SENDETERMIN So, 20.11.11 | 17:03 Uhr

Mit den Ohren sehen - die Hörbrille

Der Blinde Pranav Lal trägt eine dunkle Sonnenbrille mit integrierter Kamera
Pranav Lal trägt seine Hörbrille: Sie hilft ihm, sich in dem Café zurechtzufinden.

Es klingt wie ein Störgeräusch: ein Zirpen, Knattern und Fiepen im Sekundentakt. Doch dieser Lärm hilft Pranav Lal zu sehen: den Kuchen auf seinem Teller, das Glas auf dem Tisch, seinen Gesprächspartner, der ihm in einem Londoner Cafe gegenüber sitzt. Der 32jährige Inder Pranav ist von Geburt an blind - aber er kann paradoxerweise mit den Ohren sehen. Denn eine erstaunliche technische Erfindung erweitert seine Sinne. Er trägt eine sogenannte Hörbrille.

Die Hörbrille verwandelt Bilder in Töne

Computerbildschirm mit Schwarz-Weiß-Kamerabild
Der Computer übersetzt die Kamerabilder in Töne.

Entwickelt wurde das System, genannt "The vOICe", von Peter Meijer, einem Physiker und Erfinder aus den Niederlanden. Die Brille und alles Zubehör hat sich Pranav aber zu geringen Kosten selbst besorgt und zusammengebaut. Im Nasensteg der Brille ist eine kleine Kamera integriert. Sie überträgt Livebilder an einen kleinen Laptop, den er im Rucksack trägt. Dort wandelt ein Computerprogramm die Bilder in Töne um, die Pranav dann per Kopfhörer abhört.

Das Prinzip ist einfach: Das Bild wird von der Software von links nach rechts gescannt und auch der Stereoton im Kopfhörer wandert von links nach rechts. Je weiter oben im Bild eine Struktur liegt, desto höher ist der Ton. Je heller der Gegenstand, desto lauter. Bei einfachen Objekten ist das auch für den Laien schnell zu lernen. Eine komplexe Szene klingt für das ungeübte Ohr aber wie ein tonliches Durcheinander. Pranav kann die Töne der Brille aber inzwischen routiniert unterscheiden und viele Objekte nicht nur auf Anhieb erkennen, sondern geradezu sehen. Seit fast zehn Jahren trainiert der 32Jährige schon mit der Brille. Er ist mit ihr so vertraut, dass er sich nicht nur in geschlossenen Räumen, sondern sogar im Freien orientieren kann.

Forschung mit der Hörbrille

Probandin mit Hörbrille begutachtet einen Teller
Versuchsteilnehmer der Uni Düsseldorf trainieren mit Alltagsgegenständen.

Die Berichte von blinden Hörbrillennutzern wie Pranav Lal faszinieren auch Professorin Petra Stoerig. Am Institut für experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf untersucht sie, was genau passiert, wenn sich zwei Sinne - das Hören und das Sehen - durch die Hörbrille miteinander verbinden. Stoerig arbeitet dabei sowohl mit Blinden als auch mit nicht-blinden Versuchspersonen, denen die Augen verbunden werden.

Zu Beginn des Trainings mit der Hörbrille stehen einfache Übungen: Die Probanden müssen lernen, eine aufleuchtende Lampe nur über Töne zu lokalisieren. Wesentlich anspruchsvoller ist dann das Erkennen von Alltagsgegenständen. Die Versuchsteilnehmer trainieren über drei Wochen hinweg Teller, Haarbürsten, Tassen und Ähnliches am Klang zu identifizieren. Einigen Versuchspersonen sind dabei sogar für die ganzen drei Wochen durchgehend die Augen verbunden. Manche Probanden berichten dabei, dass sie im Laufe der Zeit immer wieder den Eindruck haben, Gegenstände schemenhaft zu sehen - und das, obwohl sie nur die Übersetzung der Brille hören.

Das Gehirn passt sich an

Computerbildschirm mit Darstellungen des Gehirns
Im Gehirn der Versuchspersonen sind Sehareale aktiv, obwohl sie nichts sehen.

Findet sich der Lernfortschritt der Versuchsteilnehmer auch im Gehirn? Das soll eine Untersuchung im Kernspintomographen klären. Zu Beginn und zum Ende der dreiwöchigen Trainingsphase wird die Gehirnaktivität gemessen, während ihnen Geräusche vorgespielt werden, die mit der Hörbrille aufgezeichnet wurden. Die Gehirnaktivität soll dann verraten, wie sie diese Informationen verarbeiten.

Das Ergebnis der Untersuchung liefert zum ersten Mal Belege, dass Nutzer der Hörbrille wirklich beginnen, mit den Ohren zu sehen. Nach dem dreiwöchigen Training zeichnet sich deutlich ab, dass im Gehirn der Probanden jetzt auch Areale aktiv sind, die normalerweise für das Sehen zuständig sind - während sie aber nicht sehen, sondern nur hören. Noch kann die Forschergruppe um Professor Stoerig aber nicht identifizieren, wovon es abhängt, ob ein Versuchsteilnehmer die Sehareale nur zur Analyse der Töne einsetzt und wann daraus ein echter Seheindruck entsteht.

Fotografieren für Blinde

er Blinde Pranav Lal fotografiert auf der Straße.
Pranav Lal: Trotz seiner Blindheit fotografiert er dank seiner Hörbrille.

Für Pranav Lal ist die Brille längst mehr als eine Orientierungshilfe. Er hat mittlerweile begonnen zu fotografieren. Die Töne verraten ihm Form und Lage der Motive und erlauben ihm sogar, die Ästhetik eines Objektes zu beurteilen. Regelmäßig besucht er Kunstgalerien und Museen und genießt es, die Kunstwerke ohne Sprachführer oder andere Hilfen betrachten zu können. Die Hörbrille und die Flexibilität des menschlichen Gehirns haben buchstäblich seinen Horizont erweitert. Jetzt wünscht er sich bloß, dass das System noch kompakter und handlicher wird. Dann könnte er es wirklich in jeder Lebenslage einsetzen - und rund um die Uhr mit den Ohren sehen.

Autor: Daniel Münter (WDR)

Stand: 06.11.2015 14:27 Uhr

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So, 20.11.11 | 17:03 Uhr

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