Expert*innen zu den Gefahren und Risiken in den Sozialen Netzwerken

Mit dem Entstehen neuer Medien verschiebt sich seit jeher auch immer die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatem. Die Entwicklung des Internets setzt hier einen Meilenstein. Und wie so oft eilt auch hier die technische Entwicklung allem anderen voraus und die neu eroberten Freiheiten bieten im selben Maß auch neue Verunsicherungen.

Wie umgehen mit dem neuen Errungenschaften, welche Gefahren und Risiken paaren sich mit den Möglichkeiten der neuen sozialen Medien, auf die vor allem Jugendliche sehr offen und unbekümmert reagieren.

Beratungsplattformen wie JUUUPORT.DE haben es sich zur Aufgabe gemacht, hier Unterstützung anzubieten und kümmern sich vor allem um Jugendliche, die bereits unangenehme Erfahrungen mit den Sozialen Medien gemacht haben.

Fragen an die Betreiber der Plattform

Haben Sie häufig mit Jugendlichen zu tun, von denen – ähnlich wie bei den Protagonist*innen unserer Serie –unerwünschte Bilder im Netz aufgetaucht sind?

JUUUPORT.DE: Uns erreichen sehr häufig Nachrichten von Jugendlichen, von denen ohne Zustimmung Bilder im Netz verbreitet wurden.

Welche Probleme ergeben sich dabei?

Die Bilder werden meist in sozialen Medien wie Instagram oder TikTok oder in Messenger-Diensten wie WhatsApp geteilt und weitergeleitet. Dadurch erreichen sie sehr viele Menschen. Das unerwünschte Teilen privater Bilder führt nicht selten zu Cybermobbing. Manche der betroffenen Jugendlichen wurden beispielsweise heimlich fotografiert, andere haben intime Bilder versendet und den Empfänger*innen vertraut, dass diese die Bilder nicht an die Öffentlichkeit bringen werden. Uns erreichen auch Anfragen junger Menschen, deren Fotos von anderen Personen mit Stickern etc. bearbeitet wurden. Die Betroffenen fühlen sich der Situation meist hilflos ausgeliefert und bloßgestellt.

Wie hoch sind die Zahlen solcher Taten – und gibt es eine Dunkelziffer?

Im Rahmen der JIM-Studie haben 16 Prozent der befragten Jugendlichen angegeben, dass schon einmal gegen ihren Willen Bilder oder Videos von ihnen gepostet wurden. Dies bildet vermutlich jedoch nur einen kleinen Teil der Betroffenen ab, da es sich um ein schambesetztes Thema handelt, über das nicht alle Betroffenen sprechen möchten. Auszugehen ist also auch von einer relativ hohen Dunkelziffer.

Gibt es bei Opfern/Tätern Unterschiede in der Altersstruktur? Also sind Jugendliche häufiger betroffen als Erwachsene?

Studien und auch unserer Beratungserfahrung zufolge stehen Mädchen und junge Frauen deutlich häufiger unter Druck, ihren männlichen Partnern Nacktbilder zu schicken als umgekehrt. Wenn sie diesem Druck z.B. aus Angst vor dem Ende der Beziehung nachgeben und diese Bilder dann im Klassenchat oder auf gewissen Plattformen landen, ist die Situation für die Mädchen oft dramatisch. Nicht nur ihr Vertrauen wurde missbraucht, sie sind oftmals auch furchtbaren Beleidigungen ausgesetzt und erfahren wenig Unterstützung, weil sie aus Sicht der Außenstehenden "selbst Schuld" an der Situation sind. Die Verantwortung des Partners, der die Bilder ohne Einverständnis und damit illegal weiterleitet, wird oftmals gar nicht in Erwägung gezogen. Das sogenannte Victim Blaming betrifft ganz besonders Mädchen, weil es mit gewissen Rollenbildern der Geschlechter verknüpft ist. Deshalb ist es in der Prävention neben Fragen der Medienkompetenz ebenso wichtig, stereotypische Geschlechterrollen kritisch zu hinterfragen.

Was sind die schlimmsten Fälle, die Sie erlebt haben?

Wir stehen auf der Seite aller Betroffenen, die sich bei uns melden und uns ihre Geschichte anvertrauen. Die Meinungen dazu, wie schlimm ein Fall ist, gehen sicher auseinander. Wer sich an unsere Online-Beratung wendet, spürt einen Leidensdruck. Wir sind daher der Meinung, dass es nicht richtig ist, Fälle in verschiedene Kategorien wie "schlimm" oder "am schlimmsten" einzuteilen. Wir können den Fall nur von außen betrachten, kennen vielleicht nicht alle Einzelheiten. Es ist die betroffene Person, die die Geschichte erlebt hat. Und wie diese wahrgenommen wird, ist höchst individuell. Und auch, wenn sich diese auf den ersten Eindruck vielleicht harmloser anhören sollte als eine andere, so wissen wir nicht, wie sich die jeweilige Person damit fühlt. Unserer Ansicht nach ist es immer eine Grenzverletzung, wenn ohne Erlaubnis ein intimes Foto oder Video mit der Öffentlichkeit geteilt wird.

Wie ist das Täter*innenprofil? Was sind die häufigsten Motive?

Mit Blick auf den Missbrauch intimer Aufnahmen sind die Täter*innen in den meisten Fällen männlich. Für viele ist es ein Spaß, die Bilder zu verschicken, andere brüsten sich damit. In Fällen von Sextortion kann auch Rache ein wichtiges Motiv sein. Sogenannte Revenge-Pornos werden z.B. nach dem unfreiwilligen Ende einer Beziehung auf Porno-Plattformen gegen den Willen der Ex- Partnerin hochgeladen – mit der Absicht, sie öffentlich bloßzustellen und ihr zu schaden. Die Betroffenen sind oft Jahre und teilweise auch erfolglos damit beschäftigt, die Videos entfernen zu lassen. Bei den Täter*innen, die Kinder und Jugendliche im Netz missbrauchen (Stichwort Cybergrooming), handelt es sich fast ausschließlich um Männer. Sie haben ein sexuelles Interesse an Kindern und Jugendlichen und den Wunsch, Macht zu spüren und auszuüben. In den Chats versuchen die Täter*innen, Vertrauen zu den jungen Opfern aufzubauen. Sie schaffen eine emotionale Bindung und versuchen, die Kinder und Jugendlichen von ihrem sozialen Umfeld zu isolieren.

Was kann man präventiv tun – was ist die Aufgabe der Schulen/der Eltern – Stichwort "Medienkompetenz"?

Das Stichwort ist Aufklärung. Junge Menschen müssen von den Gefahren wissen, die es im Netz gibt. Sie werden von ihren Eltern oder Lehrer*innen ja auch über die Gefahren aufgeklärt, die es offline gibt. Genauso muss es mit den Online-Gefahren sein, mit denen sie oft noch viel schneller und leichter in Kontakt kommen können, nämlich mit nur einem Klick. Am besten wäre ein Schulfach "Medienkompetenz", das über Chancen und Risiken der Internetnutzung aufklärt. Im nächsten Schritt müssen Kinder und Jugendliche wissen, wie sie sich vor Online-Gefahren schützen können und wo sie Hilfe finden, wenn sie ein Problem haben.

Wie kann ich es verhindern, dass mein Kind ein Opfer wird?

Eltern sollten hinschauen, was ihre Kinder tun – nicht nur offline, sondern natürlich auch online. Blinde Handy-Verbote sind kontraproduktiv, Zuwendung und Vertrauen dagegen wichtig. Eltern sollten mit ihren Kindern sprechen und fragen, was sie für Apps nutzen, was ihnen besonders gefällt und was nicht. Und sie sollten sich selbst informieren: Wo sind Gefahren im Netz, worauf sollte ich mein Kind vorbereiten, wenn es das Internet nutzt. Feste Online-Zeiten zu vereinbaren ist hilfreich, damit der Medienkonsum nicht überhandnimmt und unter Kontrolle bleibt. Kinder und Jugendliche sollten mit einem kritischen Blick online gehen, nicht allem und jedem blind vertrauen, sondern erst einmal prüfen: Ist diese Quelle verlässlich? Sollte ich dieser Person wirklich ein Foto von mir schicken? Muss mein Chatpartner/meine Chatpartnerin wirklich wissen, wo genau ich wohne? Es ist ratsam, sparsam mit den persönlichen Daten im Netz umzugehen und die eigene Privatsphäre zu schützen. Gute Kontrollfragen für junge Menschen sind z. B.: Was würde ich einem/einer Fremden auf der Straße von mir erzählen? Und möchte ich, dass dieses Foto auch in fünf Jahren noch im Netz von mir gefunden werden kann? Denn wenn ich einmal meine Daten freigegeben habe, ein freizügiges Foto von mir verschickt habe oder meine Handynummer irgendwo angegeben habe, dann sind diese sehr schnell im Umlauf und kaum zurückzubekommen.

Was muss sich ändern, um die Taten einzudämmen?

Wir brauchen mehr Sicherheit im Netz. Dabei nehmen wir z.B. auch die Betreiber*innen der Online-Angebote in die Verantwortung. Diese müssen dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche besser geschützt sind, wenn sie ihre Anwendungen nutzen. Ein konkretes Beispiel: Wenn man bei bestimmten Social-Media-Plattformen ein Profil erstellt, ist dieses zunächst öffentlich und damit völlig ungeschützt. Die jungen Nutzer*innen müssten nun also von sich aus aktiv die Privatsphäre-Einstellungen durchgehen und einzeln bestimmen, welche Informationen und Funktionen sie freigeben möchten und welche nicht. Das müsste aus Jugendschutzgründen genau andersherum sein: Ein Profil sollte von vorneherein geschützt sein und der Nutzer/die Nutzerin könnte dann nach und nach freigeben, was er/sie möchte. TikTok hat Anfang des Jahres immerhin diese entsprechende Grundeinstellung für Profile, die von unter 16-Jährigen angelegt werden, eingerichtet. Wir hoffen, dass die Plattformen noch stärker ihre Verantwortung wahrnehmen.

Wohin kann man sich wenden, wenn man Opfer von Internetkriminalität wird?

Es gibt verschiedene Beratungsstellen, an die sich junge Menschen wenden können. JUUUPORT.de zum Beispiel ist eine bundesweite Online-Beratungsplattform für junge Menschen, die Probleme im Netz haben. Ehrenamtlich aktive Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Deutschland, die JUUUPORT-Scouts, helfen Gleichaltrigen bei Online-Problemen wie Cybermobbing, Cybergrooming, Stress in sozialen Medien, Online-Abzocke und Datenklau. Die Beratung via Kontaktformular oder Messenger (WhatsApp) ist datenschutzkonform und kostenlos. Neben der Beratung werden Online-Seminare für z.B. Schulen, Jugendclubs und Vereine angeboten.

Andere Beratungsangebote sind etwa "Nummer gegen Kummer", "save-me-online" oder der "WEISSE RING".

Betroffene können sich im Fall von Internetkriminalität auch Unterstützung bei ihrer örtlichen Polizeidirektion holen. Vielen Menschen hilft es, diesen Schritt gemeinsam mit einer Vertrauensperson, wie Freund*innen, Eltern oder anderen Bekannten, zu gehen.

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