1/1

Wim Wenders – sein Leben in Bildern

Am 14. August 1945 wird Wilhelm Ernst Wenders in Düsseldorf geboren. Er wächst in einer bürgerlichen, konservativen und katholischen Familie auf. Sein Vater ist Chirurg, seine Mutter Hausfrau. Der Vorname Wim, wie die Eltern den Sohn eigentlich nennen wollten, wird vom Standesamt abgelehnt. Die Begründung: Der Name sei "undeutsch".

Am 14. August 1945 wird Wilhelm Ernst Wenders in Düsseldorf geboren. Er wächst in einer bürgerlichen, konservativen und katholischen Familie auf. Sein Vater ist Chirurg, seine Mutter Hausfrau. Der Vorname Wim, wie die Eltern den Sohn eigentlich nennen wollten, wird vom Standesamt abgelehnt. Die Begründung: Der Name sei "undeutsch".

Ende der 1940er-Jahre: Umzug nach Koblenz. Kurz darauf steigt der Vater zum Chefarzt eines Krankenhauses auf. Und die Familie zieht nach Oberhausen. Für seine Mutter ist die verrußte Stadt der blanke Horror. Wim jedoch werden Revier, Zechen und Halden zum Traumland. Mit den Geschichten von Karl May wird die kriegsbedingt noch ruinöse Industrielandschaft für ihn zum Wilden Westen. Entdeckung eines Sehnsuchtsorts.

Nach dem Abitur 1963: intellektuelle Wanderjahre auf der Suche nach sich selbst. Studien in Medizin, Philosophie, auch Soziologie. Aufbruch nach Paris 1966: erstes Lebensabenteuer, ganz auf sich gestellt. Wim will Maler werden, sitzt aber meist im Kinosaal des französischen Filminstituts, der Cinémathèque française. Dort entdeckt er das Kino für sich. Und beschließt, zu lernen, wie man Filme macht.

1967 wird Wenders zum ersten Studienjahrgang an der neugegründeten Hochschule für Film und Fernsehen in München zugelassen. Er dreht erste, kurze Filme, inspiriert vom Sound des amerikanischen Rock, von Blues und lyrischen Schleifen der Songwriter. Diese amerikanische Musik verändert und prägt seine kinematographische Wahrnehmung: Wenders träumt von Filmen über Amerika, die nur aus Totalen bestehen. Sein Abschlussfilm "Summer in the City" (1970) ist der Versuch einer ästhetischen Symbiose: Amerika und Deutschland – die Weite des fernen Westens, die Utopie der nahen Romantik. Eine Art Dokumentarfilm über die Sechziger, das Porträt einer Generation.

Nicht Beruf, jedoch Berufung: Das Schreiben begleitet ihn zeitlebens. Ab 1968 verfasst er Texte für die Filmzeitschrift "Filmkritik", auch für die "Süddeutsche Zeitung". Wie in seinen Bildern versucht er auch in seinen Texten, Wirklichkeiten zu erfassen. Das Spektrum seiner schriftlichen Reflexionen erweitert sich kontinuierlich, korrespondiert mit den Motiven seiner Filme. Lyrisch und filmästhetisch fragt er sich immer wieder aufs Neue: Wer bin ich, was mache ich, wo gehöre ich hin?

Mit zwölf weiteren Filmemachern wird Wenders 1971 Gründungsmitglied des genossenschaftlich organisierten Kinoverleihs "Filmverlags der Autoren". Nach einem Streit über die Verleihmodalitäten seines Films "Paris, Texas" scheidet Wenders im Jahr 1984 jedoch aus.

In Oberhausen erlebt Wenders das Stück "Publikumsbeschimpfung" von Peter Handke. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine enge Freundschaft. Fortan schreiben sie gemeinsam und produzieren Filme. Für Wenders‘ Kurzfilm "3 amerikanische LP’s" (1969) entwickelt Handke das Buch. Zwei Jahre später verfilmt Wenders Handkes Roman "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter". Auch in diesem Film ist das Thema "Amerika" spürbar: Medien, Musik, Kommunikation – Verstörung und Verwüstung. Nach Drehbüchern von Handke entstehen zudem die Filme "Falsche Bewegung" (1975), eine freie Adaption von Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" und "Der Himmel über Berlin" (1987). 1977 führt Handke erstmals Regie - in dem von Wenders produzierten Film "Die linkshändige Frau". Für die Salzburger Festspiele inszeniert Wenders 1982 die Uraufführung von Handkes Schauspiel "Über die Dörfer". Die Verfilmungen weiterer Handke-Texte – "Langsame Heimkehr", "Die Lehre der Sainte-Victoire", "Kindergeschichte" und "Über die Dörfer" scheitern an fehlenden Finanzierungen. "Die schönen Tage von Aranjuez" aus dem Jahr 2016 ist ebenfalls eine Adaption Handkes und die bislang letzte Zusammenarbeit.

Ein Road Movie. Eine Reise durch die Bundesrepublik Deutschland. Ein Mann und ein Kind, das den Weg bestimmt. Die zeitgenössische Kritik betrachtet den Film "Alice in den Städten" als erstes Zeugnis für Wenders‘ ästhetische Möglichkeiten: wegweisende Motive, denen er bis heute treu bleibt.

Mit "Im Lauf der Zeit" (1976) erkundet Wenders abermals Westdeutschland. Zwei Männer begeben sich auf eine Grenzfahrt, äußerlich wie innerlich. In diesem Roadmovie setzt sich Wenders mit seiner eigenen Biografie auseinander. Eine harsche Konfrontation mit dem Vater: Wer bin ich, wenn ich nicht du sein will? Der Film wird zu den Filmfestspielen Cannes eingeladen, doch bleibt er wegen einer inkriminierten Szene, die Wenders verweigert, zu schneiden, ohne Preis.

Der künstlerische wie auch kommerzielle Erfolg der Adaption von Patricia Highsmiths Roman "Ripley’s Game" unter dem Titel "Der amerikanische Freund" erregt die Aufmerksamkeit von Francis Ford Coppola. Er lädt Wenders ein, in Amerika zu drehen. Der entscheidet sich für den Stoff "Hammett", basierend auf dem Roman von Joe Gores. Und zieht 1978 nach San Francisco, wo der Film ab Herbst gedreht werden soll. Die Produktion des Films entwickelt ihre eigene Dynamik und ihren eigenen Mythos. Denn alles kommt anders als gedacht. Wer scheitert an wem? Der eigenwillige deutsche Autorenfilmer am amerikanischen Film-Tycoon? Oder ist es umgekehrt? Coppola unterbricht die Dreharbeiten. Wenders verarbeitet den Schock in dem Film "Der Stand der Dinge" (1982). Sehr zum Missvergnügen von Coppola. Schließlich doch fertiggestellt, findet "Hammett" 1982 eine zwiespältige Rezeption in Cannes. Der Antifilm "Der Stand der Dinge" jedoch wird im selben Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem "Goldenen Löwen" ausgezeichnet.

Nach Drehtagen an "Hammett" zieht sich Wenders in Los Angeles zuweilen in eine Bar zurück. Jedes Mal wählt er aus der Musicbox dasselbe Lied: die Sehnsuchtsarie des Nadir. Sie stammt aus der Oper "Die Perlenfischer" von Georges Bizet. Das Stück spendet ihm Trost in dieser schwierigen Zeit. 2017 debütiert er mit "Die Perlenfischer" als Opernregisseur an der Staatsoper Berlin. Dirigent: Daniel Barenboim. Zwei Jahre später setzt er den Stoff für das National Center for the Performing Arts in Peking um.

Nach einem Drehbuch von Sam Shepard erzählt Wenders eine amerikanische, über sich hinausweisende Familiengeschichte: "Paris, Texas". Ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes wird der Film ein internationaler Erfolg. Einzig die amerikanische Kritik reagiert verhalten. 2005 schreibt Shepard abermals ein Drehbuch für Wenders und übernimmt auch die Hauptrolle: im Film "Don’t Come Knocking". Es ist die Geschichte eines alternden Westernstars, der wider Willen entdeckt, dass er Vater ist. Und eine Variation des Themas von "Paris, Texas".

"Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war …". Mit diesem Text von Peter Handke beginnt der Film, der wenig später zum Kult avanciert. Es ist eine Geschichte von Engeln und Homer. Von Deutschland, gespiegelt im Berlin jener Zeit. Nochmals setzt Wenders sich mit dem Land, in dem er geboren wurde, auseinander. Ein Deutscher zu sein, kann Wenders zeit seines Lebens nur schwer akzeptieren. "Der Himmel über Berlin" wird 1987 mit dem Regiepreis in Cannes ausgezeichnet. Ein Welterfolg. 1993 folgt mit "In weiter Ferne, so nah!" die Fortsetzung.

Es sind die Orte, die zu ihm sprechen, sagt Wenders. Wolken, Himmel, Wüste - sogar die Zeit hält er in Bildern fest. Fotografieren ist für ihn eine lebenslange Passion. Er veröffentlicht Fotobücher, stellt aus. Zuletzt 2019 im METRO Kinokulturhaus Wien. Im selben Jahr realisiert er im Pariser Grand Palais die Installation "(E)motion": Bilder seiner Filme werden eins mit der Architektur des Hauses. Für Wenders ein Spaziergang zwischen den Künsten und in den Filmen. Der Versuch, auch im Vertrauten das Abenteuer zu entdecken. Altes neu zu sehen. Wirklichkeit gibt es nur in der Wirklichkeit, auch das ein Satz von Wenders.

Neben der Fiktion gibt Wenders sich immer wieder dem Dokumentarischen hin. Realisiert Filme über Musik: "Red Hot & Blue" (1990), "Buena Vista Social Club" (1999), "Viel passiert – Der BAP Film" (2002), "The Soul of a Man" (2003). Es sind allesamt Hommagen an die Künstler. Und dreht Porträts über die Regisseure Nicholas Ray (1980) und Yasujiro Ozu (1985), den Modemacher Yoshji Yamamoto (1989), die Choreographin Pina Bausch (2011), den Fotografen Sebastião Salgado (2014). 2018 realisiert er eine Dokumentation über Papst Franziskus.

Mit dem Frontman der Band "Die Toten Hosen" ist Wim Wenders eng befreundet. Im Jahr 2000 dreht er das Musikvideo zum Song "Warum werde ich nicht satt". Vier Jahre später liefern "Die Toten Hosen" ein Lied für den Soundtrack seines Spielfilms "Land of Plenty". 2008 dreht Wim den Film "Palermo Shooting" - ein Märchen über die Nichtlogik des Lebens und die Möglichkeit, dem Tod ins Gesicht zu sehen. Campino übernimmt darin die Hauptrolle.

"Land of Plenty" (2004) erzählt aus der Perspektive einer Frau von den Folgen des Vietnamkriegs und dem Anschlag am 11. September 2001. Einer der wenigen dezidiert auch politischen Filme von Wenders.

Mit einem Porträt über Ozu Yasujirō würdigte er bereits in "Tokyo-Ga" (1985) dessen Kontemplation Japans. 2008 würdigt er zwei weitere Vorbilder: Den Regisseuren Ingmar Bergman und Michelangelo Antonioni widmet er seinen Film "Palermo Shooting". Ein Bekenntnis zu zwei seiner künstlerischen Väter, deren Bilder Wenders’ filmisches Universum prägen.

"Grenzenlos" ist Wenders‘ bislang letzter Spielfilm. Thriller und moralisches Traktat: Spionage, Dschihad, Meeresforschung – und eine endliche wie unendliche Geschichte von einer anarchischen Kraft namens Liebe.

Die Gemälde Jan Vermeers sind für Wenders vorbildhaft. Auch die Kunst Max Beckmanns sei prägend gewesen. In seiner eigenen Bildgestaltung lässt er sich jedoch besonders von den Visionen des amerikanischen Malers Edward Hopper inspirieren. An dessen Kunst schätzt er die Ruhe des Lichts vor unermesslicher Weite. Eine Straßenecke in der Zechenstadt Butte in Montana inszeniert Wenders als Stillleben – sanft setzt er die unausweichliche Einsamkeit in Szene. Hopper, sagt Wenders, könne man oft in der Realität wiedererkennen. Er realisiert den Kurzfilm "Two or Three Things I Know about Edward Hopper". 2020 wird er im Rahmen einer Ausstellung erstmals gezeigt.

Ein intensives, atmosphärisches Filmporträt über Wim Wenders. Regie führen der preisgekrönte Dokumentarfilmer Eric Friedler und Andreas Frege (Campino). Kolleg*innen und Wegbegleiter*innen wie Patrick Bauchau, Francis Ford Coppola, Andie MacDowell, Amanda Plummer, Patti Smith, Rüdiger Vogler oder Hanns Zischler geben Auskunft über einen der facettenreichsten Künstler des Landes.