Regisseur Christoph Röhl über Wahrheit, Fiktion und Aufarbeitung

"Dieses Thema hat mich einfach nicht mehr losgelassen"

Gab es zu Ihrer Zeit als Tutor noch Missbrauchsfälle?

Regisseur Christoph Röhl
Regisseur Christoph Röhl | Bild: WDR / Katrin Denkewitz

Ja, bis in die 90er hinein. Und ein paar Lehrer, die Täter waren, habe ich gekannt. Auch den Musiklehrer, den Christian Friedel spielt. Er war zwar nicht mehr an der Schule tätig, aber ich habe ihn 1989 getroffen, gleich in meiner ersten Woche. Ich habe natürlich damals nicht gewusst, dass das Missbrauchstäter waren. Was mir allerdings aufgefallen ist, war die Atmosphäre von Verwahrlosung, die an der OSO geherrscht hat. Heute weiß ich, dass diese Verwahrlosung zu einer Missbrauchskultur dazu gehört.

Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

Es herrschte dort eine Regellosigkeit. Gleichzeitig wurden Grenzen nicht geachtet. Es wurde viel gesoffen und viele Drogen konsumiert. Das geschah alles am helllichten Tag und wurde – zumindest teilweise – von der Lehrerschaft gebilligt. Es gab sogar Lehrer, die mitgemacht haben, die z. B. abends regelmäßig mit den Schülern geraucht und Alkohol konsumiert haben. Das hat mich damals sehr gewundert. Gleichzeitig hat aber der ständig heraufbeschworene "OSO Mythos", sprich dass die OSO "die beste Schule Deutschlands" sei, einen daran gehindert, dies offen anzusprechen und zu kritisieren. Es herrschte ein Redeverbot.

Und was haben Sie gedacht, als der systematische Missbrauch dann aufgedeckt wurde?

Ich habe genauso reagiert wie sehr viele andere auch, und zwar habe ich gedacht: "Ah ja, jetzt verstehe ich, warum ich dieses komische Gefühl hatte". Warum es da so viele Missstände gab, die nicht angesprochen wurden. Diese Reaktion zeigt gleichzeitig, wie viel man von dem, was dort schiefgelaufen ist, eigentlich doch im Innern gewusst hat. Dieses Wissen wurde nur damals verdrängt.

Meinen Sie, dass es Lehrer gab, die es also gewusst haben?

Ja, eindeutig. Das haben viele seit der Aufdeckung sogar zugegeben, allerdings nicht öffentlich. Was für mich persönlich schockierend ist, ist die Zahl der Frauen, die es gewusst haben und nichts getan haben. Andererseits ist die OSO in dieser Hinsicht nicht anders als eine Familie, wo bekanntlich Mütter wegschauen während im Zimmer nebenan die eigenen Kinder beispielsweise vom Ehemann sexuell missbraucht werden.

Wie früh stand fest, dass Ulrich Tukur und Julia Jentsch die Hauptrollen spielen würden?

Das waren meine allerersten Vorschläge.

Warum?

Die Auserwählten: Simon Pistorius (Ulrich Tukur) ist gut vernetzt und somit unter Schutz.
Simon Pistorius (Ulrich Tukur) ist charismatisch und gut vernetzt. | Bild: WDR / Katrin Denkewitz

Tukur ist für mich der perfekte Schauspieler für die Rolle, denn er kann beide Seiten des Täters verkörpern. Sein Pistorius ist nett, gut aussehend, strahlend, charmant, witzig, humorig, gebildet, hat einen guten Draht zu Kindern – all das, was man über Gerold Becker gesagt hat. Ein Verführer. Tukur kann aber auch die dunkle Seite dieses Charakters zum Tragen kommen lassen. Das hat man zum Beispiel in "Das Leben der anderen" gesehen, ich denke da direkt an die Szene am Tisch im Speisesaal, in der er einem Unteroffizier Angst einjagt, weil er es wagt, über Honecker einen Witz zu erzählen. Ich kenne niemanden, der Pistorius besser spielen könnte als er.

Und Julia Jentsch?

Dieses Märchenhafte, von dem ich vorhin erzählte – im Grunde ist das "Alice im Wunderland". Und Julia ist meine Alice gewesen.

Inwieweit Alice?

Petra ist eine junge Frau, die eine gewisse Offenheit und Naivität hat, die in diese Welt eintaucht und langsam etwas begreift. Sie merkt zwar, dass da merkwürdige Sachen vorfallen, aber zunächst einmal ist sie bereit, das alles als normal zu akzeptieren. Das ist genau das, was ich von vielen meiner Interviewpartner gehört habe. Es gibt in dem Dokumentarfilm ein tolles Zitat der damaligen Assistentin des Schulleiters. Da listet sie auf, was sie nach einer Woche alles mitbekommen hatte. Zum Beispiel, dass gemeinsam geduscht wurde, dass die Lehrer mit Schülerinnen Beziehungen hatten, dass Becker mit seinem silbernen VW-Bus mit lauter Jungs in den Wald gefahren ist. Sie hat die Lehrerinnen und Lehrer sogar darauf angesprochen. Da hat man sie angelächelt und ihr gesagt: Ja, so ist es halt hier, das ist hier normal. Dadurch entsteht die Verwirrung, die sich die Täter zunutze machen. Sie schaffen es, dass man seine eigene Wahrnehmung in Frage stellt. Wenn alle anderen etwas als normal akzeptieren, fragt man sich bald, ob man nicht selber irgendwie falsch liegt.

Petra ist also Ihre staunende Alice ...

Ja. Und dieses Märchenhafte, dieses Alice-Motiv hat mir auch erlaubt, eine besondere Ästhetik für den Film zu finden. Für das Team – allen voran Kameramann Peter Steuger, Production Designer Erwin Prib und Kostümbildnerin Ute Grenz – war das Märchenhafte der Leitgedanke, um die Stilrichtung des Films festzulegen. Ich bin sehr froh, dass die Idee von allen verstanden und geteilt wurde.

Klingt nach einer guten Zusammenarbeit ...

Ja. Und auch die Stimmung am Set war unglaublich gut. Es ist sehr ruhig da oben, und wir konnten ungestört arbeiten. Mit den anderen Schauspielern war das auch toll. Die Kinder – da habe ich einfach sehr viel Glück gehabt, sie waren großartig.

Was, hoffen Sie, wird Ihr Film bewirken?

Der Film ist mein Versuch, die Gesellschaft dafür zu sensibilisieren, sich mit dem Thema Kindesmissbrauch zu beschäftigen. Allein dieser kleine Schritt würde mir genügen. Ich wäre froh, wenn sich die Menschen gedanklich und emotional damit auseinandersetzen würden, dass Kindesmissbrauch stattfindet und wie er stattfindet, und vielleicht in einem zweiten Schritt darüber nachdenken, wie sie reagieren würden, wenn sich ihnen ein Kind offenbart. Das ist natürlich auch ein anderes riesengroßes Thema in dem Film: Warum hören wir Kindern nicht zu? Wir waren alle mal Kinder. Warum glauben wir ihnen nicht? Warum sind wir eher bereit, Erwachsenen zu glauben als Kindern?

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