Vorwort von Volker Herres

"'Sternstunde ihres Lebens' stellt eine mutige, entschlossene und kämpferische Demokratin in den Mittelpunkt."

Volker Herres
Volker Herres, Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens | Bild: ARD/WDR / Herby Sachs

"Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Dieser Satz des Artikel 3, Absatz 2 unseres Grundgesetzes von 1949 war eine Revolution im wahrsten Sinn: eine Umwälzung der bestehenden politischen wie gesellschaftlichen Verhältnisse. Zwar stand in der Weimarer Verfassung bereits "Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten" – mit den Ausnahmen zur "Pflicht der Haushaltsführung" für Frauen und des "Entscheidungsrechts des Mannes". Im Nachkriegsdeutschland, als noch fein säuberlich zwischen "Fräulein" und "Frau" unterschieden wurde, arbeiteten Frauen in Fabriken, in technischen Berufen, bauten das Land wieder auf, ohne arbeits- und zivilrechtlich den Männern vollständig gleichgestellt zu sein. Aber so, wie es war, genügte es vielen als Status Quo. Der Juristin Dr. Elisabeth Selbert nicht. Als eine der vier Mütter des Grundgesetzes brachte sie ihre jahrelange Erfahrung als Familienrechtlerin ein. Sie wusste nur zu gut, dass Frauen im Alltag, im Fall einer Scheidung, der Geschäftsfähigkeit, der Arbeitsverträge nicht gleichberechtigt waren und dass es für die Durchsetzung einer wirklichen Gleichstellung eines „imperativen Auftrags an den Gesetzgeber“ bedarf. Für dieses Ziel hat sie hartnäckig und mit juristischer Schlagkraft gekämpft.

Wie macht man aus einem Paragrafen einen spannenden Film? Und wie erzählt man von dem noch nicht so fernen Kampf um ein Grundrecht, das uns heute selbstverständlich erscheint?

"Sternstunde ihres Lebens" ist es gelungen, eben diesen Kampf in eine spannende Handlung und eindrückliche Bilder umzusetzen. Iris Berben verkörpert Dr. Elisabeth Selbert auf sehr sensible Weise: Gerade durch ihre zurückgenommene, beherrschte Haltung veranschaulicht sie, wie schwer der Weg durch die Instanzen war und wie viel Mühe es kostete, selbst Weggefährtinnen davon zu überzeugen. Mit welcher weiblichen Selbstwahrnehmung Elisabeth Selbert sich auseinandersetzten musste, zeigt die Figur ihrer Sekretärin Irma Lankwitz – ausdrucksstark gespielt von Anna Maria Mühe. Sie ist eine naive, junge Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht als Geborgenheit und eine Familie. Von Gleichberechtigung und der damit einhergehenden Verantwortung hält sie zunächst nicht viel. Im Verhältnis dieser beiden Frauen zueinander entfaltet sich die Geschichte des Films.

Dass Frauen für diesen Film nicht nur vor der Kamera, sondern auch dahinter verantwortlich zeichnen, versteht sich fast von selbst. Vom Drehbuch über Kamera, Licht, Casting, Regie bis zur Produzentin und den Redakteurinnen. Aber "Sternstunde ihres Lebens" ist alles andere als ein Frauenfilm. Er stellt eine mutige, entschlossene und kämpferische Demokratin in den Mittelpunkt und zeigt einmal mehr, dass der Weg zu Veränderungen immer über das Engagement des Einzelnen führt.

Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen