Interview mit Alli Neumann

Der Münchner Polizeibeamten Koch (Martin Feifel) verdächtigt Sängerin Carla (Alli Neumann).
Der Münchner Polizeibeamten Koch verdächtigt Sängerin Carla. | Bild: ARD Degeto/REAL FILM/AMALIA Film / Bernd Schuller

Sie bereichern diesen Film nicht nur als Schauspielerin, sondern sind auch Komponistin, Texterin und Interpretin der drei zentralen Songs. Wie kam es dazu?

Ich wurde für den Film als Schauspielerin und Sängerin angefragt und habe mich direkt in das Drehbuch und die Band verliebt. Beim Casting habe ich sofort gefragt, ob es schon einen Komponisten für die Lieder gibt. Ich wollte unbedingt diese Lieder schreiben, da ich auf meiner Tour den Funktrack 'Hey, wir fahr‘n mit dem Zug' der ostdeutschen Musikerin Veronika Fischer gespielt hatte. Ich dachte, das sei ein Zeichen!

Die Texte der Songs haben eine große Nähe zur Filmhandlung, sind aber trotzdem eigenständig. Wie haben Sie sich der Stimmung des Films angenähert?

Ich habe angefangen, als Carla Engel ein Tagebuch zu schreiben, um mich in ihre Welt reinzudenken. 'Wenn du gehst' erzählt die Geschichte von Carla und Sascha. Eine Liebesgeschichte und eine Geschichte der Trennung von Ost- und Westdeutschland. 'Fühlst du dich frei' ist inspiriert von Carlas und Saschas Streben nach Freiheit, raus aus der politischen Zensur ihrer Kunst und ihrer Identität. Als ich für den Film geschrieben habe, habe ich mich aus alten Konstrukten gelöst, um die ultimative kreative Freiheit zu haben. Auch Carla entscheidet sich, einen finanziell sicher scheinenden Hafen zu verlassen – für ihre Kunst. Der Song erzählt irgendwie meine und Carlas Geschichte und die der Band. 'Seltsame Welt' orientiert sich an einer Form von Protestlied, wie es in vielen kommunistischen Ländern beliebt war. Protestlieder, die die Schwere und den Schmerz auf der Welt anklagen, ohne aber ein konkretes politisches Thema anzusprechen, jedoch das daraus resultierende Leid.

Das sind klare Botschaften ...

Im Kontext des Films scheinen die Aussagen und die politische Ebene der Lieder vielleicht klar. Mein Ziel war es, die politische Ebene so gut in Doppeldeutigkeiten zu verstecken, dass die SED die Lieder vielleicht sogar bei Amiga gepresst hätte

Moderne Lieder, aber passend für die 60er Jahre – war das die größte Herausforderung beim Schreiben der Songs?

Die größte Herausforderung war wohl, die Texte zeitlos zu schreiben, vor allem sprachhistorisch. Ich habe zum Beispiel zu Beginn das Wort "Schickeria" genutzt. Ein Wort, das sich aber erst ein Jahrzehnt nach dem Mauerbau etablierte. Ansonsten war das Songwriting manchmal sogar einfacher als normalerweise. Ich wusste irgendwie besser, was Carla will, als dass ich weiß, was ich will. Ich habe natürlich auch für dieses Projekt mit Freunden gearbeitet: Mit Jonathan Kluth habe ich die Musik geschrieben und aufgenommen. Max Richard Lehmann hat mir bei zwei Texten geholfen. Es fühlte sich an, als sei Carla Engel ein Alter Ego von mir, das jetzt eine EP released mit Jeff Wilbusch.

Die anderen "Bandmitglieder" sind ja ausschließlich Schauspieler. Wie klappte das Zusammenspiel?

Es gab oft in meinem Hotelzimmer so eine Art Band-Coaching. Nachts, so leise es halt geht. Jeder hat mit Herzblut performed, als würde es um alles gehen. Ich musste eher schauen, dass wir musikalisch zumindest in einer, mit der Originaltonart verschwägerten Tonart greifen, damit man nicht sieht, dass alle nur so tun, als würden sie spielen. Am Ende lief es super und ich habe gelernt: Eine gute Performance verträgt auch ein paar Töne aus dem All.

Zu den Songs

"Fühlst du dich frei" und "Seltsame Welt"
Musik: Alli Neumann und Jonathan Kluth
Text: Alli Neumann und Max Richard Leßmann
Interpretin: Alli Neumann

"Wenn du gehst"
Musik: Alli Neumann und Jonathan Kluth
Text: Alli Neumann
Interpretin: Alli Neumann