Lavinia Wilson über die Serie und ihre Rolle "Leo Roth"

Um ihre Kanzlei zu retten braucht Leo Roth (Lavinia Wilson) die Publicity des spektakulären Satirefalls.
Um ihre Kanzlei zu retten braucht Leo Roth die Publicity des spektakulären Satirefalls. | Bild: ARD Degeto/RBB / Kerstin Jacobsen

Sie verkörpern die schillernde Figur der Leo Roth kraftvoll und voller Ambivalenz. Was hat Sie an der Rolle besonders gereizt?

Ihre Unberechenbarkeit, ihre Unabhängigkeit, ihre Leidenschaft, auch ihre Rücksichtslosigkeit. Und gleichzeitig entblättert sich im Laufe der Staffel auch eine tiefe Verletzlichkeit. Leo ist im Grunde eine ständige Grenzüberschreitung. Das ist eine sehr interessante Ausgangsidee für eine Figur, die doch den Schutz der Privatsphäre zu ihrem Beruf gemacht hat. So eine Komplexität haben Frauenfiguren selten.

Erstmalig steht eine Medienrechtsanwältin im Zentrum einer Serie, inspiriert von Deutschlands bekanntestem Medienrechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz. Wie eng war die Zusammenarbeit mit ihm und wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Leo hat ein ausgeprägtes Machtbewusstsein und nimmt sich mit großer Selbstverständlichkeit ihren Raum. Man mag es nicht glauben, aber das liegt mir erst mal fern. Der Austausch mit Christian Schertz war enorm hilfreich. Wir haben uns im
Vorfeld einige Male getroffen, ich konnte ihn in seiner Kanzlei begleiten und mit Randa Chahoud auch vor Gericht beobachten. Das eine ist ja die fachliche Seite, sich den "legal Talk" draufzuschaffen, im Detail auch wirklich zu verstehen, von was man spricht und warum. Oder wenn wir zwischendurch noch eine Frage hatten, die vielleicht erst mal banal scheint, aber am Ende ausmacht, ob etwas glaubwürdig ist, ob man z. B. vor Gericht Abkürzungen wie StGB ausformuliert oder nicht, war er immer sofort für uns da. Auch haben Randa und ich die Christian sehr eigene Mischung aus Präzision in der Sache und Berliner Schnodderigkeit einfließen lassen. Oder sogar seine schwungvolle Unterschrift, das hat großen Spaß gemacht. Das andere ist aber ja die Vorbereitung auf die Frage, was ist das für ein Mensch, von was wird sie angetrieben, was sind ihre Ängste und Wünsche, was findet sie lustig bis hin zu welche Musik hört sie und vieles mehr. Auch die Risse in der Persönlichkeit, ihre Blind Spots. Diese Fragen, die man sich bei jeder Rolle stellen muss, völlig unabhängig von Beruf, Handlung oder realen Vorbildern, um eine interessante, eigene Figur zu erfinden. Abgesehen davon, dass es unverschämt bis übergriffig wäre, einen echten Menschen so auszufragen und zu beurteilen, kann ich da niemanden imitieren, sonst bleibt die Realität immer spannender als die Fiktion. Und spätestens zu Drehbeginn versuche ich sowieso, alle Vorbereitung zu vergessen und auf meine Intuition zu vertrauen, mir die Figur ganz zu eigen zu machen. Am schönsten ist es, wenn ich mich selbst beim Spielen überrasche, darauf läuft letztlich alle Vorbereitung hinaus. Klingt vielleicht paradox, funktioniert manchmal aber trotzdem.

"Legal Affairs" trifft den Nerv unserer Zeit bis ins Mark. Verletzte Persönlichkeitsrechte, üble Nachrede und Verleumdung, Hetzkampagnen ... Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen im Hinblick auf den aktuellen Umgangston in den sozialen Netzwerken und die Diskussionskultur in der Gesellschaft allgemein?

Netiquetten reichen anscheinend nicht. Ich bin regelmäßig davon schockiert, wie schnell es gehen kann und wie brutal es ist, wenn sich Menschen über etwas empören und im anonymen Hass vereint ihrer Wut freien Lauf lassen. Shitstorms werden sich wohl nicht ganz vermeiden lassen. Aber ich würde mir wünschen, dass sich jeder Mensch, der oder die einen Kommentar postet, vorher überlegt, ob er oder sie das genauso der Person sagen würde, stünde man ihr gegenüber. Abgesehen davon glaube ich, dass Hassrede und Desinformation im Netz viel stärker reguliert werden sollten – und dass dafür auch die großen Konzerne, auf deren Plattformen das abläuft, gesetzlich in die Pflicht genommen werden müssen. Ich lege jedem die Doku "The Social Dilemma" ans Herz. Ganz abgesehen davon, ist es eine riesige Aufgabe und Verantwortung, unsere Kinder auf die digitale Sphäre vorzubereiten. Früher musste ich nur lernen, wie eine Bibliothek oder ein Inhaltsverzeichnis funktioniert. Heute braucht es da ganz andere Skills, um entscheiden zu können, welche Informationen wichtig/unwichtig bzw. vertrauenswürdig sind. Eltern werden damit häufig noch alleine gelassen. Da müssen die Bildungseinrichtungen auf ganz andere Ressourcen zurückgreifen können und wollen. Das kann uns nicht genug wert sein.