich weit im Schreibprozess. In diesem Fall war es nun mal wichtig, erst einmal das Original aus dem Kopf herauszukriegen. Letztlich hat jeder Film einen extrem tollen Cast, und das kommt auch daher, dass jeder der vier Väter in einem Film die Hauptfigur ist. Wir haben also in jedem Film drei Nebenfiguren, die wie eine Hauptrolle besetzt sind.

David Rott und Peter Lohmeyer kamen beide auf den Humor der Filme zu sprechen und die Herausforderung einer subtilen, präzisen Komik. Wie sind Sie als Regisseur da drangegangen?

JMS: Es gibt ja den Grundsatz: Je ernster der Schauspieler spielt, desto komischer wird die Situation. Es war also wichtig, dass niemand "lustig" spielt. Der Zuschauer erkennt sonst die Absicht und ist verstimmt. Ferner haben wir uns – soweit möglich – Zeit für Proben genommen und dabei am Timing gewerkelt. Vor allem aber habe ich immer darauf vertraut, dass die Instinkte dieser tollen Spieler stimmen.

Eine letzte Frage noch: Haben Sie eigentlich einen, nun ja, "Lieblingsvater"?

AN: Würde ich jetzt einen nennen, wäre das extrem ungerecht den anderen dreien gegenüber. Außerdem verkörpert jeder von ihnen Aspekte des Vaterseins, die ich mag und schätze, und jeder von ihnen hat Macken und Fehler, die ich verstehe und verzeihe. Deshalb: Ich liebe sie natürlich alle. JMS: Absolut. Und ihre Frauen auch!

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