Zeitkolorit

Ludwig Erhards "Wirtschaftswunder". Wirtschaftsentwicklung in Deutschland 1950 bis 1966.
Ludwig Erhards "Wirtschaftswunder". Wirtschaftsentwicklung in Deutschland 1950 bis 1966.  | Bild: picture-alliance / dpa/globus | -

Knapp neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs befindet sich Deutschland am Anfang des Jahres 1954 in der Mitte einer rasanten Entwicklung. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen verfestigen sich, die deutsche Wirtschaft — vor allem die Automobilindustrie — boomt und schreibt immer bessere Zahlen. Die Einbindung Westdeutschlands in internationale politische Beziehungen und Bündnisse wird immer stärker; und auch eine neue militärische Aufstellung des ehemaligen Kriegstreibers im Herzen Europas ist im Rahmen westlicher Verteidigungsbündnisse nicht mehr undenkbar.

Noch ist Deutschland nicht Mitglied der NATO, noch ist der Gedanke an eine offizielle deutsche Armee vor allem ein Gedanke, dessen Realisierung noch einige Monate auf sich warten lassen wird. Aber die tiefe und immer wieder geschürte Angst vor dem Kommunismus, vor "dem Russen", der jederzeit seine westlichen Grenzen überschreiten könnte, führt zu einem globalen, aber auch zu einem sehr realen innerdeutschen Konflikt. Denn hier ist die Teilung des Landes auch eine spürbare Teilung in ideologische Blöcke. In wenigen Jahren wird eine Mauer mitten durch Berlin gehen.

Aber auch im Inneren des politischen Betriebs in Westdeutschland verlaufen Gräben. Bundeskanzler Konrad Adenauer — der als erklärter Gegner der nationalsozialistischen Bewegung 1933 sein Amt als Kölner Oberbürgermeister verlor und noch 1944 in Gestapo-Haft genommen wurde — arbeitet zum Beispiel eng mit Kanzleramtsminister Hans Globke zusammen, der an den Nürnberger Rassengesetzen beteiligt war. Und an der Spitze des westdeutschen Auslandsgeheimdiensts ("Organisation Gehlen") steht mit Reinhard Gehlen ein ehemaliger hochrangiger Nationalsozialist, während Otto John, der Präsident des Inlandsgeheimdienstes "Bundesamt für Verfassungsschutz", ein Mitglied der Stauffenberg-Gruppe war.

Überhaupt wird im Nachkriegsdeutschland schnell klar, dass eine funktionierende Verwaltung, ein funktionierendes juristisches System und eine funktionierende Infrastruktur am schnellsten und besten von Menschen mit Erfahrung auf diesen Gebieten installiert werden kann. Menschen, die in der überwiegenden Anzahl eine Vergangenheit im Nationalsozialismus haben. Bundeskanzler Adenauer sieht diese Problematik mit dem ihm eigenen Pragmatismus und sagt bereits 1952 im Bundestag: "Man kann doch ein Auswärtiges Amt nicht aufbauen, wenn man nicht wenigstens zunächst an den leitenden Stellen Leute hat, die von der Geschichte von früher her etwas verstehen."

Und was denken die ganz normalen Menschen? Die Wirtschaftswunder-Entwicklung deckt solche Verwerfungen und Konflikte fast hermetisch zu, im Volk herrscht eine große Stille. Der Journalist Willi Winkler beschreibt in seinem Buch Das braune Netz (2019) die Stimmung in Deutschland so: "Von Schuldeinsicht keine Spur, bloß kein Blick zurück, sondern im Käfer flott voran, das war die Rettung für die Bundesrepublik vor den Schatten der Vergangenheit. Was wäre denn die Alternative gewesen? Gab es überhaupt eine?"

Außenpolitisch verfestigen sich die ideologischen Gräben zwischen West und Ost, auch wenn besonders das Thema einer möglichen deutschen Wiedervereinigung politisch und gesellschaftlich immer wieder in verschiedenen Ausprägungen aufgebracht wird. Die Realpolitik sieht anders aus: Während beispielsweise die Sowjetunion die DDR als souveränen Staat anerkennt, unterhält die Bundesrepublik nicht einmal offizielle diplomatische Beziehungen zur UdSSR — auf Weisung der Alliierten, die nach wie vor die politischen Handlungsspielräume der Bundesregierung definieren und beschneiden. NATO und Europäische Verteidigungsgemeinschaft bezeichnen derweil den Kommunismus als klares Feindbild, die amerikanischen Tests mit verheerenden Wasserstoffbomben im Pazifik sollen ein Zeichen der militärischen Stärke in den Osten aussenden.

In diese Stimmung hinein platzt am 21. Juli 1954 eine ganz andere, hoch politische Bombe: Der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Otto John, befindet sich in Ost-Berlin. Und es sieht nicht so aus, als würde er zurückkehren.

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