"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland"

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Extra: Über den Themenabend | Video verfügbar bis 01.04.2021 | Bild: SWR

Interview mit Daniel Harrich, Manfred Hattendorf und Thomas Reutter

Der erste Themenabend über Waffenexporte ist liegt fünf Jahre zurück, hat sich inzwischen viel getan – oder wenig? Was hat Sie bewogen, der Frage deutscher Waffenexporte noch einmal intensiv nachzugehen?

MANFRED HATTENDORF: Im Titel „Meister des Todes“ klingt auch beim zweiten Film eine ungeheuerliche Gedichtzeile von Paul Celan mit, die auf poetische Weise die geschichtliche Verantwortung ausdrückt, die uns zu diesem neuerlichen Themenabend bewegt hat: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland." Deutsche Waffen sind weiterhin ein weltweiter tödlicher Exportschlager. Unser erster Themenabend hat vor fünf Jahren sehr viel bewegt. Als 2018 mehrere Gerichtsverfahren gegen deutsche Waffenhersteller eröffnet wurden, haben der Regisseur und unsere Dokumentarredaktion diese Verfahren sehr genau beobachtet.

DANIEL HARRICH: Dem ARD-Themenabend „Deutsche Waffenexporte“ folgten langjährige Ermittlungen und Strafprozesse gegen die verantwortlichen Manager und Geschäftsführer der Firma Heckler & Koch in Stuttgart. Dabei handelt es sich um eines der größten Verfahren aufgrund des Verdachts auf illegale Waffenexporte in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – Präzedenzfall und „Lackmustest der Kriegswaffenexportkontrolle“. Das Ergebnis: Zum ersten Mal kam es zu Verurteilungen. Aber: Die obere Führungsebene wurde freigesprochen. Und das Stuttgarter Urteil stellte fest, dass die so- genannten Endverbleibserklärungen für Kriegswaffenexporte nicht Teil der Ausfuhrgenehmigung geworden sein sollen. Diese Endverbleibserklärungen sind – laut Bundesregierung – jedoch das Rückgrat der Kriegswaffenexportkontrolle. Jetzt steht die Revision beim Bundesgerichtshof an.

THOMAS REUTER: Das Verfahren vor dem Landgericht Stuttgart zeigte aus meiner Sicht, wie eng und vertraut Heckler & Koch im Fall Mexiko mit den deutschen Rüstungsexportkontrolleuren zusammenarbeitete und wie unwichtig den Verantwortlichen wohl letztendlich die Menschenrechtslage in Mexiko war. Der Fall ist ein Lehrstück, wie – trotz aller Bedenken – doch genehmigt und geliefert wird und wie die Kontrollen versagen. Angehörige der Opfer wurden im Prozess nicht gehört. Wir glauben, sie haben es verdient, dass wir uns in Deutschland genau anschauen, wem wir Waffen liefern und was mit den Waffen vor Ort angerichtet wird.

»Das illegale Geschäft boomt.«

HARRICH: Und entgegen unserer Hoffnungen und Erwartungen zeigen unsere aktuellen Recherchen gerade eine erstaunliche Entwicklung: Strafrechtliche Verfahren in Deutschland scheinen bisher kaum abschreckend gewirkt zu haben. Ganz im Gegenteil – unser Themenabend wird sich damit beschäftigen, wie deutsche Waffenproduzenten weiterhin weltweit ihre Deals betreiben. Nicht nur das illegale Geschäft boomt, auch die legalen Geschäfte – und die Bundesregierung genehmigt Rekordwerte an Waffenexporten.

REUTTER: Blicken wir auf den deutschen Rüstungsexport generell: Die Zahl der Exportgenehmigungen für Rüstungsgüter hat einen neuen Höchststand erreicht. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2019 eine Steigerung von mindestens 65 Prozent. Die Bundesregierung genehmigte Rüstungsexporte im Wert von fast acht Milliarden Euro. Zu den wichtigsten Empfängern zählten ausgerechnet Krisengebiete und Staaten, in denen die Menschenrechte verletzt werden. Dabei heißt es in den politischen Grundsätzen der Bundesregierung: „Der Beachtung der Menschenrechte im Bestimmungs- und Endverbleibsland wird bei den Entscheidungen über Exporte von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern besonderes Gewicht beigemessen.“ Zu den Top Ten der von uns belieferten Länder gehören ausgerechnet die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Ägypten, Algerien und Indonesien. Die VAE und Ägypten befeuern den Krieg im Jemen. Aus Algerien werden willkürliche Verhaftungen gemeldet und die Verfolgung religiöser Minderheiten. Aus Indonesien berichten Menschenrechtsgruppen über rechtswidrige Tötungen und andere schwere Menschenrechtsverletzungen durch Sicherheitskräfte. Amnesty International spricht auch in seinem jüngsten Jahresbericht wieder von „exzessiver Gewaltanwendung“ durch die Polizei. Wie kann da die Bundesregierung in diese Länder Waffenlieferungen genehmigen und gleichzeitig von einer „restriktiven Rüstungsexportpolitik“ sprechen?

HARRICH: Aber wir möchten nicht nur schwarzmalen. Dieser zweite Themenabend mit „Meister des Todes 2“ und „Tödliche Exporte – Rüstungsmanager vor Gericht“ zeigt wiederum eine besondere Nachhaltigkeit der Berichterstattung, die meiner Vorstellung einer starken Rolle der Medien als Grundpfeiler einer starken Demokratie entspricht.

»Das große Ganze im Kleinen erzählen.«

Was bedeutete das für den Spielfilm?

HATTENDORF: Die Wirklichkeit hat die Geschichte weitergeschrieben und für uns auch den Anstoß für die Fortsetzung des Spielfilms gegeben: Was wäre, wenn die fiktiven Protagonistinnen unseres Films der Waffenschmiede HSW nachweisen könnten, dass mit deutschen Waffen dieser Provenienz ein Massaker an mexikanischen Studenten verübt wurde? Wie geht Sabine Stengele damit um, dass ihr Mann für die illegalen Exporte nach Mexiko angeklagt wird? Im Film haben wir ihr die ebenfalls fiktive Figur der Christiane Schuhmann an die Seite gestellt, eine Menschenrechtsanwältin, die versucht, sich als Nebenklägerin in den Stuttgarter Prozess einzubringen. Wirtschaftliche und politische Interessen spielen auch in „Meister des Todes 2“ eine wichtige Rolle, dazu gesellt sich dieses Mal die Justiz. So ist eine Mischung aus emotionalem investigativem Thriller und Gerichtsdrama entstanden, mit allen Freiheiten der Kunst und doch angeregt durch reale Ereignisse in Mexiko und Deutschland. Wir wollen das große Ganze im Kleinen erzählen und so auch im zweiten Themenabend unterhalten, informieren und aufrütteln.

„Meister des Todes 2“ ist in weiten Teilen ein Gerichtsdrama. Wie hat sich das in der Entwicklung und im Inszenierungsprozess unterschieden?

HATTENDORF: Mit Daniel Harrich und den Redakteurinnen von ARD Degeto, RBB und SR haben wir uns intensiv mit Polit- und Gerichtsthrillern beschäftigt. Der wichtigste Motor sind die dramatischen Konflikte der Personen, die in der Geschichte aufeinanderprallen. So holt der Film auch dieses Mal wieder seine Energie aus einer Reise nach Mexiko und all dem, was unsere Protagonistinnen dort aufdecken und was ihnen widerfährt. Der Film ist aber auch eine Reise nach innen, das Ganze streng gerahmt durch die Abläufe und Rituale einer Gerichtsverhandlung.

HARRICH: Die Herausforderung lag vor allem darin, zwei Welten zu verweben, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Die Inszenierung und visuelle Darstellung der Szenen unterscheiden sich zum einen in der Kameraführung: elegante, zum Teil opulente Kamerafahrten in Deutschland, dokumentarische Handkamera in Mexiko. Zum anderen in einem anderen Licht-, Farb-, Szenenbild- und Kostümkonzept: blau, grau und kühl im Gegensatz zu gelb, orange, heiß. Sowie dem Einsatz der Musik und zwar ganz substantiell. Dabei ist das Visuelle keine L'artpour- l'art-Spielerei, sondern inhaltliche Konsequenz. Denn trotz aller Unterschiede zwischen Deutschland und Mexiko wird klar: Wenn es um Gerechtigkeit, Menschenrechte oder Korruption geht, steht es bei uns gar nicht unbedingt besser. Oder um es mit den Worten eines mexikanischen Betroffenen zu sagen: In Deutschland sieht es nur sauberer aus.

Wie nah ist der Film in den mexikanischen Szenen um die Menschenrechtsanwältin Christiane Schuhmann an der Realität dran? Welche Rolle spielen Menschenrechtsanwälte überhaupt bei der Verfolgung der Spur der Waffen?

HARRICH: Menschenrechtsanwälte, wie beispielsweise die Anwälte der mexikanischen Organisation Pro Derechos Humanos, dem European Center of Constitutional and Human Rights (ECCHR) in Berlin oder Einzelkämpfer, spielen bei der Dokumentation und Aufarbeitung dieser Verbrechen eine zentrale Rolle. Denn: Wo kein Kläger, da kein Prozess!

»Geben den Schwächsten eine Stimme.«

Durch ihre Mandate bekommen die Anwälte Einblick in staatsanwaltschaftliche Ermittlungsakten, können Beweise sammeln, Informationen bei Regierungen einklagen und manchmal auch Whistleblower vertreten. Sie geben den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft eine Stimme.

REUTTER: Und so haben die Heldinnen im Film Vorlagen in der Realität. Die echten Helden sind tatsächlich Menschenrechtsanwältinnen, Journalisten vor Ort und Aktivisten von Nichtregierungsorganisationen. Zwei von ihnen stellen wir in der Doku vor. Sie kämpfen für die Rechte der Opfer und für mehr Transparenz bei umstrittenen Rüstungsexporten. In Mexiko ist das nicht ungefährlich. Trotzdem haben sie unsere Doku leidenschaftlich unterstützt. Für uns sind sie wichtige Informanten, ohne deren Einsatz und Mut investigative Recherchen nicht möglich wären.

»Die Realität ist noch schlimmer.«

Themenabende zeichnen sich nicht zuletzt dadurch aus, dass die an den Fernsehfilm anschließende Dokumentation das Thema sowohl vertieft als auch weitertreibt, weil die Doku aktueller sein kann als der Film. Wie sieht es bei „Tödliche Exporte – Rüstungsmanager vor Gericht“ aus, worauf müssen wir uns gefasst machen, was kann man dazu im Vorfeld schon sagen?

HARRICH: Die Dokumentation beschäftigt sich damit, was im Hintergrund der Strafprozesse stattgefunden hat, und stößt auf einen neuen, bislang unbekannten Fall mutmaßlich illegaler Waffendeals. Ob neue Strafprozesse folgen, möchte ich nicht ausschließen.

REUTTER: Die Doku geht der Frage nach, ob der Prozess am Landgericht Stuttgart ein falsches Signal gesetzt hat. Wir beschäftigen uns intensiv mit den Zeugenaussagen, aber auch mit dem, was vor Gericht nicht zur Sprache kam. Wir fragen, ob es ein System gibt, das es möglich macht, dass Kriegswaffen eben doch in Krisengebiete gelangen und dass am Ende Verantwortliche nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Wie können immer noch neueste Waffen in Gebiete gelangen, für die kein Amt eine Ausfuhrgenehmigung erteilt hat?

»Sie zielen mit dem Thema zum einen auf Offenbar- und Bewusstwerden ab, aber auch auf Veränderung. Rechnen Sie mit Reaktionen?«

HARRICH: Es geht uns nicht um die moralisch-ethische Diskussion um Waffenproduktion, Handel und Export – ein wichtiger Diskurs, der auf gesellschaftlicher Ebene geführt werden muss –, sondern um die Grenze zwischen Legalität und Illegalität, Straftaten, Verstöße gegen die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland. Möglicherweise mit Unterstützung von Beamten, die diese Geschäfte eigentlich kontrollieren sollten. Wir wollen mit dem Themenabend „Waffenhandel“ einen politisch-gesellschaftlichen Denkanstoß setzen.

REUTTER: Wir hoffen, dass der Themenabend eine politische Diskussion auslöst. Ich würde mir wünschen, dass der Bundestag die deutsche Rüstungsexportkontrolle auf den Prüfstand stellt und die Schlupflöcher gesetzlich schließt.

HATTENDORF: Und im Hinblick auf das Fernsehpublikum wünschen wir uns, dass dieser Themenabend in seiner besonderen Mischung Herz und Intellekt vieler Zuschauerinnen und Zuschauer anspricht: die Emotionen des Spielfilms zulassen, Zusammenhänge erkennen und unsere Spielräume nutzen für unser individuelles und gesellschaftliches Handeln. In anderen Worten: Wir wollen mit dem Themenabend zur Diskussion anregen.

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