Vorwort von Dr. Barbara Buhl

"Doch auch rund 65 Jahre danach ist das Thema Gleichberechtigung längst nicht abgeschlossen."

Barbara Buhl (Leiterin PG Fernsehfilm und Kino)
Barbara Buhl (Leiterin PG Fernsehfilm und Kino) | Bild: WDR / Annika Fußwinkel

Aus einer bewegten und bewegenden Zeit im Nachkriegsdeutschland erzählt unser Film "Sternstunde ihres Lebens". Wir erleben ein wichtiges Stück deutscher Geschichte, das bis heute hochaktuell ist.

Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verkündet. Fast exakt 65 Jahre später erzählen wir mit diesem Film ein bisher unverfilmtes und wenig bekanntes Stück Zeitgeschichte und erinnern daran, wie eingeschränkt die Rechte der Frauen noch zu Zeiten unserer Mütter oder Großmütter waren. Der Abgeordneten und Juristin Elisabeth Selbert ist es zu verdanken, dass der Artikel 3 Absatz 2 "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen wurde.

Elisabeth Selbert (Iris Berben) kämpft unermüdlich für die juristische Gleichstellung von Mann und Frau. Sie erlebt dabei massive Widerstände, selbst von ihren weiblichen Kolleginnen im Parlamentarischen Rat.
Auch ihre Sekretärin Irma (Anna Maria Mühe) ist zunächst skeptisch; sie versteht nicht, warum ihre Chefin Selbert dieses Ziel unbedingt durchzusetzen versucht. Erst im Verlauf der Geschichte bekommt Irma die Ungerechtigkeit der Ungleichheit am eigenen Leibe zu spüren. Diese Erfahrung gibt ihrem eigenen Leben eine neue Richtung. Sie beschließt, sich für etwas einzusetzen und sich etwas zu trauen. Irma lernt, was es bedeuten kann, wie Elisabeth Selbert uneigennützig – einfach aus tiefster Überzeugung – etwas zu bewegen: Den Frauen in Deutschland endlich zu einer eigenen Stimme und zur Selbstbestimmung über ihr Leben zu verhelfen. Auf sehr emotionale und spannende Weise erfahren wir von einer zutiefst beeindruckenden, visionären Frau, die bis heute öffentlich kaum bekannt ist.

Nach langen Monaten mühevollen Ringens um Zustimmung im Parlament erlebt Elisabeth Selbert letztendlich einen grandiosen Triumph, als ihr Antrag angenommen wird. Sie nannte dies rückblickend als die 'Sternstunde ihres Lebens'. Für die Gleichberechtigung der Frauen in Deutschland kann man ihren Sieg durchaus auch als eine Sternstunde bezeichnen.

Heute erscheint uns die gesetzlich garantierte Gleichberechtigung von Männern und Frauen selbstverständlich. Noch bis 1958 konnte ein Ehemann das Dienstverhältnis seiner Frau fristlos kündigen, Frauen durften nur ihren Führerschein machen, wenn ihr Mann oder ihr Vater die Erlaubnis dazu erteilte. Erst 1977 durften Frauen ohne das Einverständnis des Ehemanns einen Beruf ausüben.

Doch auch rund 65 Jahre danach ist das Thema Gleichberechtigung längst nicht abgeschlossen. Heute, im Jahr 2014, verdienen Frauen im Schnitt rund 22 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen! Und eine Quote von 30 Prozent Frauen in Führungsetagen und Aufsichtsräten durchzusetzen kommt in der aktuellen Diskussion geradezu einer Revolution gleich ...

Dr. Barbara Buhl, Leiterin WDR Fernsehfilm und Kino