Interview mit Christine Strobl (ARD-Programmdirektorin), Christoph Pellander (Redaktionsleiter ARD Degeto) und Michael Lehmann (Geschäftsführer Studio Hamburg Production Group)

Gerd (Jan Krauter) will im Westen bleiben.
Gerd will im Westen bleiben. | Bild: ARD Degeto/REAL FILM/AMALIA Film / Bernd Schuller

Frau Strobl, Sie reisen viel und gerne mit der Bahn. Gut 4 Stunden braucht der schnellste ICE heute von München nach Berlin-Hauptbahnhof. Macht der Filmtitel Sie nicht stutzig?

Christine Strobl: Wenn mit dem Filmtitel die Fahrzeit von München nach Berlin gemeint wäre, würde ich tatsächlich widersprechen. Aber die dreieinhalb Stunden beziehen sich auf die Zeitspanne, die die Reisenden in unserem Film von der Information über den Mauerbau bis zum Erreichen der innerdeutschen Grenze zur Verfügung haben. In dieser Zeit müssen sie sich entscheiden: Fahre ich weiter in die abgeriegelte Stadt oder steige ich vorher aus?

Herr Pellander, der ARD Degeto werden mehr als tausend Filmstoffe im Jahr angeboten, was macht diesen so interessant?

Christoph Pellander: In diesem Jahr jährt sich am 13. August der Jahrestag des Mauer-baus zum 60. Mal. Als Michael Lehmann und Henning Kamm mit diesem originellen Projekt auf uns zukamen, begeisterte uns schnell die Idee, aber auch der persönliche Zugang des Autors Robert Krause, dessen Großeltern im August 1961 in genau so einem Zug saßen. Die Verdichtung unterschiedlichster menschlicher Schicksale auf einen so engen, begrenzten Raum wie im Zug, die Dramatik der Entscheidungsfindung in einer derart kurzen Zeitspanne – das überzeugte uns als Redaktion sofort und versprach einen bestechenden Filmstoff. Wir freuen uns sehr, dass wir als ARD Degeto diesen außergewöhnlichen fiktionalen Beitrag zum Themenabend des Ersten und im Vorfeld der Ausstrahlung bereits in der ARD Mediathek präsentieren können.

Frau Strobl, warum ist der ARD 60 Jahre Mauerbau ein Themenabend im Ersten wert?

Strobl: Der Mauerbau ist sicher ein einmaliges und absolut einschneidendes historisches Ereignis, das nicht in Vergessenheit geraten darf. Als Walter Ulbricht noch im Juni ’61 formulierte 'Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten' hätte sich sicher niemand vorstellen können, dass tatsächlich kurz danach eine ganze Bevölkerung einfach eingemauert wird. Deutschland wurde dadurch für 28 Jahre geteilt, Familien getrennt, Beziehungen auseinandergerissen, Freiheiten massiv beschränkt, und Menschen sind bei dem Versuch, diese Mauer zu überwinden, gestorben. Es sind viele, viele Schicksale damit verbunden. Das erzählt der Film sehr eindringlich. In Kombination mit der anschließenden Dokumentation 'Wir Kinder der Mauer' setzen wir so in der ARD einen Schwerpunkt gegen das Vergessen und erinnern damit auch an die vielen Schicksale, die unter dem Mauerbau gelitten haben und vielfach noch heute leiden.

Herr Lehmann, der Film spielt durchgängig in einem Zug, der von West- nach Ostdeutschland fährt – ist das auch die Perspektive des Films?

Michael Lehmann: Wir wollten von Anfang an einen Film machen, der die Historie des Mauerbaus aus einem völlig anderen Blickwinkel betrachtet als bisher üblich. Uns ging es um die gesamtdeutsche Perspektive und die Auswirkungen des historischen Ereignisses des Mauerbaus für die Menschen in Ost und West. Denn der Mauerbau betraf ja eben nicht nur die Menschen im Osten, sondern war ebenso für die Menschen im Westen ein massiver Einschnitt – dessen Auswirkungen bis heute nachklingen.

Gibt es denn zur Handlung im Interzonenzug eine historische Begebenheit?

Lehmann: Der Film basiert teilweise auf wahren Begebenheiten. Diesen Zug gab es wirklich. Die Passagiere standen von einer Sekunde auf die andere vor der Entscheidung, ob sie die Zugfahrt am letzten bundesdeutschen Bahnhof vor der innerdeutschen Grenze beenden oder aber die allerletzte Chance ergreifen, im Westen zu bleiben. In Wirklichkeit aber ist der Zug von Bremen über Ost-Berlin nach Dresden gefahren. Die Großeltern unseres Autors Robert Krause saßen in einem der Abteile und mussten die existentielle Entscheidung treffen: Verlasse ich meine Heimat oder fahre ich zurück?

Herr Pellander, welche Funktion hat die Musik im Film?

Pellander: Es war uns von Beginn an ein zentrales Anliegen, bei diesem wichtigen Thema einen Brückenschlag ins Heute und zur jüngeren Generation zu wagen. Wir erzählen in '3 ½ Stunden' zwar von einem im wahrsten Sinne des Wortes einschneidenden historischen Ereignis, doch wir wollen mit dem Film nicht nur diejenigen ansprechen, die den Mauerbau selbst miterlebt haben oder während der Teilung großgeworden sind, sondern auch die Jüngeren, die die Trennung der beiden Länder gar nicht mehr im Bewusstsein haben. Dabei kommt der Musik eine wichtige Funktion zu: Im Film werden drei Songs präsentiert, die von Alli Neumann gemeinsam mit Jonathan Kluth geschrieben wurden und die sie im Film mit Jeff Wilbusch und ihren Schauspielkollegen performed. Die Songs sind einerseits heutig-modern und entsprechen auch dem Look eines aktuellen Musikclips; andererseits sind sie zeitlos, sowohl musikalisch als auch im Text. Gerade ein Stück wie 'Fühlst du dich frei' hat absolutes Ohrwurmpotential und wirft einen frischen, frechen Blick auf einen dramatischen Teil der deutsch-deutschen Geschichte. Wir sind sicher, dass der Film vor allem in der ARD Mediathek das jüngere Publikum erreichen wird und stellen daher den Film bereits 48 Stunden vor der linearen Ausstrahlung online first. Ich bin aber auch überzeugt davon, dass '3 ½ Stunden' den Weg in den Geschichtsunterricht an den Schulen schaffen wird.

Welche persönliche Geschichte verbinden Sie oder verbindet Ihre Familie mit der Mauer bzw. der damals sogenannten Zonengrenze?

Lehmann: Meine Mutter war am 13. August 1961 in West-Berlin und ist trotz der Möglichkeit, da zu bleiben, nach Rostock zurückgekehrt – ansonsten wäre auch mein Leben vermutlich ganz anders verlaufen ...