Beethoven als Musterbrecher, Grenzsprenger und Verdichter

Malte Boecker - Direktor und geschäftsführender Vorstand des Beethoven-Hauses

Das Talent von Louis van Beethoven (Colin Pütz) sorgt für Aufsehen in der Residenzstadt Bonn.
Das Talent von Louis van Beethoven sorgt für Aufsehen in der Residenzstadt Bonn. | Bild: ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media / Dusan Martincek

Wer schreibt, der bleibt? Es ist wohl nur die halbe Wahrheit. Ein Blick auf Beethovens Zeitgenossen, die zu Lebzeiten ebenfalls auf große Bewunderung stießen, wie beispielsweise Gaspare Spontini, Daniel Steibelt oder Joseph Woelfl, um nur einige zu nennen, zeigt die Unerbittlichkeit der Zeit, die alles verschlingt.

Shakespeares "tooth of time" ("Zahn der Zeit") bringt es auf den Punkt: Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen nur die Wenigsten. Beethoven zählt mit 200 Jahren kontinuierlicher Rezeption zu diesen ‚rare birds‘. Warum gerade er? Diese Frage stellte 1948 auch Leonard Bernstein in einem fiktiven Gespräch mit dem Dichter W.H. Auden in den Rocky Mountains. Die Überlegungen gipfeln in der Erkenntnis, dass Beethoven die unerklärliche Gabe besessen habe, zu wissen, welche Note notwendig auf die vorhergegangene folgen müsse. Für Beethoven sei der Trugschluss, eine Art musikalische Erwartungsenttäuschung charakteristisch, die erst irritiert, dann aber so überzeugt, dass man sich den Fortgang seiner Musik nicht mehr anders vorstellen wolle.

"Beethoven brach alle Regeln und schuf trotzdem Werke von atemberaubender Folgerichtigkeit. Folgerichtigkeit – das ist das Wort! Wenn man das Gefühl hat, dass jede Note, die einer anderen folgt, an dieser Stelle und in dem Zusammenhang die einzig richtige ist, dann hört man Beethoven." so Bernstein. Im kalkulierten Musterbruch, in der Abweichung von der Regel liegt eine der überragenden Qualitäten Beethovens.

Diese Betonung der Differenz werde zum Eigentlichen, sie sei sein Wasserzeichen oder musikalischer Fingerabdruck, umschrieb der Komponist Jörg Widmann dies kürzlich im Beethoven-Haus. Als Beispiel nannte Widmann u. a. die Dissonanz, mit der Beethoven in Takt 1 seine erste Symphonie eröffnet. Die Tonika als tonale Ordnung des Werkes werde durch die Betonung der Dissonanz im ersten Satz zur Ausnahme. Eine weitere Qualität liegt in seinem Drang, in allen musikalischen Gattungen weiter zu gehen als seine Zeitgenossen. Dieser vom Musikwissenschaftler Ulrich Konrad als "Überbietungsgestus" bezeichnete Drang deutet sich bereits in seinem ersten Werk mit Opuszahl an. Das Klaviertrio op. 1 Nr. 1 überragt mit seiner Viersätzigkeit schon der Länge nach alles, was sein Lehrer Joseph Haydn mit immerhin an die 45 Klaviertrios bis dahin geschaffen hatten. Je mehr Sätze, Instrumente, Dauer, desto besser, scheint es. Gesprengt wird jedenfalls alles, was als Grenze empfunden wird. Diese Haltung bestimmt den Komponisten ein Leben lang und gipfelt am Ende in der Einführung eines Chorfinales in die Gattung der Symphonie.

Es kommt einem so vor, als spiegele sich die neue Komplexität der sich emanzipierenden bürgerlichen Gesellschaft in der gewachsenen Komplexität seines musikalischen Materials. Neben die Erweiterung tritt als weitere Qualität die Konzentration. Sie findet in der Großen Fuge op. 133 ihren Höhepunkt. Beethoven packt hier alle Formprinzipien der Musik in ein einsätziges Werk, wie Emil Platen nachgewiesen hat. Mehr Verdichtung ist nicht möglich. Dieses Werk bleibt so rätselhaft und ist so gegenwärtig, dass wir es immer noch so hören, als wäre es das erste Mal.

Musterbrecher, Grenzsprenger und Verdichter. Viel davon ist bereits zu Beethovens Jugend in Bonn angelegt. Hier fand er im Umfeld der von Freimaurern und Illuminaten durchdrungenen Hofkapelle einen progressiven, republikanischen Geist, der Freiraum ließ, zu phantasieren und Musik und Gesellschaft radikal neu zu denken. Dieser junge Beethoven, der nach den Sternen griff, ist hinter dem alten, tauben Misanthropen, den die Nachwelt aus ihm gemacht hat, in Vergessenheit geraten. Heute, 250 Jahre nach seiner Geburt, ist es an der Zeit den Musterbrecher hinter dem Klassiker wieder freizulegen. Es ist an der Zeit, jenen von der Aufklärung und von den Utopien der französischen Revolution imprägnierten Neuerer wiederzuentdecken, der 1795 an seinen Bonner Freund Heinrich Struve in Russland schrieb: "du bist also jezt in dem Kalten Lande, wo die Menscheit noch so sehr unter ihrer Würde behandelt wird, ich weiß gewiß, daß dir da manches begegnen wird, was wider deine Denkungs-Art, dein Herz, und überhaupt wider dein ganzes Gefühl ist. wann wird auch der Zeitpunkt kommen wo es nur Menschen geben wird, wir werden wohl diesen Glücklichen Zeitpunkt nur an einigen Orten heran nahen sehen, aber allgemein – das werden wir nicht sehen, da werden wohl noch JahrHunderte vorübergehen."

1 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.