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Günter Grass

Folge 19

Günter Grass
Günter Grass | Bild: NDR

Bei ihm gibt es "aschgraue Ehejahre", einen "summenden Garten" oder "blindgescheuertes Dielenholz". Grass, der große Wortmaler, ist einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller, seit er mit 32 Jahren sein Roman-Debüt "Die Blechtrommel" veröffentlicht und damit für ein literarisches Erdbeben gesorgt hat. Das Buch ist Sensation und Skandal zugleich, der Autor wird verteufelt und bejubelt. Es macht ihn und seine Figur, den trommelnden Oskar, über Nacht berühmt.

"Ich bin Schriftsteller, Bildhauer, Grafiker", sagt Günter Grass, "und dann habe ich noch einen Beruf: Nobelpreisträger – daran werde ich immer mal erinnert." Heute schleppen Literaturbegeisterte schwere Reisetaschen mit Büchern zu seinen Lesungen und legen ihm sein ganzes Lebenswerk zum Signieren vor: Den "Butt" und "Hundejahre" oder "Treffen in Telgte". Der 83-Jährige zeichnet für seine Leser geduldig sein kunstvoll erdachtes Autogramm in jedes Buch.

Seit Jahrzehnten ist der deutsche Schriftsteller eine Instanz – obwohl er von der Kritik oft verrissen wurde. Und Grass ist keiner, der leicht einsteckt: "Nein, an vernichtende Kritiken gewöhnt man sich nie, das verletzt mich tief. Was soll ich machen, ich arbeite einfach viel oder schreibe Gedichte, das macht es leichter."

Geschrieben und gezeichnet hat er schon in seiner Schulzeit – der junge Günter Grass wollte Künstler werden. Wenn er heute von seiner Danziger Kindheit erzählt, erinnert er sich an beengte Wohnverhältnisse und die Begeisterung der Erwachsenen für die Nazis, die Danzig "heim ins Reich" führen wollten. Als er sich mit 15 Jahren freiwillig zur Marine meldet, ist das auch ein Versuch, sich aus dem "kleinbürgerlichen Mief" zu befreien. Dass er 1944, mit 17, als Soldat in der 10. SS-Panzer-Division "Frundsberg" in die Schlacht zieht, bleibt lange verborgen. Als er sich 2006 in seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" erstmals öffentlich dazu bekennt, als Jugendlicher bei der Waffen-SS gedient zu haben, löst das große Irritationen aus. Beschäftigt hat es ihn Jahrzehnte: Die eigene Verführbarkeit in der Nazizeit bleibt ein Trauma, das er "wegarbeiten" musste. Für den jungen Bildhauer Grass war es in den 1950er Jahren wichtigster Antrieb zum Schreiben.

Seitdem hat Günter Grass drei autobiografische Romane verfasst. Im Herbst 2010 kam "Grimms Wörter" heraus, das er selbst "eine Liebeserklärung an die Gebrüder Grimm und ihre Leistungen an der deutschen Sprache" nennt. Vielleicht sein letztes Buch, mutmaßt der Schriftsteller selbst – und tourt damit auf einer monatelangen Lesereise. In seinem Atelier in Behlendorf arbeitet er an Radierungen, ritzt Geschichten mit der Stahlnadel in Kupferplatten. Vor einem halben Jahrhundert hat er "Hundejahre" geschrieben, jetzt entdeckt er seinen Roman als Grafiker neu. 80 Radierungen sollen im nächsten Jahr fertig sein, ein ehrgeiziges Ziel.

Filmautorin Dagmar Wittmers beobachtet Grass bei der Arbeit und begleitet ihn u. a. zu seinem Drucker Fritz Margull und zu seiner Schwester Waltraut. In Behlendorf und Lübeck erinnert er sich an sein turbulentes Künstlerleben: an seine Jahre in Paris und Berlin, an die Zeit an der Seite von Willy Brandt, dessen Reden er redigierte und für den er Wahlkampf machte. Freunde wie der israelische Schriftsteller Amos Oz, der Verleger Klaus Wagenbach, die Schauspielerin Katharina Thalbach sowie seine Tochter Helene erzählen, wie sie den Menschen und Künstler Günter Grass erleben.

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Mi, 03.08.11 | 22:45 Uhr

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