SENDETERMIN Mo, 10.03.14 | 23:30 Uhr

Geschichte im Ersten: Geheimnisvolle Orte (4)

Das Stammheimer Gefängnis

Geplant wurde die Justizvollzugsanstalt in Stuttgart-Stammheim als modernes, wirtschaftliches und vor allem sicheres  Untersuchungsgefängnis. In den 70er-Jahren aber wird es zum Symbol für staatliche Gewalt und sogar Justizmord.

JVA bei Nacht
Zaun und Außenmauer der JVA Stammheim sind nicht nur beleuchtet, sondern auch mit Hightech gesichert.

Musterbau für "schwere Jungs"

Anfang der 60er-Jahre wird der Stammheimer Gefängniskomplex auf der grünen Wiese gebaut. Er gilt als modernstes Gefängnis Deutschlands – eine Musteranstalt im "Musterländle". Die Presse feiert damals vor allem die Sicherheit des mit meterhohen Mauern, Stacheldraht, Kameras, Bewegungsmeldern und einem hochmodernen Schließsystem ausgerüsteten Gefängnisses. Geplant war Stammheim als Untersuchungsgefängnis, als es sich jedoch herumspricht, dass es die sicherste Anstalt im Südwesten ist, werden immer mehr Problem-Strafgefangene nach Stammheim verlegt.

RAF-Mitglieder
Im April 1974 werden führende Mitglieder der RAF nach Stammheim verlegt.

Der RAF-Prozess

1974 wird die Führungsriege der "Rote Armee Fraktion" in Stammheim untergebracht. Der 7.Stock des Haftgebäudes wird zum "Hochsicherheitstrakt" umgebaut. Dort warten Andreas Baader, Jan Karl Raspe, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof auf ihren Prozess. Trotz erleichterter Haftbedingungen gelingt es ihnen, unter anderem durch einen Hungerstreik, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, sie würden in Stammheim isoliert und gefoltert. Für die Prozesse wird auf dem Gelände der Haftanstalt ein neues Gebäude errichtet – eine Festung gegen den Terror.

Terror für die Freilassung

Im September 1977 wollen RAF-Terroristen durch die Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ihre Gesinnungsgenossen freipressen. In Stammheim wird daraufhin Kontaktsperre verhängt. Die Anstaltsleitung versucht, die Kommunikation unter den Gefangenen zu unterbinden.

Den Entführern kommt ein palästinensisches Kommando zur Hilfe, das eine Lufthansa-Maschine in seine Gewalt bringt. Doch die Entführung scheitert, alle Geiseln werden befreit. Am Tag nach der Geiselbefreiung werden drei der Stammheimer Terroristen tot in ihren Zellen aufgefunden. Zwei von ihnen haben sich erschossen.

Blick auf den Zellenbau 1
Ganz oben, im 7. Stock des Zellenbaus 1, lagen die Zellen der RAF-Terroristen.

Mord oder Selbstmord im Gefängnis?

Wie sind die Terroristen umgekommen? War es Mord oder Selbstmord? Und wie konnten Pistolen in den Hochsicherheitstrakt von Stammheim gelangen? Eine unabhängige Kommission untersucht die Vorfälle. Sie erklärt, die Waffen seien, in Aktenordnern versteckt, über die Anwälte der Gefangenen in den 7. Stock gelangt. Undichte Stelle sei das Prozessgebäude gewesen Doch es bleiben viele Ungereimtheiten. Die Frage ob Mord oder Selbstmord wird zur Glaubensfrage. Für viele bleibt Stammheim noch lange das Symbol für staatliche Gewalt und Justizmord.

"Affenkäfig"
Alltag im Hochsicherheitsgefängnis: Ein Betondach soll Befreiungsversuche aus der Luft verhindern, an den Seiten sind Netze und Gitter angeracht. Der Dachhof wird von den Insassen auch "Affenkäfig" genannt.

Das Gefängnis heute?

Sicherheit gilt in Stammheim noch immer als oberstes Gebot. An der Torwache sorgt ein Herzschlagdetektor dafür, dass niemand unentdeckt das Gefängnis verlassen kann. Nur drei Häftlingen ist es bis heute gelungen auszubrechen. Sie wurden bald wieder gefasst. Der Preis für die Sicherheit sind harte Haftbedingungen, unter denen vor allem länger einsitzende Gefangene leiden. Die Ausbruchsicherheit mag das erhöhen, aber menschlich ist das nicht. Und es macht die Gesellschaft alles andere als sicherer, denn das Ziel des Strafvollzugs, die Wiedereingliederung des Häftlings in die Gesellschaft, ist bei dieser Unterbringung kaum zu erreichen.

Ein Film von Ingo Helm

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Mo, 10.03.14 | 23:30 Uhr

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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Südwestrundfunk produziert.