Die Drehbuchautoren Sylvia Leuker und Benedikt Röskau im Gespräch

"Keiner wollte derjenige sein, der diese so hoch gelobte Schule schlecht macht"

Erzählt wird aus der Perspektive einer (fiktiven) jungen Lehrerin. Sie ist die Einzige, die den Betroffenen helfen will. Gab es tatsächlich eine "Petra" im Kollegium der Odenwaldschule?

Die Auserwählten: Für die junge Lehrerin Petra Grust (Julia Jentsch) wird der Internatsalltag immer irritierender.
Die junge Lehrerin Petra Grust (Julia Jentsch) ist schnell irritiert vom Internatsalltag. | Bild: WDR / Katrin Denkewitz

Benedikt Röskau: Die Odenwaldschule war ein sehr spezieller, abgeschiedener Ort mit eigenen Regeln und einer schwer durchschaubaren, scheindemokratischen Struktur. Vieles, was dort "normal" war, wirkt für Außenstehende seltsam – damals wie heute. Um zu verstehen, wie so ein Ort funktioniert, wollten wir den Blick des Zuschauers mit der Figur "Petra" heran führen. Petra, die neu an die Schule kommt, stellt die Fragen, die wir uns stellen – und die die Lehrer übergehen, die dort seit Jahren Dienst tun und sich mit dem System arrangiert haben.

Sylvia Leuker: Es gab Menschen und Institutionen, die die pädokriminellen Lehrer geschützt haben. Manchmal aus Ignoranz, oft aus Zustimmung oder sogar aus ideologischer Überzeugung.

Benedikt Röskau: Es gab immer wieder Lehrer, die es nicht lange an der Schule ausgehalten haben, auch weil sie mit den Zuständen und dem, was da an der Schule passierte, nicht einverstanden waren. Aber ein Lehrer, der sich offen gegen die Leitung der Odenwaldschule aussprach, musste mit massiven Schwierigkeiten rechnen – vor allem innerhalb der untereinander sehr gut vernetzten Reformpädagogen.

Sylvia Leuker: An der Schule gab es immer wieder Gerüchte, aber Belege und Beweise, dass jemand etwas gesehen hat und das auch bezeugt, die gab es praktisch nicht. Diese Lehrer sind halt gegangen und haben geschwiegen ... Die sind der Auseinandersetzung mit diesem heiklen Thema ausgewichen. Keiner wollte derjenige sein, der diese so hoch gelobte Schule "schlecht macht".

Benedikt Röskau: Damals war auch der Zeitgeist ein anderer, und die Förderer der Odenwaldschule waren verdammt gut vernetzt, die waren mächtig und konnten eine Karriere auch mal eben ruinieren – so wie bei unserer Figur "Petra".

Wie viel Gerold Becker steckt in Pistorius?

Sylvia Leuker: Gerold Becker war berühmt für seinen besonderen Zugang zu Kindern. Und zugleich war er ein Serien-Vergewaltiger, ein Getriebener. Das bildet die Figur "Pistorius" sehr stark ab. Eine Filmfigur ist natürlich immer fiktiv. Aber Echtheit entsteht nicht durch eine dokumentarische Abbildung, sondern durch wahrhaftige Darstellung in wahrhaftigen Szenen.

Die Auserwählten: Simon Pistorius (Ulrich Tukur) ist gut vernetzt und somit unter Schutz.
Ulrich Tukur als Schulleiter Simon Pistorius. Die Figur lehnt sich an die reale Person Gerold Becker an. | Bild: WDR / Katrin Denkewitz

Gab es noch während des Drehbuch-Entstehungsprozesses Gespräche mit beziehungsweise Rückmeldungen von Betroffenen?

Benedikt Röskau: Bis zum Ende der Dreharbeiten haben wir, aber auch Regisseur Röhl und Produzent Koch, mit Betroffenen gesprochen, in Details nachgefragt und Teile der Geschichte mit ihnen diskutiert.

Was kann ein Film wie "Die Auserwählten" im Hier und Jetzt bestenfalls auslösen?

Sylvia Leuker: Solche Ereignisse mit einem Spielfilm aufzuarbeiten ist eines der besten Mittel, um Kinder und Eltern über Mechanismen des Missbrauchs aufzuklären. Eine Geschichte kann zu einem Teil der eigenen Intuition werden – und die schützt einen viel intensiver vor Gefahren als ein sachlicher Bericht.

Benedikt Röskau: Geschichten werden aber auch erzählt, damit man sich in die Lage der Betroffenen und sogar der Verursacher versetzen kann. Wenn man sieht, wie ein Täter vorgeht, kann man seine Tricks, seine Muster viel besser erkennen.

Sylvia Leuker: Im Fall der Odenwaldschule konnten die Täter nie verurteilt werden. Wie so oft wollte man den Opfern lange nicht glauben. Der Film soll dazu beitragen, dass das Thema nicht mehr so leicht verdrängt werden kann.

Es gab in den 70er-und 80er-Jahren zahlreiche Versuche, Pädophilie "salonfähig" zu machen, auch über Parteien wie die Grünen und die FDP. Dabei wurde aus vermeintlicher Toleranz und Aufklärung viel falsch gemacht. Welche Berührungspunkte zur Odenwaldschule gab es dabei?

Sylvia Leuker: In diesen Jahren sind viele falsche gesellschaftliche Konventionen hinterfragt und aufgelöst worden. An diese Strömung haben sich Pädokriminelle angehängt. Sie haben aber böswillig ignoriert, dass eine kindliche Sexualität nichts mit der eines Erwachsenen zu tun hat.

Benedikt Röskau: So kam es zu den Überschreitungen und Exzessen, von denen wir erzählen. Die gute Idee der Reformpädagogik, Geist und Körper zu befreien, wurde missbraucht. Nacktheit und Sexualität sind ja nichts Schlimmes, aber diese Offenheit haben Pädokriminelle ausgenutzt.

Sylvia Leuker: Allen voran Gerold Becker. Von dem wussten Verantwortliche schon vor seiner Berufung an die Odenwaldschule, dass er pädophile Neigungen hat.

Benedikt Röskau: Die haben Becker bis zuletzt in Schutz genommen. Er galt als Koryphäe, war unangreifbar, mit seinem Charisma hat er alle für sich eingenommen. Die Odenwaldschule galt als super progressiv, alles war Experiment, und es galt als modern, einen neuen Umgang mit Kindern auszuprobieren.

Sylvia Leuker: Das war eine einmalige Gelegenheit. Die hat Becker genutzt, um sein Missbrauchssystem aufzubauen. Und die Elite der deutschen Gesellschaft hat weggeguckt oder hat nichts davon bemerkt. Die haben ihre Kinder gern dahin geschickt. Auch der spätere Bundespräsident von Weizsäcker hatte einen Sohn auf der Schule.

Kann so ein Missbrauchssystem heutzutage noch funktionieren?

Benedikt Röskau: Alle geschlossenen Institutionen wie Internate, Heime, Kasernen sind anfällig für Fehlleistungen. Da können sich Systeme entwickeln, die Missbrauch und Gewalt begünstigen. Einen absoluten Schutz vor kriminellen Übergriffen wird es allerdings niemals geben. Aber wir brauchen Anlaufstellen, in denen Hinweise auf problematische Verhaltensweisen ernst genommen werden und man ihnen nachgeht.

Sylvia Leuker: Aber gerade deshalb ist es so wichtig, dass Geschichten wie "Die Auserwählten" erzählt werden, und zwar für ein breites Publikum.

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