Faktencheck zu "maischberger. die woche"

Sendung vom 23.02.2022

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Hubert Seipel, Friedrich Merz, Ljudmyla Melnyk, Kristina Dunz, Robert Habeck
Die Gäste (v.l.n.r.): Hubert Seipel, Friedrich Merz, Ljudmyla Melnyk, Kristina Dunz, Robert Habeck | Bild: WDR / Oliver Ziebe

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Wie abhängig ist Deutschland von russischen Energielieferungen?

Wie abhängig ist Deutschland von russischen Energielieferungen?

Verschiedentlich diskutierten wir in der Sendung über die Konsequenzen etwaiger Wirtschaftssanktionen gegen Russland, speziell im Hinblick auf den Energiesektor. Zentral war hierbei die Frage, wie abhängig Deutschland von russischen Lieferungen ist. Der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) erklärte, ein Importstopp könne hierzulande sehr wohl kompensiert werden. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Die Grünen) argumentierte zudem, dass Gas- und Rohstofflieferungen möglicherweise sogar aufrechterhalten werden könnten.

Sanktionen im Ukraine-Konflikt: Wie abhängig ist Deutschland von russischen Energielieferungen? | Video verfügbar bis 23.02.2023

Gabriel: "Wir haben vor ein paar Wochen in der Atlantik Brücke – sozusagen das jetzt hier kommen sehend – ein Gutachten in Auftrag gegeben beim IW, beim Institut der deutschen Wirtschaft, und haben gesagt, bitte sagt uns mal: Können wir uns eigentlich unabhängig machen, teilweise oder vollständig, von russischen Energielieferungen? Antwort: ja."

Maischberger: "Wir als Deutschland?"

Gabriel: "Als Deutschland. Erstmal wir als Deutschland. Antwort: ja."

Maischberger: "Dazu muss man wissen, 55 Prozent des deutschen Gases kommen aus Russland. Ich glaube, 40 Prozent des Öls und 30 Prozent der Kohle, oder es war umgekehrt. Also jedenfalls große Mengen."

Gabriel: "Kohle ist nicht mehr so unser Hauptproblem. Erdgas ist es im Kern."

Maischberger: "Aber wir beziehen es noch."

Gabriel: "Aber es gibt einen großen Vorteil, der verbunden ist mit der Liberalisierung des Energiemarktes. (…) Nämlich ein viel stärker vermaschtes Gasnetz. Das heißt, der Ausfall einer Förderrichtung kann durch das Einspeisen an anderer Stelle schnell ausgeglichen werden."

(…)

Maischberger: "Die Gaspreise sind im letzten Jahr schon durch die Decke gegangen, sie werden vermutlich in dieser Situation, weil eben Russland so ein wichtiger Gaslieferant für Deutschland ist, nochmals steigen. Müssen Sie heute also den deutschen Verbrauchern sagen, das werdet ihr spüren in eurer Geldbörse?"

Habeck: "Da bin ich erstens nicht sicher, dass es so kommt, und zweitens können wir an Alternativen arbeiten. Ich bin erstens nicht sicher, weil die kurzfristigen Schwankungen sich über das Jahr leicht ausgleichen können. Wir haben das jetzt schon gesehen, dass das Angebot am Gasmarkt sich ausweitet, und Länder, die sich besser bevorratet haben, ihre Vorräte jetzt abgeben. Also, wir sind weit von dem Gaspreis weg, den wir im Dezember hatten, trotz der zugespitzten Situation. Klar, es geht ein bisschen hoch, aber es kann sich auch zeitnah wieder entspannen. Und zweitens kann es auch gut sein, dass bei allem, was wir an Sanktionen möglicherweise erlassen, (…) die Gas- und Rohstofflieferungen aus Russland nach Europa, nach Deutschland stabil weitergehen können."

Stimmt das? Wie abhängig ist Deutschland von russischen Energielieferungen?

Prof. Dr. Andreas Löschel, Professor für Umwelt-/Ressourcenökonomik und Nachhaltigkeit an der Ruhr-Universität Bochum
Prof. Dr. Andreas Löschel, Professor für Umwelt-/Ressourcenökonomik und Nachhaltigkeit an der Ruhr-Universität Bochum | Bild: Dominik Schreiner

Tatsächlich ist Russland noch immer der wichtigste Energielieferant der Bundesrepublik Deutschland, wie aktuelle Daten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) zeigen. Demnach hatte Russland im Jahr 2020 einen Anteil von 34 Prozent an den deutschen Erdöl-Importen. Die Steinkohlen-Importe stammten zu 45 Prozent aus Russland. Besonders groß ist die Abhängigkeit jedoch beim Erdgas, wie auch der Ressourcenökonom Prof. Dr. Andreas Löschel von der Ruhr-Universität Bochum bestätigt:

"Mehr als die Hälfte des deutschen Erdgases kommt aus Russland. Erdgas ist zweitwichtigster Energieträger und hat einen Anteil von etwa 27 Prozent am deutschen Primärenergieverbrauch. Eine besondere Rolle spielt Erdgas bei der Wärmeerzeugung in Industrie und Haushalten. Erdgas wird fast vollständig importiert, hauptsächlich über Pipelines. Mittlerweile kommen aber über ein Drittel der Importe als Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas = LNG) über entsprechende Terminals in europäischen Nachbarländern nach Deutschland. Etwa 55 Prozent des deutschen Erdgases kommen aus Russland, etwa 31 Prozent aus Norwegen. Bisher war die Niederlande noch ein wichtiges Importland, dort wird die Förderung aber eingestellt."

Was also würde geschehen, wenn Gaslieferungen aus Russland künftig ausbleiben würden? Könnte das deutsche Energienetz einen Wegfall russischer Lieferungen ohne Weiteres verkraften? Zumindest für diesen Winter wäre das der Fall, erklärt Löschel weiter:

"Die milden Temperaturen und die hohen Preise haben die Nachfrage sinken lassen, die Gasspeicher sind wieder der Jahreszeit entsprechend gefüllt und es ist gelungen, den Import von LNG deutlich zu steigern. Prinzipiell gibt es durchaus freie Kapazitäten, etwa Gasimporte aus Nordafrika oder über LNG. Auch auf der Nachfrageseite könnten weiter hohe Erdgaspreise zu einem stärkeren Einsatz von Kohlekraftwerken, aber auch von Reservekraftwerken führen. Im Bereich der Industrie werden Bereiche wie die Ammoniakproduktion zurückgefahren werden. Sollten doch Versorgungsengpässe bestehen, dann wird es eine Priorisierung zu Gunsten der Haushalte geben. Der Wegfall wäre also zu verkraften, aber er würde zu hohen Kosten für Wirtschaft und Verbraucher führen."

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch das von Sigmar Gabriel in der Sendung angesprochene Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Das erst kürzlich erschienene Papier untersucht den deutschen Erdgasbedarf sowie bestehenden Lieferbeziehungen, mit Fokus auf russische Gasimporte. Den darin enthaltenen Modellierungen einer temporären Stilllegung der ukrainischen Transitroute zufolge sind nur geringe Versorgungsengpässe in einigen europäischen Staaten zu befürchten. Vor allem werden Auswirkungen auf die Gaspreise und Speicherstände erwartet. Wie lange Deutschland im Falle eines kompletten Wegfalls der russischen Lieferungen vor Versorgungslücken geschützt wäre, hänge von den verfügbaren LNG-Importen, Speicherständen und der Entwicklung der Außentemperaturen ab. Langfristig gelte es, den Erdgasbezug auch mithilfe von LNG zu diversifizieren und den Bedarf durch den Ausbau Erneuerbarer Energien zu senken, so die Handlungsempfehlung der Autoren.

Ähnlich wie Robert Habeck es in der Sendung formulierte, hält es aber auch Energie-Experte Löschel zunächst für denkbar, dass russische Importe weiter aufrechterhalten bleiben:

"Erdgasverträge werden zu einem großen Teil über lange Zeiträume geschlossen. Bisher hat Russland diese Kontrakte immer eingehalten, auch während des kalten Krieges. Das Nichteinhalten vertraglicher Bedingungen würde Russland als Energielieferant vollständig diskreditieren. Der  Verkauf von Erdöl und Erdgas machen aber auch etwa 40 Prozent des russischen Staatshaushalts aus und der Energiesektor etwa 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Ein dauerhafter Stopp der Lieferungen erscheint aus dieser Sicht eher unwahrscheinlich. Der Markt ist aber sehr skeptisch: der Gaspreis ist fast zehn Mal so hoch wie vor einem Jahr und hat sich zwischen Montag und der russischen Invasion am Mittwoch verdoppelt. Offensichtlich kann in der augenblicklichen Situation nichts ausgeschlossen werden. Daher ist es wichtig, in Zukunft ausreichende Speicherstände sicherzustellen und die LNG-Versorgung zu erweitern. Langfristig braucht es mehr erneuerbare Energien und den Aufbau einer internationalen Wasserstoffwirtschaft."

Fazit: Wie abhängig ist Deutschland von russischen Energielieferungen? Diese Frage beschäftigte uns in der Sendung verschiedentlich. Der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) etwa erklärte, ein Importstopp könne hierzulande sehr wohl kompensiert werden. Tatsächlich ist Russland noch immer der wichtigste Energielieferant der Bundesrepublik. Speziell beim Erdgas stammen etwa 55 Prozent der Importe aus Russland. Wie unser Experte bestätigt, wäre ein Wegfall der Lieferungen wenigstens für diesen Winter verkraftbar – wenn auch bei entsprechenden Preissteigerungen. Langfristig raten Fachleute zu einer stärkeren Diversifizierung des Erdgasbezugs, z.B. durch LNG-Importe. Auch der Ausbau der Erneuerbaren Energien kann in Zukunft dazu beitragen, den Bedarf zu senken. Noch besteht aber auch weiterhin die Möglichkeit, dass Gaslieferungen aus Russland weiter aufrechterhalten werden können.

Stand: 24.02.2022

Autor: Tim Berressem