Interview mit Regisseur Dany Boon zu "Willkommen bei den Sch’tis"

Dany Boon
Dany Boon | Bild: dpa

Wie kamen Sie auf die Idee zu "Willkommen bei den Sch’tis"?

Die Idee zu "Willkommen bei den Sch’tis" hatte ich schon, bevor ich 2006 meinen ersten Film "La Maison du Bonheur" drehte. Aber ich wollte erst einmal sehen, ob ich das mit dem Filmemachen überhaupt kann, damit ich nicht am Ende eine Geschichte, die mir sehr viel bedeutet, in den Sand setze. Natürlich ist jede Geschichte wichtig, aber diese handelt von meiner Kindheit, der Region, aus der ich stamme, den Leuten dort. Das ist meine Familie! Sie zählen auf mich. Ausgangspunkt war das schlechte Bild, das diejenigen im Kopf mit sich herumtragen, die die Region gar nicht kennen. Die Franzosen haben eine sehr negative Sicht auf diese Gegend und denken immer nur an Armut, Verzweiflung und Arbeitslosigkeit, wenn sie Nord-Pas-de-Calais hören. Und gerade weil sie so eine verzerrte Sicht haben, bekam ich Lust, eine Komödie zu drehen, die die Menschen berührt und ihnen die Augen öffnet. Die Zuschauer sollten diese Region zusammen mit der Hauptfigur, die in den Norden kommt, kennenlernen, mit allem, was dazugehört: die ganze Sch’ti-Kultur, die Landschaft, die Mentalität der Leute, ihre Gastfreundschaft, ihren Gerechtigkeitssinn, ihre Großzügigkeit. Alles, was in folgendem Sprichwort zusammengefasst ist: "Ein Fremder, der in den Norden kommt, weint zweimal: wenn er ankommt und wenn er wieder fährt." Ich wusste, dass ich nur einen solchen Film über die Essenz dessen, was mich ausmacht, drehen würde. Von daher habe ich diesen Film auch für mich gemacht, und er ist mir sehr, sehr wichtig. Ein volkstümlicher Autorenfilm.

Wo lagen die Probleme beim Schreiben?

Das Schwierigste war, eine Komödie aus all dem zu machen. Darüber habe ich ein Jahr lang am meisten geschwitzt! Wenn ich in einer meiner Shows Figuren aus dieser Region darstelle, ist es einfacher, weil ich mich dann quasi selbst durch den Kakao ziehe. Ich überzeichne die Figuren, karikiere sie; das ist eine Konvention und die Leute lachen darüber. Im Kino ist das viel komplizierter, weil man eine ganze Welt für die Charaktere erschaffen muss, eine fiktive Realität, durch die sie sich bewegen und die unbedingt glaubwürdig wirken muss. Nun habe ich eine Hauptfigur in den Mittelpunkt meines Films gestellt, die eine geradezu apokalyptische Vorstellung vom Norden hat: Und das entspricht genau der Sichtweise der Menschen, denen ich in 15 Jahren Stand-up-Comedy begegnet bin, sobald ich irgendwo südlich von Paris war!

Hat Ihre Zusammenarbeit mit Francis Veber – Autor von Erfolgskomödien wie "Mein Vater, der Held" (1994) und "Ein Käfig voller Narren" (1978) – Ihre eigene Arbeit beeinflusst?

Das hat mir ganz sicher sehr viel gegeben. Wenn man mit einem Genie wie Francis Veber in Kontakt steht, kann man da sehr viel für sich selbst rausziehen. Ich habe den gleichen Anspruch wie er. Aus diesem Grund hat Kad mich bei den Dreharbeiten immer "Dany Veber" genannt!

Haben Sie selbst nicht die Hauptrolle übernommen, damit Sie sich besser auf die Regie konzentrieren konnten? Und wäre es für Sie auch in Frage gekommen, "nur" Regie zu führen?

Oh, nein, ich wollte dabei sein! Aber auch wenn meine Figur, Antoine Bailleul, einen Namen trägt, der in meiner Familie vorkommt, habe ich beim Schreiben überhaupt nicht darüber nachgedacht, welcher Schauspieler welche Rolle spielen könnte. […] Es waren eher die Produzenten, denen es Sorge bereitet hat, dass ich nicht die Hauptrolle spielte. Sie meinten: "Deine Figur tritt ja erst auf Seite 15 zum ersten Mal auf. Das ist aber spät. Willst du nicht lieber die andere Rolle spielen?" Und ich hab geantwortet: "Nein, ich muss den Sch’ti spielen. Ich kann nicht der Typ sein, der aus dem Süden kommt, das ist unmöglich." Und die Szenen am Anfang sind wichtig, um die Situation zu etablieren und zu zeigen, was die Leute dort über den Norden denken.

Wie sind Sie auf Kad Merad gekommen?

Anfangs hatte ich überhaupt nicht an ihn gedacht. Es gab viele Darsteller, die diese Rolle hätten spielen können. Wir haben eine Liste angelegt, und irgendwann hat Richard Pezet von Pathé dann Kad vorgeschlagen. Und ich habe gesagt: "Ja, natürlich!" Ich mag ihn sehr. […] Kurz und gut, Richard gab ihm das Drehbuch zu lesen, und am nächsten Tag, als er es sich angesehen hatte, rief Kad mich an, um mir zu sagen: "Das ist eine großartige Geschichte, sie ist witzig, ganz toll." Was mich natürlich sehr gefreut hat. Wir haben über die Rolle diskutiert und darüber, wie ich mir den Film vorstellte, und dann ging’s auch schon los. Kad hat sich diese Figur ganz wunderbar angeeignet, sie mit viel menschlicher Wärme und Tiefe ausgestattet. […] Ich bin überaus zufrieden mit seiner Arbeit. Kad ist ein wirklich feinfühliger Mensch. Er ist sehr schamhaft und versteckt seine Gefühle sehr geschickt. Dennoch war er am letzten Drehtag äußerst bewegt. Und am Ende lagen wir uns beide weinend in den Armen. Wir haben diesen Sinnspruch quasi gelebt, dass man, wenn man in den Norden kommt, zweimal weint, bei der Ankunft und bei der Abreise. Am Ende dieses Abenteuers haben wir alle geweint!

Wie liefen die Dreharbeiten in Ihrer Region dann ab?

Was soll ich sagen? Wenn ich durch Lille spaziere und dabei nicht meine Kappe trage, brauche ich eine halbe Stunde für einen einzigen Block. Bei den Dreharbeiten in Bergues gab es also riesige Menschenaufläufe. Aber diese Leute aus dem Norden waren absolut fantastisch. Wenn dort Aberhunderte Leute zusammenstanden, um bei den Dreharbeiten zuzusehen, herrschte, wenn wir um Ruhe gebeten haben, auch wirklich Ruhe. So etwas ist wirklich selten. Andererseits habe ich jeden Abend nach dem Dreh mehr als eine Stunde damit verbracht, Autogramme zu geben. Aber es war toll. Und ich sage immer Ja, wenn Leute meine Zeit in Anspruch nehmen, weil ich finde, dass das einfach zu meinem Beruf gehört. Man macht diesen Job schließlich für die Leute und dank dieser Leute. Ohne Publikum sind wir gar nichts. Dann sitzen wir zu Hause, allein.

Gab es, als "Willkommen bei den Sch’tis" fertig war, Aspekte daran, mit denen Sie so nicht gerechnet hatten?

Nein, schließlich hab ich diesen Film geschrieben, gedreht und geschnitten. Ich habe wesentlich zum Entstehen des Ganzen beigetragen und hatte so nie die Chance, ihn unvoreingenommen zu sehen. Das Einzige, womit ich nicht gerechnet hatte, war, wie sehr die Leute bei den Testvorführungen gelacht haben, und die emotionale Wucht, die das Ende des Films entwickelt. Als ich sah, wie die Leute lachten, hat mich der Film umgeworfen, aber erst durch die Reaktion des Publikums. Das ist so, wie wenn meine Mutter zu meinen Shows kommt – sie lacht nicht, wenn sie mich sieht, sie lacht, wenn sie das lachende Publikum sieht. Als ich sah, wie das Publikum über "Willkommen bei den Sch’tis" lachte, dachte ich: "Wow, mein Film ist lustig." Und am Ende war ich sehr gerührt. Es hat mich enorm glücklich gemacht, stellvertretend für alle, die mit mir an diesem Film gearbeitet haben, für meine Heimatregion und für mich selbst. Ich habe den Film gemacht, den ich machen wollte, unabhängig davon, ob er ein Erfolg oder ein Misserfolg wird – okay, ein Erfolg war mir natürlich lieber. Ich freue mich sehr. Es ist ein Film geworden, der die Menschen berührt, und ich hoffe, dass er dauerhaft einen positiveren Eindruck von meiner Heimat, der Region Nord-Pas-de-Calais, schafft und hinterlässt.

Überrascht es Sie, dass das Ausland großes Interesse an Ihrem Film zeigt?

Nein, überhaupt nicht. Die Themen Entwurzelung und Aufeinanderprall der Kulturen sind, glaube ich, universell.

(Quelle: Interview aus dem Presseheft des Verleihs zum Kinostart 2008)

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