"Ich war plötzlich Einzelkind"

Interview mit Ibo Mayer, die beim Amoklauf von Winnenden ihre Schwester verlor

Ibo Mayer
Ibo Mayer | Bild: privat

DasErste.de: Frau Mayer, wenn Sie heute an Ihre Schwester Nina denken, welches Bild haben Sie spontan vor Augen?

Ibo Mayer: Das erste Bild, das ich mit ihr assoziiere, ist mit einem Lächeln im Gesicht. Sie war sehr lebensfroh und lustig. Ein glücklicher, heiterer, positiver Mensch. Es weckt grundsätzlich sehr schöne Erinnerungen, wenn ich an sie denke.

Gelingt es Ihnen, schmerzhafte Gedanken dabei auszublenden?

Es gelingt mir inzwischen sehr gut. Ich habe ja siebeneinhalb Jahre geübt. Ich denke lieber an das Wesen meiner Schwester und an sie selbst, als an die grausamen Gefühle, die der Amoklauf mit sich gebracht hat.

Wie haben Sie den Amoklauf am 11. März 2009 erlebt?

Ich habe im Matheunterricht am Gymnasium in Backnang davon erfahren. Daraufhin habe ich versucht, meine Schwester zu erreichen, per SMS und Telefon. Darauf hat sie nicht reagiert, was mich beunruhigt hat. Mit meiner Mutter habe ich ausgemacht, dass wir zum Unterrichtsende nach Winnenden fahren. An einer Halle haben wir dann davon Kenntnis bekommen, dass Nina zu den Opfern gehört. Kurz darauf ist mein Vater eingetroffen.

Wie war die letzte Begegnung mit Ihrer Schwester?

Ich hatte am Tag zuvor Geburtstag. An diesem Abend war sie bei mir, hat mir gratuliert, sich mit mir gefreut. Unsere letzte Interaktion war eine Umarmung. Eine sehr heilsame und tröstende Erinnerung, die mir später viel Kraft gegeben hat.

Wie haben sie die Tage nach der Tat empfunden?

Es war die Hölle, das kann man nicht anders sagen. Meine Schwester wurde wenige Tage später beerdigt – an ihrem 25. Geburtstag. Bis dahin hatte ich keine Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Es ist alles auf uns eingeprasselt: die Berichterstattung, die Kommissare, neue Erkenntnisse, die Trauerfeier, das Aufbahren. Da blieb kein Moment für mich, in dem ich mich mit dem Geschehnissen auseinandersetzen hätte können. Es war pures Chaos, in dem Struktur und Ordnung gefehlt hat.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie trauern konnten?

Erst nach der Beerdigung habe ich richtig realisiert, was passiert war: Es ist ein Mord geschehen, deine Schwester ist nicht mehr da. Meine schwere Trauerphase hat mit Sicherheit ein Jahr gedauert. Damals ging es mir sehr, sehr schlecht. Ich habe viel Mühe hineingesetzt, um mit der neuen Situation zurechtzukommen. Ich musste sie akzeptieren, ich konnte sie nicht ändern. Irgendwann habe ich meine Emotionen aus Trauer, Wut und Irritation losgelassen und mich stattdessen an den schönen Erinnerungen festgehalten. Daran, wie Nina mit mir und ihrem Hund durch die Welt gehüpft ist und so weiter. Inzwischen habe ich den Amoklauf gut verarbeitet. Seelsorger haben uns Betroffenen den Boden unter den Füßen zurückgegeben.

Wie sind sie mit der Trauer Ihrer gemeinsamen Eltern umgegangen?

In der Familie waren alle schockiert, überfordert und todunglücklich. Wir haben uns immer unterstützt, so gut es uns möglich war. Aber natürlich kann man in dieser Extremsituation nicht alle Bedürfnisse des Anderen stillen. Wir wussten wahrscheinlich auch nicht, was jeder Einzelne von uns genau gebraucht hätte. Unsere Trauer war enorm verschieden. Das konnte nur konfliktfrei vonstattengehen, indem wir Verständnis füreinander hatten. Ich habe mich anfangs sehr zurückgezogen und viel Abstand gebraucht, um mich zu ordnen. Erst nach langer Zeit konnte ich wieder auf den Friedhof gehen. Meine Eltern haben damals deutlich mehr das Gespräch miteinander gesucht.

Wie war die Reaktion von außen? Haben alle nur die Trauer Ihrer Eltern gesehen?

Absolut. Ich bin oft gefragt worden, wie es Mama und Papa geht – nicht, wie ich mich fühle. Oder ich stand bei Gesprächen passiv daneben. Das liegt wohl daran, dass sich Erwachsene oft schwer tun, mit der Trauer von Kindern und Jugendlichen umzugehen. Da war eine große Unsicherheit zu spüren. Das war keine böse Absicht. Sie wollten mich einfach nicht vor den Kopf stoßen. Ich hätte ganz gerne ein ehrliches Interesse daran gespürt, an meiner Lage teilzuhaben, vielleicht durch ein Gespräch, vielleicht durch einen Brief.

Wie hat sich Ihre Rolle im Familiengefüge verändert?

Alles war anders, es war ein Rundumschlag. Die Rolle eines Jeden in der Familie hat sich verändert. Ich war plötzlich Einzelkind. Ich glaube nicht, dass ich teilweise in die Rolle meiner Schwester gerutscht bin. Meine Eltern und ich sind aber sicher noch viel enger zusammengewachsen. Wir gehen sehr vertrauensvoll miteinander um und passen aufeinander auf. Dafür bin ich dankbar.

Welche Emotionen hegen Sie für den Täter?

Das sind relativ gemischte Gefühle. Da kommen verschiedene Aspekte für mich zusammen. Zum Einen tut er mir tatsächlich Leid. Er muss ein schreckliches Leben gehabt haben, um zu einer solchen Tat fähig gewesen zu sein. In Betracht zu ziehen, Menschen zu töten, ist für mich fern von jeglicher Vernunft und allem, was gut und bedeutsam auf dieser Erde ist. Ich strafe ihn mit Gleichgültigkeit. Ich möchte ihn nicht verteufeln, werde ihm aber auch nicht das Geschenk des Verzeihens machen. Er hat einfach keinen Platz in meinem Kopf.

Wie bewahren Sie das Andenken an Ihre Schwester auf Ihre persönliche Weise?

Ich habe ganz, ganz viele Kleinigkeiten von gemeinsamen Lebensjahren. Dinge, die sie mir geschenkt hat, auch Pullis und andere Klamotten. Nichts wirklich groß Bedeutsames. Sachen aus dem Alltag, auf die man trifft, wenn man etwa den Schrank öffnet oder auf die Kommode guckt. Diese Gegenstände hinterlassen ein Lächeln bei mir, weil ich mich schön an Nina zurückentsinne. Ich habe kein Foto von ihr aufgestellt, ich habe ein inneres Bild und fühle mich ihr zu jedem Zeitpunkt nahe. Wenn ich nicht sicher bin, was ich tun soll, frage ich mich: Was hätte meine Schwester dazu gesagt? Ich empfinde sie nicht nur als weg, als gestorben, sondern lasse ihr Raum in meinem Leben.

Denken Sie manchmal darüber nach, was Nina heute machen würde?

Oft bedauere ich, dass sie so Vieles nicht mehr erleben und das Abenteuer des Lebens nicht mehr bestreiten darf. All das, was sie sich gewünscht hätte und was sie überrascht hätte. Es tut mir aber auch aufrichtig leid, dass viele andere Menschen meine Schwester nicht mehr kennenlernen durften. Durch ihre Lebensfreude, ihr soziales Engagement und ihr Einfühlungsvermögen war sie eine einzigartige Bereicherung.

Von Veronika Beer