Interview mit Ed Herzog (Regie), Sibylle Stellbrink und Henning Kamm (Produktion) und Carolin Haasis (Redaktion)

Weiterfahren oder aussteigen: Vor dieser schicksalhaften Entscheidung stehen Zugreisende nach Ost-Berlin am Tag
Weiterfahren oder aussteigen: Vor dieser schicksalhaften Entscheidung stehen Zugreisende nach Ost-Berlin am Tag | Bild: ARD Degeto/REAL FILM/AMALIA Film / Bernd Schuller

Wann entstand die Idee, einen Film zum 60. Jahrestag des Mauerbaus zu machen und wie lange war die Vorbereitung?

Henning Kamm: Die Idee stammt von Stephan Lamby, der zum Jahrestag des Mauerbaus mit seiner Firma Eco Media an einem Thementag im Ersten gearbeitet hat. Da unsere Firmen verschwistert sind, kamen wir frühzeitig ins Gespräch. Das war im Sommer 2018. Es dauerte dann ein gutes Jahr, bis wir den richtigen Erzählansatz gefunden haben.

Im Gegensatz zu den meisten Filmen wird der Bau der Mauer nicht in Berlin, sondern auf Schienen erzählt, die vom Westen in den Osten führen. Wie sind Sie auf diese Geschichte gestoßen?

Sibylle Stellbrink: Wir haben lange nach einem Ansatz gesucht, der ungewöhnlich ist. Der Fokus sollte nicht auf Berlin liegen, sondern auch auf anderen Grenzregionen, die ebenso vom Mauerbau betroffen waren. Schließlich hatten wir das Glück, auf Robert Krause zu stoßen, der mit der wahren Geschichte seiner Großeltern einen wunderbaren Impuls setzte.

Was war Ihnen bei der Wahl der Perspektive wichtig, aus der die Geschichte erzählt werden sollte?

Stellbrink: ... die Fahrt von West nach Ost und der Zeitdruck, unter dem all die Menschen im Zug stehen, eine der wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens zu treffen. Wir wollten die Dringlichkeit dieser Situation und emotionale Not der betroffenen Menschen unmittelbar spürbar machen – die gesamte politische Befindlichkeit eines zerrissenen Landes spitzt sich in einem Mikrokosmos auf Schienen zu.

Wie wichtig war Ihnen das Verhältnis zwischen der Ost- und der West-Sichtweise?

Carolin Haasis: Dieses Verhältnis ist essenziell. Am besten zeigt sich das innerhalb der kleinen Familie. Man muss beide Sichtweisen der Eheleute verstehen, um ihre Entscheidung am Ende nachvollziehen zu können. Wir haben es den Figuren nicht einfach gemacht, der Situation gerecht zu werden.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Regisseur Ed Herzog?

Haasis: Ed Herzog hat uns mit seiner klaren Vision und Begeisterung für die Geschichte sofort überzeugt.

Stellbrink: Neben seinem starken Interesse an der Zeit und den Umständen überzeugte uns sein Wille, Geschichte möglichst modern zu erzählen und gleichzeitig den Ereignis-sen und Schicksalen gerecht zu werden. Das spiegelt sich vor allem in seinem Ansatz im Hinblick auf die Musik: Ed wollte authentische Musik der Zeit kreieren, die gleichzeitig so frisch ist, dass man sie genauso gut heute gerne hören würde und auch das junge Publikum anspricht. Seine Idee, Alli Neumann für diese Rolle zu casten, die auch die drei Songs geschrieben hat, traf bei uns sofort einen Nerv.

Ensemblefilme sind immer eine besondere Herausforderung für die Regie. Sie haben sie angenommen. Mit welchem Konzept?

Ed Herzog: Die Homogenität des Ensembles war sehr wichtig; alle sollten gleichbedeutend sein und gut zusammenpassen; keiner sollte herausstechen. Ich habe mir massenhaft Fotos aus der damaligen Zeit angesehen. Es gab sehr viele Erwachsene, bei denen die Kriegszeit Spuren hinterlassen hatte, die älter aussahen, als sie tatsächlich waren. Bei den jungen Menschen dagegen war in vielen Fotos eine ungeheure Aufbruchstimmung zu spüren – in Ost und West. Nach solchen unterschiedlichen Typen haben wir gesucht.

Haasis: Wir haben uns früh auf dieses Konzept verständigt und nach Darstellern gesucht, die auf die eine oder andere Weise einen persönlichen Bezug zu dieser Geschichte haben

Was waren für Sie die ungewöhnlichsten, am wenigsten erwartbaren Herausforderungen bei diesem Projekt?

Herzog: Es war klar, dass das Drehen in einem fahrenden historischen Zug eine Herausforderung darstellen würde. Dazu kamen noch vier historische Bahnhöfe – München, Nürnberg, Bamberg, Ludwigsstadt –, die heute natürlich völlig anders aussehen als 1961. Unerwartet komplex war die Frage der exakten Reihung und Ausrichtung der Waggons, da man so einen Waggon nicht eben mal umdrehen kann, ohne ihn mehrere Kilometer zu bewegen.

Ein großer Teil der Filmmusik ist Livemusik. Wie kam es dazu?

Herzog: Ich fand von Anfang an toll, dass es im Drehbuch eine Band gab, die im Zug Musik macht. Wir waren uns einig, dass wir eine zeitlose Musik wollten, die sich nicht retro anhört. 1961 war musikalisch eine Zwischenzeit. Die Hochphase des Rock’n Roll war vorbei, Beat kam erst Mitte der 60er Jahre auf. Die Hitparade wurde von seichtem Schlager dominiert. Das wollten wir auf keinen Fall! Die Darsteller der Band wurden tatsächlich auch nach ihren musikalischen Fähigkeiten gecastet.

Für Dreharbeiten werden natürlich keine Bahnstecken gesperrt. Wie konnten Sie trotzdem die ganze Zeit in einem fahrenden Zug drehen?

Ed Herzog: ... durch Zauberei!

Kamm: Neben der von Ed zitierten Zauberei gehörte auch viel technisches Know How dazu, das wir uns erst erarbeiten mussten: Stichwort Virtual Production. Dank unseres Koproduzenten der Amalia Film und dem FFF haben wir in Neuenmarkt/Bayern die perfekte Location gefunden. Das dort ansässige Deutsche Dampflokomotiv-Museum hat uns seine Gleishalle zur Verfügung gestellt, wo wir drei Waggons hineinfahren konnten, um die zwei riesige LED-Wände gebaut wurden: jeweils 5 Meter hoch und 20 Meter breit. Auf diesen LED-Wänden wurde beim Dreh die vorbeiziehende Landschaft in Form sogenannter Plates abgespielt, die wir im Vorfeld ultrahochaufgelöst gedreht haben. Der Effekt war frappierend! Beim Betreten der Waggons stellte sich sofort der Eindruck der Fahrt ein, ohne dass der Körper aber die Bewegung verspürte. Das Gefühl verwirrt zunächst, weicht dann aber schnell einer Faszination für die Technik.

Wo haben Sie diese beeindruckende Dampflok gefunden?

Kamm: Zum Glück gibt es in Deutschland viele Enthusiasten, die ihre ganze verfügbare Zeit in den Erhalt und Betrieb dieser faszinierenden Maschinen stecken. In unserem Fall war es eine Firma aus Potsdam, die sich neben ihrem eigentlichen Geschäftsfeld der Bahnlogistik auch alten Dampfloks verschrieben hat. Das erste Mal Dampflokfahren vergisst man nicht! Es fühlt sich an wie ein Ungetüm aus Stahl, das mit viel Fingerspitzengefühl und Muskelkraft zum Leben erweckt und gebändigt werden muss.